Ob im Schützenverein oder in Shooter-Games. Für viele Menschen hat es einen ungemeinen Reiz, zur Waffe zu greifen. Liegt das in unserer Natur? Wie kann ein vernünftiger Umgang mit Waffen gelingen? Und erhöhen Computerspiele tatsächlich die Bereitschaft, von einer echten Waffe Gebrauch zu machen? Alles Fragen, denen Dietmar Heubrock als Psychologe auf den Grund gegangen ist. 

fluter.de: Herr Professor Heubrock, sind Waffen zum Töten da?

Erst mal sind Waffen zum Töten da. Ja. Aber wenn man sich anschaut, wo legale Waffen heute in der deutschen Gesellschaft verwendet werden, dann ist das einerseits die Jagd, wo natürlich Tiere getötet werden, und zweitens gibt es das traditionell tief verwurzelte Sportschützenwesen. Dort geht es nicht um das Töten, und es ist auch nicht als Vorbereitung auf das Töten gedacht, sondern es hat rein sportliche Zwecke. 

Spielt Aggression bei Jägern eine Rolle?

Wir haben Untersuchungen zur Persönlichkeitsstruktur von Jägern gemacht. Dabei haben wir festgestellt, dass das Aggressionspotenzial bei aktiven Jägern geringer ist als das in der Durchschnittsbevölkerung. Jäger gehen primär nicht auf die Jagd, weil sie ihrem Aggressionstrieb nachkommen und unbedingt töten wollen, sondern weil sie in der Natur sein wollen. 

Aber man kann auch zum Pilzesammeln in den Wald gehen.

Das ist richtig. Jäger haben das Bedürfnis, möglichst eng mit der Natur, mit dem Wald und mit den Tieren verbunden zu sein. Und dazu gehört auch seit Urzeiten das Töten, aber nicht nur. Das verändert sich auch im Laufe des Alters. Junge Jäger fiebern ihrer ersten Erlegung entgegen, während es bei älteren Jägern durchaus vorkommt, dass sie nicht schießen, auch wenn sie die Gelegenheit dazu haben. 

Wir sprechen ja jetzt von Schusswaffen. Aber es gibt natürlich eine Menge anderer legaler Waffen wie Armbrüste, Messer oder Macheten, die relativ frei erhältlich sind.

Die man aber nicht auf der Straße führen darf. 

Genau. Aber woher stammt die Faszination des Menschen für die Waffe?

Waffen hatten immer eine lebenserhaltende Bedeutung. Waffen haben die Lebensgrundlage für die Familie oder für den Stamm gesichert. Deswegen wurde aus Waffen häufig ein Kult gemacht. Bei Indianern sind Speere verehrt worden. Und das hat sich ein Stück weit erhalten. Es gibt Untersuchungen über Jungen in unterschiedlichen Kulturkreisen, die im Kindesalter aus Ästen beispielsweise Speere schnitzen. Die Bedeutung der Waffe steckt also tief in uns drin. 

Das heißt: Es bringt nichts, Kindern das Spielen mit Waffen zu verbieten?

Ich habe mich ja früher als Kriegsdienstverweigerer auch dafür eingesetzt, dass Waffen aus den Kinderzimmern verschwinden. Das war ideologisch geprägt. Und im Nachhinein würde ich sagen: Diese Aktionen waren nicht menschengerecht. 

Es ist also nichts dagegen einzuwenden, wenn Kinder mit Plastikgewehren spielen?

Überhaupt nicht. Das Spielen mit Waffen führt nicht zwangsläufig dazu, dass sich jemand zu einem Amokläufer oder Waffennarr entwickelt. Waffen an sich machen nicht krank. Und diese Faszination für Waffen im Kindesalter vergeht auch wieder. 

Auch in Computerspielen wird ja gern geballert. Fördert so etwas die Aggression?

Wenn man sich anschaut, welcher Shooter-Spieler tatsächlich jemanden mit einer Waffe verletzt oder getötet hat: Also diese Zahl ist verschwindend gering. Natürlich kommt diese Diskussion auf, wenn man erfährt, dass Amokschützen wie Robert Steinhäuser Shooter gespielt haben. Aber das tun 70 Prozent der männlichen Jugendlichen. 

Spiele oder Waffen wirken also nicht als Aggressionsbeschleuniger? 

Das ist reine Ideologie. Es ist nicht populär, das zu sagen. Aber wie Mädchen lieber zu einer blonden Barbie greifen, nehmen Jungs halt lieber eine Knarre in die Hand. Jungs wollen sich mächtig fühlen. Wie eben die Krieger, die früher ausgezogen und mit einem erlegten Mammut zurückgekehrt sind und denen dafür Respekt entgegengebracht wurde. Und natürlich posieren Jungs deswegen heute noch gern mit Waffen. Das bedeutet aber nicht, dass sie dann tatsächlich auf Menschen schießen. Überhaupt wünsche ich mir, dass man in der Diskussion über Waffen sehr viel sachlicher an das Thema herangehen würde – und bitte nicht ideologisch.

Das klingt für mich aber doch ein bisschen sehr nach Geschlechterklischees. Sind die einer sachlichen Debatte nicht eher abträglich? 

Nein, im Gegenteil. Klischees sind Vorurteile, die einer Überprüfung an der Realität nicht standhalten. Um ein solches Klischee handelt es sich, wenn wir die Geschlechterunterschiede, gerade die angeborenen, künstlich wegdiskutieren, weil sie nicht in unser Wunschdenken passen. Ich halte es für aufrichtiger, diese Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen auch offen zu benennen, und wir kommen dann einer sachlichen Diskussion über die zeitweise Faszination für Waffen von Jungen auch näher; wir würden dann auch erkennen können, dass es sich um eine Entwicklungsphase handelt, von der keine echte Gefahr ausgeht. Ich denke, das würde die gesamte Diskussion um Waffen und ihre Bedeutung in unserer Gesellschaft entspannen.

Nach Amokläufen wie in Erfurt und Winnenden wird ja häufig eine Verschärfung des Waffengesetzes gefordert. Sind solche Rechtsverschärfungen überhaupt eine Garantie für die Sicherheit vor Waffen? 

Nein. Das wäre nur dann möglich, wenn sämtliche Waffen aus der Zivilgesellschaft verschwinden würden. Das ist einfach unrealistisch. Die Waffengesetze, die wir in Deutschland haben, sind absolut hinreichend. Auch für eine Liberalisierung des Waffengesetzes gibt es keine Notwendigkeit. Wir wollen hier keine amerikanischen Verhältnisse. Wir haben andere kulturelle Voraussetzungen. In den USA geht die Kultur auf die Zeit des Wilden Westens zurück, als die Siedler mit der Waffe in der Hand Land erobert und verteidigt haben. Deswegen heißt es dort bis heute, dass man sein Land und seine Familie mit der Waffe beschützen dürfe. Diese Tradition hat nichts mit Deutschland zu tun. 

Das Problem sind ja auch nicht die legalen Waffen, oder?

Die meisten Straftaten in Deutschland werden mit illegalen Waffen verübt. Und deren Besitz ist leider überhaupt nicht zu kontrollieren. Als die sowjetischen Soldaten aus der ehemaligen DDR abgezogen sind, haben sie häufig ihre Pistolen samt Munition verkauft. So sind Zehntausende Waffen auf dem Schwarzmarkt gelandet. Mit polizeilichen Mitteln kann man das kaum noch kontrollieren. Das ist keine schöne Wahrheit. Aber wir wollen ja auch keine falschen Sicherheitsgefühle hervorrufen.

Und wie viele Tötungsdelikte werden mit legalen Schusswaffen verübt?

Nur 0,6 Prozent. Die meisten Tötungsdelikte sind innerfamiliäre Eskalationen. Und da geht jemand, der zum Beispiel Jäger ist und deshalb eine Waffe besitzt, ja nicht an seinen Tresor, schließt auf, holt die Büchse heraus und erschießt damit seine Frau. In dieser Zeit wäre der Affekt längst verpufft. Meistens greift man dann eben in den Messerblock und zieht das Fleischermesser heraus. 

Während Amokläufe viel länger geplant sind.

Genau. Amokläufe sind keine Affekttaten. Die sind lange vorbereitet und haben eine ganz andere psychische Verfassung des Täters zur Grundlage. Das sind meistens Leute mit einer depressiven Persönlichkeitsstruktur, die abgerutscht sind, sich von der Welt ungerecht behandelt gefühlt haben und sich rächen wollten. Das Rachemotiv ist dabei entscheidend. Diese Fälle sind selten und kann man nicht als Beispiel für das Tötungsdelikt schlechthin nehmen. 

Kann man eine Neigung zum Waffenmissbrauch denn tatsächlich mit Hilfe eines psychologischen Tests, wie Sie ihn für Jäger oder für Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen entwickelt haben, feststellen?

Ja. Unsere Diagnostika und Fragebögen geben Aufschluss über die Persönlichkeitsstruktur. Für die Erstellung dieser Tests lagen uns Daten von Legal- und Illegalwaffenbesitzern vor und von solchen, die wegen einer Körperverletzung oder einer Tötung mit einer Schusswaffe im Gefängnis gesessen haben. Zu den Fragen in den Tests sagen wir aber nichts, da man sich sonst auf die Tests einstellen könnte. 

Eine Frage zum Schluss. Haben Sie persönlich ein Faible für Waffen? 

Ich habe kein Faible für Waffen, aber ich bin selbst als aktiver Jäger Legalwaffenbesitzer. Dabei betrachte ich die Flinte und die Büchse als Handwerkszeug, wie ein Schreiner seinen Hobel und seine Schraubzwinge; ich habe also kein erotisches Verhältnis zu meinen Jagdwaffen.

Dietmar Heubrock ist Direktor des Instituts für Rechtspsychologie an der Universität Bremen. In seiner Arbeit beschäftigt er sich u. a. mit der Prävention von Attentaten im öffentlichen Raum, Gefährdungsanalysen bei Bedrohungslagen und mit der psychologischen Begutachtung der persönlichen Eignung und der geistigen Reife zum Waffenbesitz nach dem Waffengesetz. Bei der Novelle des Waffengesetzes war er Sachverständiger vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages. 

Die Fotografen Miguel Hahn und Jan-Christoph Hartung leben in Madrid und Berlin. Ihre Arbeit Firearms and Soap Bubbles zeigt private Waffenbesitzer in Deutschland.