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Liebe im Abseits

Warum gibt es keine bekennenden schwulen Fußballprofis? Der Film „Mario“ von Marcel Gisler zeigt, warum das Thema immer noch ein Tabu ist

  • 3 Min.
Szene aus dem Film "Mario"

Es läuft bei Mario. Er steht kurz vor dem Aufstieg in die erste Mannschaft. Für nichts auf der Welt wird er seinen Traum von der Profikarriere als Fußballer riskieren. Dann lernt er Leon kennen. Der ist der coole Neuzugang in seiner U21-Mannschaft. Marios Manager und seine Mannschaftskollegen sehen in ihm einen Konkurrenten. Mario selbst sieht viel mehr in ihm. Zuerst versucht er, sich nicht anmerken zu lassen, welche Gefühle er für ihn hegt. Doch leugnen kann er sie schon bald nicht mehr. Das „Traumpaar“ auf dem Platz wird auch privat ein Paar. Bloß: Davon wissen darf niemand.

Der neue Spielfilm des Schweizer Regisseurs Marcel Gisler begleitet einen jungen Mann, der am Druck, an den Erwartungen, an der Unmöglichkeit seiner Gefühle fast zerreißt. Er darf nicht sein, wer er ist: ein schwuler Fußballer. Der Film behandelt ein Thema, das noch immer ein Tabu darstellt. Vor sechs Jahren löste ein Interview im „fluter“ mit einem schwulen Bundesliga-Profi wilde Diskussionen aus: Der Spieler wollte anonym bleiben, der Autor musste sich den Vorwurf gefallen lassen, die Geschichte erfunden zu haben. Der Name des Interviewten wurde nie bekannt. Thomas Hitzlsperger ist bisher der einzige deutsche Nationalspieler, der offen über seine Homosexualität gesprochen hat – wohlgemerkt erst zwei Monate nachdem er seine Profikarriere beendet hatte.

Auf die Gerüchte folgen Mobbing und Erpressung

Mutig, aber fest steht auch: Nicht ohne Grund hat sich bisher kein aktiver Profifußballer geoutet. „Profisportler gelten als perfekt ‚diszipliniert‘, ‚hart‘ und ‚hypermännlich‘. Homosexuelle dagegen gelten als ‚zickig‘, ‚weich‘, ‚sensibel‘. Das passt natürlich nicht zusammen“, sagte der Ex-Nationalspieler damals in einem Interview mit der „Zeit“. Vier Jahre ist sein Outing jetzt her. Profifußball ist immer noch ein Geschäft, bei dem eine Menge Beteiligte weit mehr zu verlieren haben als ein Spiel. Da will keiner was riskieren. So ist es auch in Gislers Film.

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Die Mannschaftskollegen merken bald, dass da was läuft zwischen Mario und Leon. Dann wird es hässlich. Auf die Gerüchte folgen Mobbing und Erpressung. Für Mario steht alles auf dem Spiel: seine Karriere als Profifußballer und seine Liebe zu Leon. Er steht vor einer Entscheidung, die er eigentlich unmöglich treffen kann.

Mit der Alibi-Freundin zur Party

Für seine Rolle als Mario wurde Max Hubacher mit dem Schweizer Filmpreis als „Bester Darsteller“ ausgezeichnet – zu Recht. Ihm und Aaron Altaras als Leon nimmt man die Liebesgeschichte und die Zerrissenheit vollkommen ab. Der Film nimmt sich Zeit für die vielen Dimensionen ihres Konfliktes. Nicht ohne Klischees, anders ginge es aber auch nicht. Denn die unwiderlegten Klischees sind untrennbar mit diesem Tabu verbunden. Filmfigur Mario ist nicht der Einzige, der eine „Alibi-Freundin“ zur Party mitbringt. Man rät ihm dazu, zur ultimativen Demonstration von Heterosexualität. Einige Klischees versucht der Film zu widerlegen: So sensibel Mario in der Beziehung mit Leon ist, so hart kämpft er auf dem Platz. Die Handlung kommt ohne große Überraschungen aus, was den Darstellern die Möglichkeit lässt, ihren Figuren viel Tiefe zu verleihen.

Welchen Ausweg gibt es für Mario im Film und wahrscheinlich viele Profisportler im echten Leben? Für homosexuelle Profifußballer, die sich nicht outen, aus Angst, das könnte das Ende ihrer Karriere bedeuten, scheint es ihn noch nicht zu geben. Dabei ist die Enttabuisierung der Homosexualität nicht nur eine Frage der gesellschaftspolitischen Verantwortung, sondern auch eine sportliche Chance für Vereine und Verbände – denn wer sich selbst verleugnen muss, kann nicht die Leistung bringen, die er zeigen könnte, wenn keine Rolle spielt, wen er liebt.



 

Foto: Pro Fun Media

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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