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Dem Problem einen Raum geben

Schottland hat die höchste Zahl an Drogentoten in ganz Europa. Nun soll in Glasgow der erste offizielle Raum für Drogenkonsum in ganz Großbritannien eröffnet werden – obwohl das eigentlich illegal ist

Obdachloser in Glasgow

Eine kalte und windige Nacht in Glasgow. Feine Tropfen fallen vom Himmel und verwandeln die schmalen Gassen der schottischen Stadt in kleine Bäche. Neben dem Eingang eines Supermarktes liegt James auf einer Matratze, die er sich mit seinem Hund und ein paar Freunden teilt. Er ist 19 Jahre alt, sein Gesicht fein, die Haare lockig.

„Vor ein paar Tagen hatte ich noch ein Zelt, aber das wurde geklaut“, erzählt er. Ein paar Typen hätten ihm einen kostenlosen Schuss angeboten und dann, als er benebelt einschlief, die Gelegenheit genutzt, um ihn auszurauben. Seit einiger Zeit nimmt James Benzodiazepine, kleine weiße Pillen, eigentlich ein Beruhigungsmittel, das stark abhängig macht, häufig mit anderen Substanzen wie Fentanyl kombiniert wird und auch als Straßenvalium bekannt ist.

Er sei in Kinderheimen aufgewachsen, erzählt er, Kontakt zu seiner Familie habe er schon lange nicht mehr. Er habe einige Zeit lang gedealt, dann die Substanzen selber konsumiert und sei so auf der Straße gelandet. Wie lange, kann er nicht genau sagen. „Ein, zwei Jahre bestimmt.“

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Robert von "See the Invsibles" im Gespräch mit einem ihrer Klienten
Robert von „See the Invsibles“ im Gespräch mit einem ihrer Klienten

Eine Hilfskarawane nähert sich. „See The Invisibles“, eine Gruppe Freiwilliger, zieht jeden Sonntagabend für einige Stunden mit Bollerwagen durch die Glasgower Innenstadt und versorgt jene, die wie James auf der Straße leben, mit dem Nötigsten: frische Schlafsäcke, Handschuhe, Snacks und Wasser. Manchen reichen sie auch nur die Telefonnummer der lokalen Notunterkünfte für Obdachlose, die sie anrufen können, wenn es wirklich kritisch wird.

„Wir treffen James hier seit mehreren Wochen“, erzählt Robert, ein hochgewachsener Mann um die 50. „Von Mal zu Mal sieht er kränker aus. Straßenvalium ist heftig. Aber für viele ist das eben die einzige Ablenkung vom Leben auf der Straße.“ Die Einsamkeit, die fehlende Perspektive im Leben: Menschen, die schon länger auf der Straße leben, beginnen, sich an ihre Situation zu gewöhnen. Deshalb, so erzählt Robert, sei es so schwer, sie nach einigen in der Obdachlosigkeit verbrachten Jahren wieder in ein geordnetes Leben zurückzuführen.

Robert geht in die Hocke und überreicht James einen trockenen Schlafsack. „Brauchst du sonst noch was?“ James lehnt ab und wickelt sich ein. 

Schottland hat heutzutage das größte Drogenproblem Europas. Der Niedergang des Kohlebergbaus ab 1980 ließ ganze Familien ohne Arbeitsplatz zurück und führte sie in große Armut. Bis heute sind viele Stadtteile Glasgows benachteiligt, es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit, die Lebenserwartung ist niedrig, die Mordrate hoch, der Gesundheitszustand vieler Einwohner schlecht. Als Ausweg und zur Ablenkung greifen viele zu Spritzen und Pillen. In den letzten Jahrzehnten ist deshalb die Zahl der Drogentoten in Schottland extrem gestiegen.

Pro Million Einwohner sterben in Schottland laut dem Drogen-Report der schottischen Regierung von August 2023 etwa 200 Menschen jährlich durch Drogenmissbrauch, im Schnitt drei Menschen pro Tag. Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Wert bei 23 Drogentoten pro Million Einwohner, in Schweden bei 43. Schottland hat damit die meisten Drogentoten europaweit, einen höheren Wert findet man sonst nur in den USA, wo die Fentanyl-Krise in den vergangenen Jahren Hunderttausende Todesopfer gefordert hat. Wie soll man damit umgehen?

Obdachloser in Glasgow
In Glasgow leben viele Menschen auf der Straße. Nicht alle haben ein eigenes Zelt

Die schottische und die britische Politik ringen seit vielen Jahren um die richtige Herangehensweise. Schottlands Regierung, die ähnlich arbeiten kann wie eine Landesregierung, hat das Problem lange ignoriert. Die regierende Scottish National Party (SNP) hat die hohe Anzahl der Drogentoten immer wieder genutzt, um die von ihr geforderte Unabhängigkeit von der britischen Krone zu propagieren. Die starren Regeln aus London würden eine effektive Drogenpolitik verhindern.

Peter ist Aktivist. Seit Jahren setzt er sich für eine Lockerung der Gesetze ein. Die Null-Toleranz-Politik der konservativen Tories und der sozialdemokratischen Labour-Partei hält er für kontraproduktiv. „Die Regierung in London steckt weiterhin in dem Irrglauben fest, wenn man die Menschen nur hart genug bestrafe, würden sie mit dem Konsum aufhören, auch wenn wir seit Jahren sehen, dass das nicht funktioniert.“ Das Problem würde seit Jahrzehnten ignoriert – ganz gleich, wer an der Macht gewesen sei. So habe sich die Drogensucht völlig unkontrolliert ausgebreitet. Bis heute sind die britische Labour-Partei sowie die regierenden Tories der Meinung, ein legaler Konsumraum würde das Problem verschlimmern. „Menschen nehmen nun einmal Drogen. Es macht keinen Sinn, ihnen zusätzlich das Leben schwerer zu machen“, findet Peter.

„Cranstoun“, die Organisation, für die Peter arbeitet, bietet Heroinabhängigen deshalb kostenlos Diamorphin an, also pharmazeutisch hergestelltes Heroin. Schon vor einigen Jahren begann Peter, mit einem umgebauten Rettungswagen durch die Innenstadt Glasgows zu fahren und Abhängigen einen sicheren Konsumraum anzubieten. Unter Aufsicht, so erzählt er, wäre die Gefahr geringer, auch wegen der Reinheit des Stoffes. Überdosen könnten rechtzeitig erkannt und Notfallmaßnahmen eingeleitet werden.

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Peter
Peter kämpft für einen Konsumraum

Offiziell ist Peters Aktion nach britischer Rechtslage verboten. Dennoch toleriere die Polizei seine Arbeit. „Einmal haben sie eine Kontrolle meines Wagens angesetzt, was ich nicht zugelassen habe – schließlich hatten wir gerade zwei Konsumenten in Behandlung.“ Daraufhin habe er eine amtliche Verwarnung wegen Beamtenbehinderung bekommen. Mehr sei aber nicht passiert.

Nach jahrelangem Streit zwischen den Regierungen reagierte die schottische Regierung im September 2023 mit einem Kurswechsel auf das Problem: Sie gab grünes Licht für einen staatlich finanzierten Drogenkonsumraum, ein Pilotprojekt, das in der Glasgower Innenstadt eröffnet werden soll.

In Kabinen dürfen Abhängige dort straffrei konsumieren. Mediziner überwachen die korrekte Einnahme, prüfen den Stoff auf Verunreinigungen und stellen frische Nadeln bereit. Die schottische Regierung hofft, dass so weniger Menschen an einer Überdosis oder infolge von verschmutzten Nadeln an Infektionen sterben.  

Besitz und Konsum von Drogen bleiben in Großbritannien weiterhin illegal – auch in einem Konsumraum wie dem in Glasgow. Doch der ranghöchste schottische Justizbeamte verkündete, dass er jene, die im Konsumraum Drogen nehmen, nicht strafrechtlich verfolgen würde.

Begleitet wurde die Entscheidung der schottischen Regierung von heftigem Widerstand aus London. Premierminister Rishi Sunak sagte im September: „Wir sind mit Drogenkonsumräumen nicht einverstanden, weil wir der Meinung sind, dass sie den illegalen Drogenkonsum dulden.“ Alternativen, wie man die Todeszahlen in den Griff bekommen könnte, nannte er allerdings nicht.

Zurück auf der Straße, im Regen der Glasgower Nacht: Die Hilfskarawane von „See The Invisibles“ hat ihre Tour fast beendet und biegt in die Merchant City ein. Über vier Stunden waren sie an diesem Abend unterwegs. Am Ende stehen 26 Einträge in Roberts Notizbuch, alles Menschen, denen sie heute helfen konnten. „Unsere Arbeit ist Schadensbegrenzung. Um das Problem wirklich zu lösen, müsste man aus meiner Sicht viel weiter gehen. Eine Entkriminalisierung von Drogendelikten, um die Spirale aus Sucht, Straße und Gefängnis zu unterbrechen, und natürlich deutlich mehr Geld für Sozialarbeit.“ Ein Konsumraum sei nicht die Lösung dafür, dass weniger Menschen abhängig werden und Drogen nehmen, es könnte nur eine Möglichkeit sein, Tote zu verhindern.

Auch in dieser Nacht werden wieder um die drei Menschen schottlandweit gestorben sein.

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