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Gefangene des Systems

Stéphane Brizés Film „Ein Leben“ erzählt die Geschichte einer jungen Adeligen im 19. Jahrhundert und behandelt dabei ziemlich gegenwärtige Fragen

  • 3 Min.
Szene aus dem Film "Ein Leben"

Die junge Adlige Jeanne Le Perthuis des Vauds (Judith Chemla) kehrt mit 17 nach ihrer Schulzeit im Kloster auf das Landgut ihrer Eltern zurück. Dort trifft sie einen örtlichen Gentleman, Julien de Lamare (Swann Arlaud), in den sie sich wenige Filmminuten später verliebt. Dann verfliegen in knapp zwei Stunden 30 Jahre, als innere Reise aus einer unberührten Jugend in die Wirren des erwachsenen Lebens.

Die Familie altert, es wird geliebt, gehasst, gehofft und erinnert. Ein Sohn wächst auf, geht und kehrt vielleicht nicht wieder. Immer wieder ist Jeanne mit Ende Vierzig zu sehen, in Schwarz gehüllt, verbittert und alleine – ein Schlüsselbild des Films. Doch nur Momente später rast sie mit einer Freundin durch den Garten, mit vielleicht 20, getaucht in den schönsten Sonnenschein seit „Call Me By Your Name“, begleitet von einer Kamera, die aufmerksam jede Regung von Körpern und Natur beobachtet.

Es gelingt Regisseur Stéphane Brizé, die Jugendlichkeit Jeannes in einen sensiblen Blick auf die Welt und auf die Menschen zu übersetzen. Ein Blick, der nie stillzustehen scheint, der die Grenzen zwischen gestern, morgen und heute, zwischen Traum, Realität, Erinnerung und Vorahnung wie selbstverständlich verwischt. Manchmal ist das ganz einfach, etwa wenn gesprochen wird. Regelmäßig setzen sich die Bilder und die Musik über laufende Unterhaltungen hinweg, schweifen ab und schaffen anstatt einer geradlinigen Geschichte ein Gespür für die zeitlosen Fragen des Lebens.

Und dazu zählt natürlich auch, dass Jeanne ganz offensichtlich in einer männerdominierten Welt lebt. Noch dazu in einer Zeit, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder drastisch in die individuelle Freiheit eingreifen. Das ist kein Zufall. Brizé erzählte zuvor in seinem Cannes-Erfolgsfilm „Der Wert des Menschen“ (wörtlich übersetzt: „Das Gesetz des Marktes“) von einem armen Ex-Fabrikarbeiter, der als Kaufhausdetektiv Menschen an die Polizei ausliefern muss und darüber in einen Konflikt mit sich selbst gerät.

Die Familie bricht zusammen, Besitz und Status verfallen

 

Nun, im neuen Film von Brizé, sieht sich eine junge Adlige mit dem Zusammenbruch ihrer Familie konfrontiert, mit dem Verfall von Besitz und Status, mit Zweifeln an der Möglichkeit des individuellen Glücks als Frau. Die Kämpfe, die sie ausficht, trägt sie in der überdeutlichen Gegenwart von Männern aus, die sich auf ihre Kosten ausleben, lügen, herumschreien und töten. Männer, die auf den Verlust ihres Gesichts fast ausnahmslos mit Gewalt und Autorität reagieren. Männer, zu deren Komplizin sie wird. Und doch verweigert der Film einfache Schlüsse.

Kürzlich inszenierte Feng Xiaogang, der als chinesischer Steven Spielberg gilt, einen sehr gegenwärtigen Klassenkampf-Film, unter dem von Gustave Flaubert inspirierten Titel „I Am Not Madame Bovary“. Ein Kommentar auf die Aktualität Flauberts und dessen gründliches Beobachten der Welt und gleichzeitig eine Absage an die Unverrückbarkeit von Machtverhältnissen. Die chinesische Heldin ist nicht wie Jeanne eine Gefangene des Systems, sondern eine Aufständische. Doch beide eint die jugendliche Bewegtheit ihres Blicks.

„Ein Leben“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Guy de Maupassant, einem Schüler Flauberts, der sich im späten 19. Jahrhundert dem Naturalismus verschrieb – angetrieben von dem Versuch, durch einfache erzählerische Mittel auf den Grund der Welt vorzudringen. Und nun adaptiert das Buch ein Mann, der sich eine Frau ganz genau ansehen will. Doch wendet sie sich immer wieder ab. Die Kamera betrachtet Jeanne oft von der Seite, manchmal beinahe von hinten, als verberge sie in ihrem Gesicht unerreichbare Geheimnisse. Brizé gibt Judith Chemla allen Raum, Jeannes Gefühle stets ein Stück im Verborgenen zu halten. Selten bricht etwas heraus, manchmal kaum erkennbar im Dunkeln, fast albtraumhaft, einmal ganz hart und wie erstarrt zum Stillleben. Die Bewegung bleibt unter der Oberfläche. Dort aber brodelt es.

„Ein Leben“. Frankreich/Belgien 2016, Buch und Regie: Stéphane Brizé, mit: Judith Chemla, Swann Arlaud, 119 Min.

Titelbild: Film Kino Text

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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