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Cleo kennt ihren Platz

Oben und Unten: In seinem epischen Schwarz-Weiß-Film „Roma“ erzählt Alfonso Cuarón von der Macht der Klassenunterschiede

  • 2 Min.
Szene aus dem Film Roma

Ohne Cleo (Yalitza Aparicio) geht nicht viel in dem Haus in Roma, einer komfortablen Vorstadt in Mexico City, irgendwann um das Jahr 1970. Sie weckt die vier Kinder morgens, jedes mit einem eigenen kleinen Ritual, sie bringt sie abends ins Bett, dazwischen macht sie Frühstück, wäscht die Wäsche, geht einkaufen, serviert das Essen, das die Köchin Adela zubereitet hat, und zwischendrin muss sie die Haufen wegwischen, die der Familienhund Borras andauernd in die Einfahrt kackt. Cleo ist das Zentrum des häuslichen Lebens und doch eine Randgestalt. Die Mixtekin aus Oaxaca, dem armen indigenen Süden des Landes, ist das Dienstmädchen. Sie lebt unter dem Dach der großbürgerlichen Familie und doch in einer anderen Welt.

Das Leben der einen, das Leiden der anderen 

 

In „Roma“ von Alfonso Cuarón gibt es ein klares Oben und ein klares Unten. Hier die Privilegien der Besitzenden, dort die Pflichten der Bediensteten. Das Leben der einen ginge nicht ohne die Leiden der anderen. Und doch gerät die Welt in dem in langsamen, epischen Schwarz-Weiß-Bildern erzählten Film in Bewegung. Antonio, der Vater der Familie, ein Arzt, der jeden Abend seinen überdimensionierten Ford Galaxy mit viel Rangieren in der engen Einfahrt parkt, fährt für längere Zeit zu einem Kongress nach Kanada. Cleo lernt Fermin kennen, sie verbringen eine Nacht zusammen, Cleo wird schwanger, der junge Mann macht sich aus dem Staub, als er das erfährt. Aus einer Demonstration von Studenten wird ein Aufstand, der von der Polizei brutal niedergeschossen wird. Antonio kehrt nicht zu seiner Frau Sofia und zu seiner Familie zurück. So bleibt es den Frauen überlassen, den Laden irgendwie am Laufen zu halten.

Die Geschichte von Cleo ist ein Teil von Alfonso Cuaróns Kindheit. Der Regisseur, der auch das Buch geschrieben hat, wuchs als eines von vier Kindern in Roma auf. Wie sehr das Leben von der sozialen Herkunft bestimmt ist, wie sehr sich Klassenunterschiede auf alle Aspekte des Alltags auswirken, davon erzählt sein fulminanter Film.

Der lange Schatten des Kolonialismus

Im Zentrum steht der lange Schatten des Kolonialismus. Cleo spricht nur mit der Familie Spanisch, mit der Köchin Adela, dunkelhäutig wie sie, meist Mixtekisch. Gleichzeitig ist Cleo Teil der Familie. Abends vorm Fernseher kuschelt sie sich kurz an Paco, das jüngste der vier Kinder – jedenfalls bis sein Vater Antonio einen Tee haben möchte. Dann ist sie wieder Dienstmädchen. Cleo begehrt nicht auf. Sie kennt ihren Platz, sieht keine Perspektive für ein anderes, ein besseres Leben. 

Produziert hat den im 65-Millimeter-Format gedrehten und damit für die große Leinwand geschaffenen Film ausgerechnet der Streaming-Gigant Netflix, wo er jetzt zu sehen ist. Also der große Gegenspieler des Kinos. Nur ein paar Tage lief „Roma“ in den Filmtheatern. Dadurch kann er ins Rennen um die Oscars gehen, auf die er gute Chancen hat. Den Goldenen Löwen in Venedig hat er schon gewonnen.

Für Yalitza Aparicio, die eigentlich Vorschullehrerin werden möchte, war es übrigens die erste Filmrolle. Zum Casting nahm sie ihre Mutter mit, weil sie fürchtete verschleppt zu werden. Noch eine Premiere: Sie ist auf dem aktuellen Cover der mexikanischen „Vogue“ zu sehen – als erste Frau mit indigenen Wurzeln.

Titelbild: Netflix

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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