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So ist es, ich zu sein: Erzieher

Paul ist leidenschaftlich gerne Erzieher – trotzdem hört er jetzt auf. Woran das liegt und was den Beruf attraktiver machen könnte, erzählt er hier

Erzieher

Ich habe ein Händchen dafür, mit anderen Menschen zu arbeiten und dabei zu helfen, ihr Leben ein bisschen besser zu machen. Deswegen bin ich Erzieher geworden. Ein Baustein im Leben eines Kindes zu sein, ist eine sehr direkte, spontane und sinnstiftende Arbeit. Das steigert das Selbstwertgefühl, geht aber natürlich auch mit viel Verantwortung und Druck einher.

Leider können wir das, was wir leisten wollen, in der Realität oft nicht umsetzen: Wenn ein bis zwei Personen 20 Kinder betreuen sollen, bleibt für jedes einzelne Kind nicht viel Zeit. Ich muss zwischen ihren Bedürfnissen hin und her wechseln, und die unterscheiden sich je nach Kind und Alter stark. Wenn der pädagogisch angemessene Rahmen nicht gegeben ist, ist das fatal: Kinder lernen dann weniger, sozial wie bildungstechnisch, und ich bekomme schnell das Gefühl, den Kindern nicht gerecht zu werden.

„Es kann passieren, dass man mehrere Stunden nicht dazu kommt, aufs Klo zu gehen“

Als Erzieher machen wir mehr als aufpassen und erziehen. Wir tragen dazu bei, dass sich Kinder, die unterschiedliche Sprachen sprechen und verschiedene Hintergründe haben, verstehen und miteinander reden. Damit übernehmen wir gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Deswegen würde ich mir wünschen, dass wir in der Gesellschaft als Bildungseinrichtung wahrgenommen werden. Diese Wertschätzung kommt bisher meiner Meinung nach nicht an. Das zeigt sich schon daran, dass Erzieher zu wenig verdienen – nicht nur in der Ausbildung, auch danach.

Dazu kommt der fehlende Arbeitsschutz. In den meisten Kitas ist es zum Beispiel viel zu laut, die Dezibelhöhe ist gesundheitsschädlich. Ein anderer Mangel ist, dass wir oft keine richtigen Stühle haben, um uns hinzusetzen, sondern nur Kinderstühle. Auch können wir die Pausenzeiten vielerorts nicht einhalten. Wenn Kitas einen chronischen Personalmangel haben, kann es passieren, dass man mehrere Stunden lang nicht dazu kommt, aufs Klo zu gehen oder etwas zu trinken.

Bis zu 230.000 fehlende Fachkräfte in Kitas bis 2030 – davon geht eine Studie der Bertelsmann-Stiftung aus. Dabei zeigt sich ein eindeutiges Ost-West-Gefälle: Während es in den westlichen Bundesländern tendenziell zu wenig Kita-Plätze gibt, fehlen in den ostdeutschen Ländern die Erzieher/-innen, um die Kinder zu betreuen. Derzeit hat bundesweit jede zweite Kita so wenig Personal, dass nicht alle Plätze an Kinder vergeben werden können. Um die rund 635.000 Erzieher/-innen (Stand 2020) zu entlasten, haben einige Bundesländer bereits Fachkräfte aus dem Ausland angeworben.

40 Stunden in der Woche packt das kaum jemand länger als ein paar Jahre. Die Arbeitsbedingungen müssen sich dringend verbessern – gerade werden dort zu viele Leute für zu wenig Kohle verheizt. Das ist frustrierend, das hat kein Kind, aber auch kein Arbeitnehmer verdient. Der Anteil an Kita-Personal, der wegen gesundheitlicher Probleme in Frührente geht, ist mit rund einem Viertel recht hoch.

Manche geben den Beruf auch auf, um noch zu studieren. Ich studiere jetzt Heilpädagogik, ein anderes beliebtes Fach ist zum Beispiel Soziale Arbeit. Was nach dem Studium kommt, weiß ich noch nicht. Ich studiere, weil ich was Neues lernen will, nicht weil ich den Beruf nicht mehr mag. Für mich ist Erziehersein eine Berufung – diese Haltung braucht man, wenn man in diesen Beruf geht, sonst hält man die Belastungen nicht aus. Deswegen ist es wichtig, dass nur Menschen Erzieher werden, die wirklich Bock drauf haben.

Weitere Texte aus der Reihe „So ist es, ich zu sein“ findest du hier.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.