Jeder braucht ein Hobby – und es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Watson eines hatte. Wobei, Hobby? Wenn der Supercomputer von IBM etwas angeht, dann maximal gründlich. Er hat den Jeopardy-Meister geschlagen, er forscht an Krebsheilung, er tritt den Beweis an, dass es das gibt, wovor sich so viele fürchten: künstliche Intelligenz. Und jetzt soll er auch noch kreativ werden, indem er eigene Kochrezepte ausknobelt?

Sein Hobby ist schon mal gut gewählt. Wir leben ja in essensverrückten Zeiten und Köche genießen eine Verehrung, wie sie in der allgemeinen Elitenskepsis selten geworden ist. Politiker – haben Konten irgendwo in Panama. Manager – schummeln bei den Abgaswerten. Kirchenoberhäupter – fahren betrunken Auto. Sportler – dopen. Sportfunktionäre – ach, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Schlechte Zeiten für Helden also. Am Herd jedoch herrscht ein ziemlich unhinterfragter Geniekult. Man muss ja nur mal den Fernseher anmachen. Im Schnitt 17 Stunden pro Tag zaubert da irgendein Koch und steckt stolz, wenn der Teller fertig ist, einen Keks senkrecht ins Essen.

„Am Herd herrscht ein ziemlich unhinterfragter Geniekult.“

Und an diesem vielleicht letzten Monopol des menschlichen Erfindergeists soll jetzt Watson kratzen? Ein Computer, der natürlich weder schmecken, noch riechen und noch nicht mal sehen kann. Um von seiner künstlichen zu einer kulinarischen Intelligenz zu kommen, haben Wissenschaftler Watson mit über zehntausenden Rezepten gefüttert. Drei Jahre lang verleibten sie ihm Geschmackstheorie ein. Er weiß quasi alles über die chemische Zusammensetzung von Zutaten. Letztes Jahr hat Watson sogar ein Kochbuch veröffentlicht. Das sollte selbst auf dem unüberschaubaren Kochbuchmarkt mit rund 1.700 Neuveröffentlichungen pro Jahr alleine in Deutschland ein Novum sein.

Eine abgespeckte Version von Watsons Buch ist auch online für den Hobbykoch einsehbar. Taugt sie was?

Samstagabend, kurz nach Ladenschluss. Ich möchte einen Caesar’s Salad machen, habe aber beim Einkaufen wieder mal die Hälfte vergessen. Zum Beispiel die Anchovis. Die sind ziemlich wichtig, weil sie der Sauce ihre Salzigkeit geben. Mal sehen, was mir Watson vorschlägt.

Die Suchmaske besteht aus vier Feldern. In jedes kann man einzelne Zutaten eingeben. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, die kulinarische Richtung anzugeben (von „Afrikanisch“ bis „Yard to Table“ – vom Feld auf den Tisch) oder direkt ein bestimmtes Gericht.

Ich tippe ein: „Römersalat, Parmesan, Sauerteigbrot“. Das letzte freie Feld ergänzt Watson mit „Räucherlachs“. So habe ich das noch nie gegessen. Das Ergebnis funktioniert überraschend gut. Ein bisschen fettig ist die Sauce, aber die Variante von Jamie Oliver, die ich sonst mache, ist mit Crème Fraîche statt Eigelb. Auch nicht übertrieben diätetisch.

Jetzt bin ich neugierig. Kann Watson wirklich was? Ich gebe ein: „Mehl“, „Wasser“, „San-Marzano-Tomaten“ (das sind die, die am Vesuv wachsen), „Käse“. Man muss kein bloggender Foodie mit tausenden Followern auf Instagram sein, um bei diesen vier Zutaten auf das wohl meistgegessene Gericht der Welt zu kommen: die Pizza.

„Jetzt bin ich neugierig. Kann Watson wirklich was?“

Für den Teig einer original Pizza Neapoletana braucht man nur Mehl, Salz und Wasser. Okay – wenn man nicht gerade ein Bäcker ist, der die komplexen Prozesse einer langen Teigführung beherrscht, die übrigens noch nicht mal die Wissenschaft vollständig entschlüsselt hat, dann ist ein bisschen Hefe nützlich. Fragt man Superchef Watson nun nach Mehl, Wasser, San-Marzano-Tomaten und Käse – dann spuckt der aus:

Water Vegetable Dish

Zutaten: Wasser, Tomaten, Butter, Mehl, Paneerkäse, Salz

Diese in Butter ausgebackenen Küchlein sind eine recht freie Variation der Arepas, eines südamerikanischen Street-Food-Snacks aus Maismehl. Als zweites Ergebnis listet Watson dann allen Ernstes folgendes auf:  

Water grilled

Zutaten: Wasser, Zwiebeln, Tomaten, Olivenöl, Pfeffer, Mehl, Paneerkäse, Salz.  

Das Gericht ist nicht ganz so skurril, wie Watson es betitelt. Es ist eine Art gegrillte Polenta, erfährt man. Ob Watson weniger ein Koch sondern ein Komiker sein könnte, denke ich mir endgültig bei Vorschlag Nummer fünf, der auf Wassersuppe und Wasserkuchen folgt:

Stuffed Water

Zutaten: Wasser, Mehl, Hühnerbrust, Ei, kandierter Ingwer, Zimt, Petersilie und vieles mehr.

Watson erklärt: Hier variiert er das Rezept für gefüllte Oliven, für die ein Restaurant in San Francisco berühmt ist. Aber Pizza, so ein simples weltbekanntes Gericht, da kommt der Big-Data-Chefkoch einfach nicht drauf.

Erstaunlich ist das schon. In seiner frei zugänglichen Variante hat Watson 10.000 Rezepte intus. Er hat Daten über die Zusammensetzung von Lebensmitteln, die bis in die molekularen Strukturen gehen. Er weiß, welche Zutaten gut zusammenpassen. Tatsächlich kann man so etwas Sinnliches und Subjektives wie Geschmack ja sehr gut systematisieren. Das weiß jeder Koch und jeder „Sommelier“, wie man den Weinkellner heute nennt. Aber das reicht offenbar nicht.

„Watson weiß eine Menge über Geschmack – von Konsistenzen hat er wenig Plan.“

Ich gebe weiter wild Begriffe in die Suchmaske ein und stoße auf eine Variation der gefüllten Zucchini – nur in Erbsenschoten. Ernsthaft: Das mag ja ganz originell sein und nachhaltig auch. Die Schoten schmeißt man ja sonst weg, wenn man die Erbsen rausgepult hat. Aber wer bitteschön mutet sich diese unendliche Fummelei zu?

Schnell merke ich: Watson weiß eine Menge über Geschmack – von Konsistenzen hat er wenig Plan. Ein übler Mantsch wird etwa die Schafskäse-Panna Cotta, die er mir vorschlägt, als ich nach einem originellen Dessert suche. Eigentlich eine spannende Idee, die Watson da ausgetüftelt hat, aber den bröckeligen Käse bekommt man einfach nicht zu einer glatten Masse, geschweige denn zu einem servierbaren Ergebnis verarbeitet.

Gut, Watson kocht jetzt erst seit vier Jahren. Vielleicht muss man da nachsichtig sein. Er soll noch lernen – unter anderem anhand des Feedbacks seiner Nutzer. Schwer zu sagen, wie viel das hilft. Denn auch seinen Signature-Gerichten aus dem Kochbuch fehlt etwas Elementares. Der vietnamesische Apfel-Kebab mag ein raffiniertes Spiel mit der Säure haben (so man den richtigen Apfel nimmt – davon steht nichts im Rezept). Es fehlt in diesen Fusion-Ideen jedoch eine Geschichte, eine Identität. Und sei sie nur eine Verortbarkeit in unserer digitalisierten Welt. Eben wie die Pizza, die, auch wenn sie auf der ganzen Welt gegessen wird, auf ewig der Stolz von Neapel sein wird.


Felix Denk, Redakteur bei fluter.de, kocht nicht sehr gut, aber sehr gern. Noch lieber geht er Essen. Für einen Besuch im berühmten Noma in Kopenhagen ließ er mal einen ganzen Urlaub sausen.

Wer ist eigentlich Watson?

Watson ist ein Großrechner von IBM. Sein Vorgänger, Deep Blue, erlangte Berühmtheit, weil er den Weltmeister Garry Kasparov im Schach besiegte. Der Computer konnte 200 Millionen mögliche Schachzüge pro Sekunde berechnen. Das war 1997. Watson kann mehr. Er ist darauf ausgelegt, die menschliche Sprache zu verstehen und soll auch Antworten formulieren können. Dazu lernt er, Nuancen und Kontexte zu deuten. IBM verfolgt damit das Ziel, lernende Computersysteme zu entwickeln, die sich den menschlichen kognitiven Fähigkeiten annähern. Diese könnten in ganz unterschiedlichen Einsatzbereichen eingesetzt werden, etwa in der Medizin, aber auch im kommerziellen Bereich. Letztes Jahr Weihnachten prognostizierte Watson, welche Geschenke am beliebtesten und damit amam schnellsten ausverkauft sein würden. Mit „Chef Watson“, dem Kochprogramm, will IBM zeigen, dass Computer kreativ sein können – und das auf einem Feld, das bislang als Domäne des Menschen galt: dem Geschmack. Seit April 2016 bietet „Bear Naked“, eine Tochtergesellschaft von Kellogg’s, als erste kommerzielle Marke ein Knuspermüsli an, dessen Zutaten der Kunde mit Watsons Hilfe zusammenstellen kann.