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Zu schön, um wahr zu sein

Was, wenn im L.A. der 1940er-Jahre Frauen, Schwarze und Schwule das Sagen gehabt hätten? Die Serie „Hollywood“ schreibt die Geschichte der Traumfabrik um

  • 5 Min.
Hollywood / Foto: Netflix

1940er-Jahre, Hollywood und die goldene Ära: Kriegsveteran Jack Castello träumt davon, Schauspieler zu werden, muss sich aber aufgrund fehlender Jobs und Geldnot erst mal an einer Tankstelle prostituieren. „Ich will nach Dreamland“ – so lautet der Code, mit dem Kundinnen und Kunden an der Tanke Sex kaufen können. Wie der Zufall so will, ist die erste Kundin von Castello die Ehefrau des Studiochefs Ace Amberg. Sie hilft ihm, Fuß im Filmgeschäft zu fassen. Immerhin bringt Castello alle Eigenschaften mit, die wichtig für eine Karriere im L.A. der 40er waren: Er ist weiß, männlich und heterosexuell. 

Molotowcocktails gegen einen diversen Cast

Die Miniserie „Hollywood” zeichnet ein alternatives Bild des Filmgeschäfts, in dessen Mittelpunkt Menschen stehen, die nicht dem damaligen Ideal entsprechen und für die lediglich stereotype Nebenrollen vorgesehen sind. Einer von ihnen ist der schwule afroamerikanische Autor Archie Coleman, der auch an der Tankstelle arbeitet und dessen Drehbuch verfilmt werden soll. Das Problem: Niemand wusste, dass Archie Schwarz ist. Auf so einen Skandal will der Studiochef Ace Amberg verzichten. Da Amberg allerdings nach einem Herzinfarkt ins Koma fällt, liegt die Entscheidung darüber nicht mehr bei ihm, sondern bei seiner Frau.

Sie entscheidet, dass der Film produziert werden soll: Regie führt der Halbphilippiner Raymond Ainsley, die Hauptrolle übernimmt neben Jack Castello die Schwarze Schauspielerin Camille Washington. Eine Nebenrolle geht an die chinesisch-amerikanische Schauspielerin Anna May Wong. Mitglieder des Ku-Klux-Klans reagieren zwar mit Molotowcocktails auf die Pläne des Filmstudios, und Kinos im Süden der USA drohen mit Boykott. Trotzdem läuft die Filmproduktion weiter, übrigens im Gegensatz zu diesen kurz angeschnittenen, offenen Handlungssträngen. In einer Nebenhandlung der Serie verfolgt man den Jungschauspieler Rock Hudson, der Archie kennenlernt, sich verliebt und nebenbei zu Sex von seinem Agenten Henry Willson genötigt wird. 

Die Miniserie läuft seit 1. Mai beim Streaming-Anbieter Netflix

Nicht alles nur geträumt

„Hollywood“ lässt wahre Gegebenheiten wunderbar mit fiktiven Geschichten verschmelzen: So gab es neben dem zweifelhaften Agenten Willson, der eine Vielzahl junger Männer managte, auch die Schauspielerin Anna May Wong im echten Leben. Sie verlor aufgrund der damaligen Produktionsvorschriften (der männliche Gegenpart war weiß – „gemischte“ Paare durften nicht gezeigt werden) die Rolle einer chinesischen Frau an eine weiße Schauspielerin, die für diese Performance anschließend einen Oscar gewann. Die Serie hält dabei aber, ganz im Gegensatz zur Realität, ein unerwartetes Happy End für Wong bereit, genau wie für Schauspieler Rock Hudson, der in der Serie im Jahr 1948 – 21 Jahre vor dem Stonewall-Aufstand, an den der Christopher Street Day erinnert – Hand in Hand mit Archie über den roten Teppich läuft. In Wirklichkeit war Hudsons Homosexualität ein offenes Geheimnis, bis er 1985 an den Folgen von Aids starb.

Neben dem starken Plot liefert die Serie auch einen diversen Cast. Die Kostüme sind zudem so atemberaubend, dass sie fast davon ablenken, wie verklärt die Netflix-Produktion Prostitution darstellt und wie eindimensional viele der Charaktere bleiben. So erfahren die Zuschauenden über Raymond Ainsley eigentlich nichts, abgesehen davon, dass er einen philippinischen Migrationshintergrund hat, während Figuren wie Jack Castello, der für eine Vielzahl weißer Hollywoodstars stehen könnte, viel mehr Zeit eingeräumt wird. Außerdem tut die Serie so, als gäbe es ganz einfache Lösungen gegen menschenfeindliche Machtstrukturen, und macht damit indirekt die Kämpfe vieler Bewegungen, die noch bis heute andauern, kleiner. Damit ignoriert sie das komplexe System dahinter und hält genau das, was sie verspricht: ein Hollywood-Ende, das einfach viel zu schön ist, um wahr zu sein.

Übrigens: Wir schreiben hier „Schwarz“ groß, um zu verdeutlichen, dass es keine „Eigenschaft“ ist, die mit Hautfarbe zu tun hat, keine Kategorie, in der man Menschen einordnen kann. Der Begriff „Schwarz“ ist hier eine politische Selbstbezeichnung von Menschen afrikanischer Herkunft, deren Erfahrung durch Kolonialismus und Rassismus geprägt ist.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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