The Who – My Generation (1965)

Dieser Schrei junger Mod-Rebellen fällt einem natürlich als Erstes ein, wenn Generationenhymnen gefragt sind. Der Titel, der Furor, das vereinigende Gegenhalten – ikonischer geht es kaum. Jedenfalls nicht im klassischen „Hope I die before I get old“-Rock. Also dem Rock, auf den alle immer zielen, wenn sie Rock sagen ­– aber den sie fast nie treffen. Doch 1965 funzte es, auch weil keiner in der Band einen Kompromiss machte. Die Gitarre auf feedbackende Säge, ein aggressiver Bass, und Sänger Roger Daltrey nutzt sogar das Stottern zur Powerentfaltung. Man hört: Eine vernünftige Jugend ist zu labbrigem, abwägendem Rumgereime und nassen Fürzen nicht bereit. Beeindruckt bis heute.

Jean Ferrat – La Montagne (1965)

Ein französisches Chanson über die vom Land flüchtende Jugend. Die wird ja eher selten besungen. Das Lied hat, erstaunlicherweise trotz seines musikalisch etwas rührseligen, flötenbewehrten Arrangements, ein paar sehr wahre und harte Zeilen. Ferrat weiß, dass man in der Provinz trotz leckerem Ziegenkäse und tollen Bergen von urbanen Kunststoffmöbeln und Kino träumt – und dann in der Stadt die große Welt doch mit ihrer Begrenztheit gewinnen wird. Er schließt mit den goldenen Worten: „Amtsträger oder Bulle, das wird ihr Leben sein. Bei dem sie, ohne sich zu sorgen, warten, dass die Stunde des Renteneintritts schlägt. Man muss wissen, was man liebt: eine Sozialwohnung beziehen, Hormonhähnchen genießen.“ Genau, ihr Hormonhähnchen-Esser!

 

James Brown – Say it loud I’m black and I’m proud (1968)

His bad self singt „We’re tired of beating our head against the wall and workin’ for someone else“, fordert „Say it loud!“, und der Kinderchor (angeblich übrigens „mostly white and asian-american“) antwortet: „I’m black and I’m proud!“ Das war natürlich die Generationenhymne schlechthin im schwarzen Amerika und funkt 50 Jahre später immer noch tierisch durch. Und ist sicher nicht nur wegen der unschlagbaren Bassline und Snare 220-mal gesampelt worden, sondern wohl auch, weil man damit auf einen Schlag klarmachen kann, wie nötig ein sich selbst permanent versicherndes schwarzes Selbstbewusstsein ist.

Cockney Rejects – I’m Forever Blowing Bubbles (1980)

Die im Vergleich zu Becks „Loser“ deutlich charmantere Verliererpoesie! Die Rejects waren rotzlöffelnde Skinheads, und sie haben sich eine grandiose Hymne von 1918 (!) genommen, um klarzumachen, wie schön auch das Nichtgewinnen sein kann. Der Titel wurde über die Jahrzehnte hinweg zum Schlachtruf von Westham United, einem Underdog-Verein in London. Hier träumt man sich seine Träume in die Blasen am Himmel, die jeden Morgen wieder aufsteigen. Der Song vereint die englische und so herrliche Fusion von Liebe und Härte aufs Schönste.

Plavi Orkestar – Good Bye Teens (1985)

Eine der großen Zäsuren im Leben einer Jugend war und ist die Militärzeit. Rückt man ein, werden einem sehr rüde die Kindheit, die Haare und andere Wildheiten abgeschnitten. Die schöne unbeschwerte Zeit ist vorbei, egal ob man sich im Westen oder Osten, in einer Demokratie oder Diktatur befindet. Kaum eine andere Band hat das rührender vertont als Plavi Orkestar aus dem ehemaligen Jugoslawien mit diesem Abschiedssong, in dem es um die Stimmung geht, wenn eine ganze Generation zur Armee eingezogen wird. Ein megagroßer Generationenhit in Südosteuropa mit ein paar Zeilen in süßem Englisch: „I’m young, I’m happy and I sing!“

Nirvana – Smells like teen spirit (1991)
Undertones
– Teenage kicks (1978)

Am direkten Vergleich dieser beiden Generationenvereinigungsschlager hat jeder Kulturpessimist seine helle Freude: Hier bei den Undertones die ungestüme, frische, gewissermaßen unschuldig naive Frage nach dem Sinn von Teenagerträumen in schmissigem Uptempo, voller Energie und mit der erstaunlichsten Soulstimme, die der englische Punk je hervorbrachte. Dort bei Nirvana die etwas zähe, aus der Müdigkeit kommende und schleppende Soft-Grunge-Nummer mit dem „Hey, lasst uns doch auch mal was sagen“-Ansatz, vorgetragen von einem Typen, der später sogar noch das Neil Young’sche „It's better to burn out than to fade away“ falsch verstand. Weil er sich erschoss (also wegfadete) und nicht zäh ausbrannte. Was sagt uns das über die weißen westlichen Jugendgenerationen Ende der 70er im Verhältnis zu der Anfang der 1990er-Jahre? Dass selbst bei sinnstiftenden Hymnen irgendwann die Kräfte schwinden? Oder dass es Zufall ist und alles – also auch Phasen selbst – nur Phasen sind? Ich tendiere zu einem gepflegten Ja und Nein.


Lassie Singers – Die Pärchenlüge (1991)

Einer der besten Songs der wichtigsten Band für Menschen, die sie in den 90ern alle beisammenhatten. Die Lassies gab es nicht einmal zehn Jahre lang. In denen haben sie aber wohl mehr Frauen emanzipatorisch beeinflusst als die meisten feministischen Kampfschriften – dies ergab eine soeben durchgeführte Umfrage unter meinen Bekannten. Hier im Song kriegen alle schnäbelnden Nervduos einen Tritt in den Arsch: „Pärchen winken und fahr’n nach Rügen / Cocktails trinken, Kartoffelchips essen / Händchen halten und die Freunde vergessen / Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch!“ Da bleibt man lieber richtig allein als zusammen falsch.

Kadim Al Sahir – Ana wa Laila (1997)

Übersetzt „Ich und Laila“, ein Song aus dem Irak und eine Hymne, mit der sich vermutlich viele männliche Araber, egal woher sie kommen, identifizieren können. Denn was hier verhandelt wird, betrifft sehr viele der Generation der Immigranten. Unter ihnen herrscht naturgemäß einige Verwirrung, was Liebe unter anderen kulturellen Codes und unbekannten Sozialbedingungen auslösen kann: Hier geht ein Araber nach Rom, verliebt sich in eine Italienerin und sie sich auch in ihn. Aber er kapiert die Zeichen nicht und denkt, dass sie ihn nicht will. Weil sie auch mit anderen Typen redet.

Helene Fischer – Atemlos (2013)

Ja, auch dieser Kaventsmann gehört in eine Liste der wichtigen Generationensongs! Niemand besang schließlich so durchschlagend die „Heute machen wir Normalos mal einen drauf und besuchen satte drei oder mehr Locations an einem nie enden wollenden Abend und sind ganz frivolfrech drauf und tabulos und so voller Lebensfreude, dass die Schwarte kracht“-Haltung der deutschen Dorfstädter und Stadtdörfler wie unsere Helene. Und morgen gehen die fröhlichen Eskapisten alle wieder von Angst zerfurcht und geknechtet vom Geld durch die Drehtüren der Konsumwelt.

Moudy Al Arabe – Erinnerst du dich (2017)

Für viele Syrer der Song der jetzigen, von Krieg und Flucht gepeinigten Generation. Egal wo es die Menschen aus dem einst blühend lebenden Land nun hingeführt hat: Sie kennen alle die hier wortreich und mit berechtigter Wut beschriebenen Konflikte und bitteren Erkenntnisse. Krieg führt nur zu weiterem Krieg, zu noch mehr Hass, noch mehr Spaltungen, mehr Toden, harter Verratspolitik und dem ganzen anderen Mist. Die etwas verkitschte Rapmusik vereint eine verlorene, hilflose und belogene Generation, der nichts bleibt als Erinnerungen an eine Welt, von der vor ein paar Jahren niemand gedacht hätte, dass man sie so schnell und umfassend zerstören kann. Ein bitteres Lied.

Titelbild: Jörg Brüggemann/OSTKREUZ