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Respekt!

Crystal und Christoph sind politisch völlig anderer Meinung und trotzdem Freunde

Illustration: Golden Cosmos/2agenten

Einmal waren Crystal und Christoph Gegner, ohne dass sie es wussten. Es war im Mai 2018, Crystal war mit Freunden auf einer Demo, bei der die Leute tanzten und Parolen wie „Nazis raus!“ brüllten – und damit auch Christoph meinten. Denn Christoph stand an diesem Tag auf der anderen Seite. In einer Menschentraube, die schwarz-rot-goldene Fahnen und „Merkel muss weg“-Schilder in die Luft reckte und dazu skandierte: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ Wenige Stunden später stand Christoph vor Crystals Tür in Friedrichshain.

„Ich dachte einfach: What the fuck?!“, sagt Crystal, wenn er an den Moment denkt, als er Christoph und dessen Begleiter die Tür öffnete. Der trägt Lederhosen und hat sich Deutschlandfahnen auf die Wangen gemalt. Wo sie herkommen, will Crystal wissen. „Von der Demo“, sagt Christoph. Statt den beiden die Tür zuzuknallen, lässt Crystal sie eintreten, kocht ihnen Kaffee und erklärt, dass in seiner Wohnung kein Platz für Rassismus sei. „Das haben sie respektiert – und dann haben wir über was anderes geredet.“ Denn Christoph und Crystal sind Freunde. Ziemlich gute sogar.

Kann das wirklich sein? Haben Crystal und Christoph die oft beschworene Spaltung der Gesellschaft überwunden? Oder sind sie einfach nur zwei, die Wahrheiten aussparen, damit sie weniger allein sind?

Ein Banker, der zum Hippie wurde und ein Nationalist, der die Liebe sucht

Crystal ist ein Hippie und kommt aus Südkorea. Er ist Anfang 50, trägt selbst bei Regen Sonnenbrille. Die langen schwarz-grauen Haare fallen ihm ständig ins Gesicht. Er raucht Pueblo-Tabak, und wenn er redet, sagt er „fuck“ und „bastard“.

Christoph ist ein deutscher Unternehmer. Er ist Anfang 60, trägt selbst bei Zoom-Meetings ein Sakko und sieht mit den gescheitelten braunen Haaren und der runden Hornbrille ziemlich brav aus. Sein Hochdeutsch ist gestochen, das Fluchen überlässt er anderen.

Christoph postet seine politischen Ansichten auf Facebook. Er teilt Petitionen, die ein Verbot von Abtreibungen fordern, er wettert gegen die „Plünderung der Sozialkassen durch Illegale“, gegen „Antifa-Terror“. Zu Silvester 2019 postet er Fotos von Feuerwerkskörpern, auf die Fotos von Angela Merkel und George Soros geklebt wurden, und schreibt dazu: „Ich habe mit Rücksicht auf unseren amerikanischen Bündnispartner in diesem Jahr meine Verteidigungsausgaben um 1000 % erhöht.“ Crystal postet selten etwas auf Facebook. Und wenn, dann Sonnenuntergangsfotos von Freunden.

Es ist der Sommer 2016, als sich die beiden das erste Mal in einem Meditationszentrum auf der griechischen Insel Lesbos begegnen. Beide haben sich zu einem einwöchigen Kurs angemeldet: „The Path of Love“ – der Pfad der Liebe.

„Wer in dieses Center kommt, der ist bereit, einen neuen Weg zu gehen und Altes hinter sich zu lassen“, sagt Christoph.

„Alle Leute, die dorthin kommen, wollen etwas über sich selbst lernen. Das ist das gemeinsame Ziel. Egal woher, egal welche Religion, welche Hautfarbe und welche politische Einstellung, das spielt alles keine Rolle“, sagt Crystal.

Christoph schaut auf Gemeinsamkeiten: „Wir sind Opfer unserer Eltern“

„Als ich Crystal das erste Mal gesehen habe, da habe ich unsere Verbundenheit sofort gespürt. Wir sind beide politikübergreifend Opfer unserer Eltern, die Opfer des 20. Jahrhunderts waren. Deshalb habe ich mich schnell zu ihm hingezogen gefühlt“, sagt Christoph.

 

„Ich war überrascht von diesem älteren Gentleman aus Deutschland, der es wagt, sich in diesem Alter noch einmal neu zu orientieren, und sich unter all die Hippies begibt“, sagt Crystal.

Crystal erinnert sich genau daran, wann er das erste Mal mit Christoph gesprochen hat. Es sei auf einer Taxifahrt gewesen. Zwei Stunden hätte die Fahrt über die Insel gedauert. Es sei um die Geflüchteten gegangen. Christoph hätte ihm gesagt, dass Merkel die deutsche Verfassung breche, indem sie die ganzen Flüchtlinge nach Deutschland locke, und dafür bestraft werden solle. Er, Crystal, habe daraufhin entgegnet: Und wenn schon, dann ist sie vermutlich die erste Politikerin in der Weltgeschichte, die nicht aus Gier und Eigennutz diese Grenzen überschreitet, sondern aufgrund von Menschlichkeit. „Und da hat Christoph gesagt: Stimmt, du hast recht.“

 

Crystal und Christoph, da sind sie sich einig, sind keine Freunde geworden, weil sie so viel gemeinsam haben. Aber eine Gemeinsamkeit ist besonders wichtig: der Wille, sich für Neues zu öffnen. Und die Bereitschaft, andere Wahrheiten anzuerkennen.

Christoph wächst in Norddeutschland auf. Als er vier Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Er verlässt den Vater, wie er sagt. Sein Großvater väterlicherseits war ein bekannter deutscher Offizier, der an Kriegsverbrechen beteiligt war und dessen Geschichte die Familie noch sieben Jahrzehnte später entzweien sollte. Auch der Vater diente in der Wehrmacht. „Da ich meinen Vater sehr geliebt habe, hatte ich anfangs eine große Affinität für den nationalistischen Ansatz“, sagt Christoph. Mit 18 sucht er nach Helden in der deutschen Geschichte und findet sie in Bismarck und Friedrich dem Großen. Später schwenkt er um auf Rudolf Virchow, den Arzt und Sozialhygieniker. Christoph wird erfolgreicher Unternehmer – und doch nicht glücklich, weil ihn seine Familiengeschichte belastet.

Crytal denkt sich bei manchem, was Christoph sagt, nur: „What the fuck“

Crystal wird in Südkorea, in Seoul geboren. Sein Vater kämpft im Koreakrieg, der die Familie zerreißt. Als Crystal sieben ist, wandern die Eltern mit ihm nach New York City aus. Auf dem Weg zur Schule gerät er immer wieder in Schlägereien. „Erst später habe ich verstanden, dass das nicht normal, sondern Rassismus war.“

Das Ziel der Eltern wird auch zu seinem Ziel: Er will den amerikanischen Traum leben. Karriere machen. Crystal wird Banker. Mit 25 arbeitet er bei Morgan Stanley und verdient 120.000 Dollar im Jahr. Später leitet er eine Filiale der Lehman Brothers in Hongkong. In seiner Blüte verdient er 1,4 Millionen Dollar im Jahr und die Firmenanleihen noch obendrauf. „Ich war so ein richtiger ekelhafter Banker, der seinen menschlichen Wert am Umfang seiner Brieftasche bemessen hat.“ Mit Anfang 30 kündigt er seinen Job, beginnt zu reisen – für ihn der Anfang eines neuen Lebens.

Der Banker, der zum Hippie wurde. Der Nationalist, der die Liebe sucht. Aber wann wurden sie Freunde?

Wenn man die beiden heute nach einem genauen Datum fragt, dann nennen sie den Sommer 2017. Wie jedes Jahr plant Crystal auch damals, eine Gruppe Abenteuerlustiger auf einer Motorradtour durch Indien zu führen. Plötzlich ruft Christoph an und fragt, ob er mitkommen könne. Am Ende sind sie zwei Monate zusammen unterwegs. Er habe damals so ein Urvertrauen in Crystal gespürt, sagt Christoph. Ihn habe Christoph zum zweiten Mal überrascht, sagt Crystal. „Dieser konservative Mann hat es geschafft, meine Vorurteile infrage zu stellen.“

Aber was ist mit den Widersprüchen, den politischen? Wie kann einer, der Abtreibungen verbieten will, mit jemandem befreundet sein, der sie erleichtern möchte? Wie kann man als Unterstützer der AfD jemanden als Freund haben, der gegen die Partei kämpft?

Die beiden können über alles reden – mit einer Ausnahme

Christoph sagt: „Ich glaube, dass diese politische Spaltung des Landes uns nicht guttut. Weil wir letztlich von unserer psychischen Konstitution her als Menschen eine Einheit sind. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen, aber letztlich sind wir seelisch miteinander verbunden.“

 

Crystal sagt: „Ich glaube, wir haben alle verlernt, miteinander zu reden. Stattdessen verdammen wir uns die ganze Zeit gegenseitig. Und dann schaust du in die USA und weißt, was dabei rauskommt: ein gespaltenes Land, das sich aufrüstet. Ich glaube, wir sollten versuchen, Verständnis füreinander zu schaffen.“

Wie aber kann einer wie Crystal damit umgehen, dass Christoph neben Leuten marschiert, die Ausländer wie ihn nicht in ihrem Land haben wollen?

„Weißt du, ich glaube, Christoph meint das nicht rassistisch, er hat da seine wirtschaftlichen Argumente. Ich finde: Solange du niemandem Schaden zufügst, sollst du dein Leben so leben, wie du das für richtig hältst. Und Christoph, da bin ich mir sicher, ist kein Hater.“

Ende Oktober hat Christoph einen Artikel von „Spiegel Online“ auf Twitter kommentiert. In dem Text geht es um die neuen Corona-Maßnahmen in Deutschland. Christoph schreibt: „Ich fordere einen nationalen Wahrheitsplan und Automatic Arrest für alle Regierungspolitiker in Bund und Ländern. #Nürnberg2“. Darunter hat er das berühmte Bild vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher kopiert. Es ist eine Fotomontage: Anstelle der Naziverbrecher sitzen nun Angela Merkel, Markus Söder, Frank-Walter Steinmeier und Claudia Roth auf der Anklagebank.

Wenn Crystal so etwas sieht, dann grinst er ungläubig und schüttelt den Kopf. „Ich packe das alles in einen Korb mit dem Label ,What the fuck‘.“ Und dann könne er mit Christoph in Ruhe Kaffee trinken und reden. Über alles. Nur nicht über Politik.

Illustration: Golden Cosmos/2agenten

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

1 Kommentar
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Sophie
  ·  
15.02.2021-03:02

Politische Meinungen sollten nie als separat vom Rest einer Person behandelt werden. Sie sind integral, da sie letztlich die Haltung zu anderen Menschen bestimmen. Natürlich ist Diskussion notwendig zur Fortentwicklung von Standpunkten, aber diese scheint hier ja kaum stattzufinden. Christoph merkt ja selber an, dass die Spannung das Land zerreißt, scheint seine Standpunkte aber nicht überdenken zu wollen. Vielleicht sollte er sich mal überlegen, warum er für Crystal eine "Ausnahme" macht - und Crystal sollte sich das Gleiche fragen.