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Digitalisierung, Gentechnik, Nachhaltigkeit: Auf dem Gebiet der Landwirtschaft finden sich viele Debatten unserer Zeit wieder

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Wenn du heute in den Supermarkt gehst, ist es völlig normal, dass alles im Überfluss da ist: Berge von Tomaten, Erdbeeren im Winter, Körbe voller Mangos, Bananen sowieso. Kaum noch vorstellbar, dass da früher oft nur ein paar Kartoffeln und ein paar Kohlköpfe lagen. Die letzte Hungersnot in Deutschland gab es im Winter 1946/47. Das Land war vom Krieg verwüstet, Eis und Schnee ließen die Versorgung zusammenbrechen. Viele alte Menschen haben diese entbehrungsreiche Zeit in lebhafter Erinnerung und gehen daher besonders sorgfältig mit Lebensmitteln um. Auch in den Jahrhunderten zuvor gab es immer wieder Ernteausfälle. Einer der schlimmsten ereignete sich zwischen 1845 und 1852 in Irland. Dort sorgte die sogenannte Kartoffelfäule, ein Pilzbefall, für eine riesige Hungersnot, in deren Folge von etwa 6,5 Millionen Iren eine Million starben und zwei Millionen auswanderten, viele davon in die USA.

Die Geschichte der Landwirtschaft handelt auch davon, wie man die Menschen vor solchen Katastrophen bewahren kann. Wie man Getreide, Gemüse und Obst vor schädlichen Würmern, Heuschrecken, Pilzen oder Käfern schützt. Neben Pflanzenschutzmitteln wurden auch Dünger entwickelt, um die Erträge zu erhöhen. Schwefel, Kalium oder Phosphor dafür fand man in der Natur.

Schon früher kreuzten die Bauern Pflanzen, um Erträge zu steigern und sie gegen Schädlinge immun zu machen. Die Gentechnologie war der nächste Schritt. Mit ihr gelang es, Pflanzen auch unter eher unwirtlichen Bedingungen anzubauen oder sie mit speziellen Nährstoffen zu versehen, die der Mensch benötigt. Gerade in Ländern mit extremem Klima und großer Armut könnte das das Ernährungsproblem lösen. Allerdings gibt es viel Kritik an der Gentechnologie, auch weil die langfristigen Folgen für Mensch und Tier noch unerforscht sind. Daher hat die EU sehr strenge Richtlinien für deren Einsatz.

Auch die Digitalisierung nimmt zunehmend Einfluss auf die Landwirtschaft. Melkroboter, die mit Laserstrahlen Kuheuter abtasten, autonome Traktoren, auf denen niemand mehr sitzt, satellitengestützte Bewässerung: Das alles hat nur noch wenig mit Landromantik zu tun. Weil quasi weltweit Landwirtschaftsbetriebe miteinander konkurrieren und oft nur überleben können, wenn sie große Mengen produzieren, hat sich auch hierzulande die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe erheblich reduziert: von 900.000 im Jahr 1975 auf 267.000. Der Ertrag, den jeder einzelne Landwirt erbringt, ist dafür umso höher. Vor 100 Jahren hat jeder Bauer in Deutschland vier Menschen ernährt, heute füttert er rund 150 durch: Der Ertrag aus einem Hektar Weizen ist heute viermal so hoch wie vor 100 Jahren.

Zum Ende des Jahrhunderts wird die Zahl der Men- schen von aktuell 7,6 auf bis zu 11,2 Milliarden steigen. Ob sich all diese Menschen ernähren lassen, ist nicht nur eine Frage der Mengen, sondern auch der Verteilung. Laut Schätzungen gibt es weltweit 815 Millionen Menschen, die hungern, und 2,2 Milliarden, die übergewichtig sind.

Wie global die Ernährungsfrage mittlerweile ist, sieht man am Soja – dem beliebtesten Futtermittel in der Tiermast. Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland etwa so hoch ist wie 2005, ist die Fleischproduktion in diesem Zeitraum von 2,3 Millionen Tonnen auf vier Millionen Tonnen gestiegen. Besonders in der Massentierhaltung wird viel Soja verfüttert, das zu einem großen Teil aus Südamerika kommt, wo der Sojaanbau eine der Hauptursachen für die Abholzung des Regenwalds ist. Während Deutschland beim Fleisch zu den größten Exporteuren weltweit gehört, ist es bei Gemüse und Obst wiederum auf Importe angewiesen. Die Tomaten im Supermarkt kommen oft aus Treibhäusern in den Niederlanden, die Bananen und anderes aus Mittelamerika. Weil die Produktionsbedingungen oft schädlich für die Umwelt, das Klima und die Menschen sind, wächst seit Jahren die ökologische Landwirtschaft, und die Anzahl der Bioprodukte in Supermärkten nimmt zu.

Unter dem Druck, Lebensmittel billig zu produzieren, trägt die Landwirtschaft zur Naturzerstörung bei. Die Gülle aus der Massentierhaltung verunreinigt das Grundwasser, Monokulturen auf den Feldern laugen die Böden aus und zerstören die Lebensgrundlage von Insekten. Dass es nicht einfach ist, zwischen all den unterschiedlichen Akteuren und Ansichten einen Weg zu finden, kann man auch aus dem Koalitionsvertrag der Bundesregierung herauslesen. Dort ist von einer „nachhaltigen flächendeckenden Landwirtschaft“ die Rede, „sowohl ökologisch als auch konventionell“. Im Rahmen einer europäischen Agrarpolitik sollen „Tier-, Natur- und Klimaschutz“ gestärkt werden. Das könnte aber seinen Preis für die Verbraucher haben, denn zurzeit sind Lebensmittel in Deutschland verglichen mit anderen Industrieländern recht günstig. Gerade mal 10,3 Prozent des Einkommens geben die Deutschen für Lebensmittel aus.

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