Schon 1975 fragte der „Spiegel“ auf seiner Titelseite: „Sterben die Deutschen aus?“ Die kurze Antwort: eher nicht. Tatsächlich gab es in Deutschland immer wieder Phasen, in denen Statistiker, Politiker und schließlich die Massenmedien die Befürchtung äußerten, zu wenige Kinder würden geboren – zuletzt verstärkt ab dem Jahr 2002. Von den Problemen des demografischen Wandels ist seitdem die Rede. Das meint vor allem: Immer mehr ältere Menschen müssen von immer weniger jungen versorgt werden – denn immer weniger zahlen in die Rentenversicherung ein und kommen für immer mehr Rentenempfänger auf. Ähnlich ist es mit der Pflegeversicherung.

Deshalb starren alle auf die Geburtenrate oder durchschnittliche Kinderzahl. Experten nennen sie auch Fertilitätsrate, angelehnt an den englischen Begriff „Total Fertility Rate“. Sie gibt an, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich im Laufe ihres Lebens bekommt, und ist somit aussagekräftiger als die Geburtenziffer, die benennt, wie viele Kinder pro Jahr und 1.000 Einwohner geboren werden. Die ähnlichen Begriffe können verwirren, denn die zusammengefasste Geburtenziffer eines Kalenderjahres wird auch als Geburtenrate bezeichnet (hier mehr zu dieser Unterscheidung und zur Berechnung).

Lange ging man von 1,4 Kindern pro Frau im Durchschnitt aus, doch diese Zahl wird inzwischen bezweifelt. Stephan Sievert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sagt: „Die Zahl ist tricky, denn Frauen bekommen im Durchschnitt immer später ihre Kinder.“ Deshalb dürfte die tatsächliche durchschnittliche Kinderzahl je Frau etwas höher liegen, als längere Zeit vermutet wurde. Sievert sagt: „Wenn wir uns anschauen, wie viele Kinder Frauen bis zum 45. Lebensjahr bekommen, sehen wir, dass dieser Wert bislang bei ungefähr 1,6 liegt. Die 1,4 ist also vielleicht etwas alarmistisch.“

Die Gesamtbevölkerung bleibe ungefähr stabil, wenn Frauen im Schnitt gut zwei Kinder bekämen. Und zu dem Wert von 1,6 sind noch die Zuwanderer zu zählen, um zu erheben, ob Deutschland nun die Menschen ausgehen. „Es ist schwierig, das exakt zu berechnen“, sagt Sievert, „aber die 1,6 Geburten und die Migranten zusammen kommen auf der Grundlage der Erfahrung der vergangenen zehn Jahre der 2,0 schon relativ nahe.“

Trotzdem sei zu erwarten, dass die Einwohnerzahl in Deutschland im Laufe der kommenden Jahrzehnte sinke. Aufgrund des sogenannten Pillenknicks der 1960er-Jahre – wegen der Verbreitung der Antibabypille war die Geburtenrate plötzlich rapide gesunken – gibt es in Deutschland vergleichsweise viele alte und wenig junge Menschen. Die nachwachsenden Generationen sind also schlichtweg zahlenmäßig zu klein, um das Schrumpfen komplett verhindern zu können. Von „Aussterben“ kann aber keine Rede sein.

Doch die Probleme sind nicht zu leugnen: Immer mehr ältere Menschen benötigen Pflege, immer mehr ländliche Kommunen müssen sich überlegen, wie sie den Wegzug vor allem von Jüngeren verkraften können. Diese Entwicklungen haben allerdings eher etwas mit der vergangenen als mit der aktuellen Geburtenrate zu tun.

Felix Ehring arbeitet als freier Journalist. Bei der Recherche wurde ihm von Zahl zu Zahl klarer: Ob es nun um Armut, Geburten, Arbeitslosigkeit oder Klimaschutz geht – Interessengruppen führen eine teilweise erbitterte Debatte um die Deutungshoheit dieser Zahlen. Und: Einige Journalisten vermelden amtliche Zahlen einfach, ohne sie zu hinterfragen und einzuordnen. Dabei gilt für jede Zahl: Sie sagt nicht nur etwas aus, sie verschweigt auch etwas.