Nicht schlecht, liebe Nachbarn! In Dänemark hat der erste Supermarkt eröffnet, der ausschließlich abgelaufene und aussortierte Lebensmittel verkauft, in Frankreich wurde kürzlich beschlossen, dass Läden ab einer bestimmten Größe unverkaufte Nahrungsmittel spenden müssen. Aussortiertes kann außerdem kompostiert oder zu Tierfutter verarbeitet werden, bei Missachtung drohen hohe Strafen. Italien will bald mit einem ähnlichen Gesetz folgen.

Ihr müsst nicht gleich containern gehen: Viele Lebensmittel könnten gerettet werden, bevor sie in die Tonne kommen

Nicht ohne Grund sähen die deutschen Verbraucherzentralen solche Vorstöße gern auch hierzulande: Der WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ zufolge werden in Deutschland jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – und fast 10 Millionen davon sollen vermeidbar sein.

Für knapp die Hälfte der vermeidbaren Lebensmittelabfälle sind laut WWF die Endverbraucher verantwortlich, weil sie ihre Einkäufe nicht vernünftig planen, Lebensmittel falsch lagern, das Mindesthaltbarkeitsdatum fehlinterpretieren und zu selten Reste-Essen machen. Das entspricht jährlich 61 Kilogramm pro Person in deutschen Haushalten.

Was viele nicht wissen: Das für viele Lebensmittel gesetzlich vorgeschriebene Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) wird von den Herstellern nach eigenem Ermessen festgelegt. Auf der einen Seite wirkt es verkaufsfördernd: Vermeintlich ungenießbare Lebensmittel landen im Müll und es werden neue gekauft. Auf der anderen Seite sichern sie sich damit auch gegen Schadenersatzansprüche ab, die Verbraucher gegen das Unternehmen richten können, wenn ein Produkt nicht mehr ihren Erwartungen in puncto Geschmack, Konsistenz, Farbe oder Geruch entspricht. Wie lange ein Lebensmittel tatsächlich genießbar ist, sagt das MHD jedoch nicht aus. Ernährungsminister Christian Schmidt möchte deshalb das MHD von lange haltbaren Lebensmitteln wie Nudeln und Reis entfernen und lediglich ein Herstellungsdatum nennen, für besonders empfindliche Nahrungsmittel wie Fisch- und Fleischprodukte stattdessen ein Verfallsdatum vorschreiben.

Die Verschwendung nervt auch viele Jungunternehmern und Aktivisten

Doch nicht wenige Lebensmittel schaffen es gar nicht bis zum Verbraucher, weil sie auf dem Weg in den Handel verderben, dort weggeworfen werden oder nicht den Normen entsprechen. Letztere kommen nicht etwa alle von der EU, sondern zum Teil von den Handelsketten selbst – wohl aus Angst, nicht der Norm entsprechende Ware verkaufe sich schlechter.

Das geht mittlerweile auch vielen Jungunternehmern und Aktivisten gegen den Strich. Sie wollen die Wertschätzung für Lebensmittel wieder steigern und Menschen für das Thema sensibilisieren. Hier verraten sie uns, welche Gedanken sie sich zur Lösung des Problems gemacht haben.

Culinary Misfits

Die beiden Berlinerinnen Tanja Krakowski und Lea Brumsack widmen sich seit 2012 unter dem Motto „Esst die ganze Ernte!“ krummem Gemüse, das es gar nicht erst ins Supermarktregal schafft:

Wir zeigen auf ästhetische Art, dass Misfits, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, nicht nur lecker sind, sondern dass es auch sehr viel Spaß macht, mit charakteristischen Wurzeln und unbekannten Sorten zu experimentieren. In unseren Workshops lehren wir traditionelles Küchenhandwerk, verraten Tricks wie die ganzheitliche Gemüseverarbeitung, erzählen Anekdoten zwischen Acker und Teller und leben als Designerinnen unsere gestalterische Seite aus.

Wir alle müssen wieder zu Akteuren werden. Konkret heißt das: vielfältige Lebensmittel direkt beim Produzenten einkaufen, zu unbekannten Gemüsesorten greifen, saisonal kochen – und das gemeinsame Kochen und Essen zelebrieren. Wie wäre es außerdem mit einem Gesetz, dass auch unförmige Kartoffeln oder zweibeinige Möhren im Handel angeboten werden müssen?

Foodsharing

Die Wurzeln dieses Vereins liegen im Jahr 2012, er entstand um den „Taste the Waste“-Regisseur Valentin Thurn und den Aktivisten Raphael Fellmer mit seiner konsumkritischen „Initiative Lebensmittelretten“:

Wir sollten nicht dem Konsumdiktat des Handels auf den Leim gehen – nicht immer sofort alles wegschmeißen, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, und uns nicht zu schade sein, eine braune Stelle am Apfel wegzuschneiden oder aus einer schrumpeligen Paprika noch etwas Leckeres zu kochen.

Was trotzdem zu viel ist, kann prima weitergegeben werden. Auf foodsharing.de wollen wir eine Plattform gegen die Verschwendung etablieren, auf der Privatpersonen, HändlerInnen, Vereine und Produzent/-innen überschüssige Lebensmittel kostenlos anbieten können. Außerdem gibt es mittlerweile mehr als 300 „Fair-Teiler“ – öffentlich zugängliche Kühlschränke und Regale, in denen überschüssige Lebensmittel zur Verfügung gestellt beziehungsweise für den eigenen Bedarf entnommen werden können – und in vielen großen Städten im deutschsprachigen Raum auch sogenannte „Foodsaver“. Sie holen abgeschriebene oder aussortierte Lebensmittel in kooperierenden Betrieben ab und verteilen sie weiter.

Restlos glücklich

Der Verein, den es seit 2014 gibt, will ein Bildungsrestaurant nach dem Vorbild des Kopenhagener „Rub&Stub“ eröffnen, in dem nur mit Lebensmitteln gekocht wird, die anderswo aussortiert worden sind. Derzeit kochen die Berliner im Probebetrieb, als sogenannte „Pop-up-Kitchen“:

Das größte Problem ist die fehlende Wertschätzung von Lebensmitteln. Verbraucher und der Handel wissen durch das Überangebot nicht mehr, wie viele Ressourcen in ein Nahrungsmittel fließen, bis dieses auf dem Teller landet, und tendieren dazu, Lebensmittel unhinterfragt wegzuschmeißen.

Die aktuelle Entwicklung – beispielsweise das Wegwerfverbot in französischen Supermärkten und eine Diskussion über das Mindesthaltbarkeitsdatum – sind erste Schritte, die wir stark befürworten! Wir setzen jedoch beim Verbraucher an, der durch sein Verhalten einen großen Einfluss besitzt. Warum nicht mal kreativ in der Küche sein, zum Beispiel aus alten Brotresten einen Kirschmichel machen, im Restaurant kleine Portionen bestellen und das eigene Kaufverhalten hinterfragen?

The Good Food

Das junge Start-up will einen Supermarkt eröffnen, in dem vor dem Müll gerettete Lebensmittel zu günstigen Preisen verkauft werden. Momentan testen die Kölnerinnen auf Märkten, was bei den Kunden ankommt:

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist in den meisten Fällen Quatsch. 1000 Jahre altes Salz trägt ein MHD – das ist doch verrückt! Wir klären deshalb über das MHD auf, indem wir Menschen abgelaufene Lebensmittel und nicht der Norm entsprechendes Obst und Gemüse probieren lassen und verkaufen. Auch die Politik müsste genauer informieren, was MHD und Verfallsdatum unterscheidet. Sie sollte zudem das MHD von vielen Produkten entfernen und die Verpackungsgrößen anpassen: Beispielsweise bei Orangennetzen landet immer das ganze Netz im Müll, dabei ist meist nur EINE Orange schimmlig.

Problematisch ist übrigens, dass es bisher keine Verpflichtung für den Handel gibt, die aussortierten Lebensmittel zu dokumentieren. An welchen Zahlen soll man das Ziel der Bundesregierung, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren, dann messen?

Auch eine Lösung: Einfrieren, was nicht bald verbraucht wird

Dörrwerk

Das Berliner Unternehmen rettet seit 2015 Obst, das aufgrund kleiner Mängel wie Druckstellen nicht mehr in den normalen Handel kommt, und macht daraus „Fruchtpapier“ – Esspapier aus Obst:

Auf der Seite von Unternehmen und Industrie zählt vor allem profitables Wirtschaften, so dass oft Verluste von Lebensmitteln in Kauf genommen werden, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll sind. Es gibt aber auch Gesetze, Normen und Richtlinien, die den Verkauf oder das Spenden beschädigter und abgelaufener Lebensmittel verhindern. Dass es anders geht, hat Frankreich vorgemacht.

Auf der Seite der Verbraucher gibt es in unserer Gesellschaft einfach zu wenig Bezug zu den Lebensmitteln, zur Arbeit und zu den Ressourcen, die in ihnen stecken. Daher vergessen wir oft, wie wertvoll sie sind und gehen manchmal achtlos mit ihnen um. Dabei könnte jeder Einzelne das Mindesthaltbarkeitsdatum richtig interpretieren und ruhig auch mal den Apfel mit Druckstelle oder die Banane mit den braunen Pünktchen kaufen.