Immer um den 25. eines Monats herum schafft es eine Zahl mit einem Komma in die Presse, nämlich der Ifo-Geschäftsklimaindex. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München befragt dafür nach eigenen Angaben circa 7.000 Firmen aus der sogenannten gewerblichen Wirtschaft, das sind die Branchen verarbeitendes Gewerbe, Großhandel, Einzelhandel und Baugewerbe. Die Unternehmen beurteilen ihre aktuelle Geschäftslage (gut, befriedigend oder schlecht) und ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate (günstiger, gleichbleibend oder ungünstiger). Der Wert von 2005 wurde einmal als „100“ festgelegt. Es gilt: Je größer die Zahl, desto besser das Geschäftsklima. Ein Wert von 108,6 ist also ein bisschen besser als ein Wert von 107,9. Und beide Werte deuten auf ein insgesamt besseres Geschäftsklima als noch 2005 hin. Der höchste Wert seit 2005 waren übrigens 115,4 Punkte im Februar 2011 und der niedrigste 84,6 im Dezember 2008. Im April lag der Wert bei 108,6 im Vergleich zu 107,9 im März.

Es geht also darum, einen Trend vorauszusagen. Aber dieser Trend beruht eben nur auf Erwartungen. Woran sich die Befragten bei ihrer Einordnung orientieren, ist nicht festgelegt. Ob sie vor allem aktuelle Zahlen zugrunde legen, auf die Auftragslage oder auf eine politische Entscheidung wie den Mindestlohn, bleibt jedem überlassen.

Die Bewertung nehmen nur die Unternehmer vor. Wenn sie also von guten Aussichten sprechen, muss das für die Beschäftigten nicht unbedingt heißen, dass sie mit Lohnsteigerungen oder wenigstens einem sicheren Arbeitsplatz rechnen können. Auch das Entlassen von Angestellten oder das Auslagern von Aufgaben (zu schlechteren Löhnen für jene, die dann die Arbeit machen) kann das Geschäftsergebnis eines Unternehmens verbessern und somit zu Optimismus führen – bei den Chefs. Der Index zeigt nur die Sicht der Unternehmensleitung.

Für sie ist er offenbar nützlich. Die Deutsche Bank hält den Ifo-Index in einer aktuellen Bewertung trotz einzelner Einschränkungen für besser als „andere umfragebasierte Stimmungsindikatoren“. Klaus Wohlrabe vom ifo-Institut sagt, der Index sei wichtig für bestimmte Gruppen, etwa Händler an den Aktienmärkten und Unternehmer. Sie könnten mit Hilfe des Index, dessen Vorhersagen zur Entwicklung der Wirtschaft selten korrigiert werden müssten, strategische Entscheidungen treffen. Die Politik wiederum könne mit Maßnahmen reagieren, wenn sich eine Konjunktur abzeichne. „Der Index ist deshalb so wichtig, weil die offiziellen Statistiken, etwa das Bruttoinlandsprodukt, erst mit erheblicher Verzögerung veröffentlicht werden“, sagt Wohlrabe. Der Ifo-Index liefere schnellere Anhaltspunkte zur Konjunktur.

Das monatliche Vermelden des Indexes scheint ihn in den Augen von Journalisten zu einer Persönlichkeit zu erheben. Das Handelsblatt titelte einmal „Ifo-Geschäftsklimaindex enttäuscht Erwartungen“. Die Seite finanzen.net kritisiert ihn gar: „Ifo-Index kann Talfahrt im Oktober nicht bremsen“. Bei mehreren guten Prognosen jubelt dann etwa der Bayerische Rundfunk: „Er steigt und steigt und steigt“ – bis er wieder fällt.

Im Jahr 2014 sank der Ifo-Index von Februar bis Oktober und berappelte sich danach nur etwas bis zum Jahresende. Im gselben Jahr wuchs die deutsche Wirtschaft um 1,5 Prozent. Kritiker schmähen den Ifo-Index als wenig aussagekräftig. Klaus Wohlrabe hält dagegen: „Der Index sollte nicht auf die Jahreswachstumsrate, sondern auf die Quartalswachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts bezogen werden.“

Felix Ehring arbeitet als freier Journalist. Bei der Recherche wurde ihm von Zahl zu Zahl klarer: Ob es nun um Armut, Geburten, Arbeitslosigkeit oder Klimaschutz geht – Interessengruppen führen eine teilweise erbitterte Debatte um die Deutungshoheit dieser Zahlen. Und: Einige Journalisten vermelden amtliche Zahlen einfach, ohne sie zu hinterfragen und einzuordnen. Dabei gilt für jede Zahl: Sie sagt nicht nur etwas aus, sie verschweigt auch etwas.