Radar

ABO
Mediathek

Viel Krieg, wenig Kampf

Das Computerspiel „11-11: Memories Retold“ findet einen ganz eigenen Weg, vom Ersten Weltkrieg zu erzählen. Dass kaum geschossen wird, ist nur eine von mehreren Überraschungen

  • 3 Min.
Bild aus dem Computerspiel 11 11 Memories Retold

Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg ist Routine geworden. Hundert Jahre nach seinem Ende spielt er oft eine symbolische Rolle: Wir beobachten Politiker beim Absolvieren diverser Gedenkveranstaltungen. Kranz niederlegen, Schweigen, Ruhe bis zum nächsten Jahrestag.

Schwer zu begreifen bleibt er aber bis heute. Der Erste Weltkrieg hat die Menschheit mit dem zerstörerischen Charakter moderner Kriegsführung konfrontiert, er steht für die Gefahren des Nationalismus, für zermürbende Grabenkämpfe, für Giftgas. In Computerspielen ist er nur ein Setting unter vielen und kein besonders beliebtes; die Waffen luden damals schließlich langsamer nach. Zuletzt hat „Battlefield I“ zaghaft versucht, an die Sinnlosigkeit und Allgegenwart des Sterbens zu erinnern. Aber das ging in dem Action-Feuerwerk eher unter.

Schlachtengemälde mal ganz anders: Mit seiner ungewöhnlichen Optik und seiner langsamen Erzählweise gelingt „11-11: Memories Retold“ ein ganz eigener Zugriff auf den Ersten Weltkrieg

Einen ganz anderen Ansatz wählt „11-11: Memories Retold“. Das Spiel sieht aus wie ein animiertes Gemälde, es erzählt die Geschichte der Begegnung zweier Menschen und rückt den Kampf in den Hintergrund. Die Gewalt taucht nur als Gefahr auf, wenn etwa ein Charakter geduckt zum Ziel schleichen muss, um nicht erschossen zu werden. Alle Herausforderungen fühlen sich nur symbolisch an, die Interaktionen sind simpel, die Rätsel selbsterklärend. „11-11“ ist kein Spiel, in dem jemand gut werden und gewinnen könnte – es ist eine interaktive Erzählung.

Ein junger kanadischer Fotograf und ein deutscher Ingenieur treffen an der Front aufeinander, und ihre Schicksale verbinden sich auf eine fast magische Weise miteinander. Das Spiel behält einen kleinen Sicherheitsabstand zur Wirklichkeit, auch optisch. Über der Grafik liegt ein Filter, mit dem die Welt wie ein impressionistisches Gemälde aussieht. Nur gelegentlich erinnert der Effekt etwas zu sehr an Instagram, die meiste Zeit wirkt er. Gemacht wurde „11-11“ unter anderem von Aardman – der Firma, die sonst vor allem für heitere Stop-Motion wie „Shaun das Schaf“ oder „Wallace & Gromit“ bekannt ist. Ihr gelingt auf Anhieb ein Konsolenspiel mit einem wirklich originellen Look.

Die dicken Pinselstriche bilden die Wahrheit nicht nur ab, sie federn sie auch ab

Die dicken Pinselstriche legen sich wie eine Unschärfe über das Grauen. Wenn es golden über dem Schützengraben dämmert, wirkt das sogar versöhnlich. Das mag in einem Spiel über Angst, Verlust und Tod guttun, führt aber dazu, dass die Wahrheit nicht nur abgebildet, sondern auch abgefedert wird.

Im Vordergrund des Spiels steht die Bedeutung des Krieges für den Menschen. Sie wird aus verschiedenen Perspektiven von der Front bis in das Hinterland demonstriert. Nur wollen die Entwickler ihr Publikum offenbar nicht überfordern. Auf jeden Rückschlag folgt ein Hoffnungsschimmer. Dazu passen die banal einfachen Rätsel und Schleichpassagen. Höchstens die Sammelobjekte in der Welt stellen eine Herausforderung dar, aber eine nervige. Nur wer in den Levels nach den kompletten Sets rotierender Briefumschläge stöbert, erfährt zur Belohnung historische Hintergründe.

Starke Figuren, langer Nachhall

Wahlmöglichkeiten gibt es wenige, die aber sind wichtig: Was fotografiert der Kanadier? Was schreibt der deutsche Ingenieur seiner daheim wartenden Tochter? Die Rollen sind gut geschrieben und gesprochen. Elijah Wood ist ein überzeugender junger Fotograf, der sich verliebt und leichtsinnig in das Kriegsabenteuer begibt, aus dem er der Angebeteten immer wieder Fotos schickt. Sebastian Koch raunt sich mit glaubwürdigem Schmerz durch die Suche nach seinem an der Front verlorenen Sohn.

Die Erzählung verliert gelegentlich den Spannungsbogen, sie hat Längen und kippt immer weiter ins Unwahrscheinliche. Dass sie trotzdem nachhallt, liegt an den starken Charakteren. Sie machen etwas Unvorstellbares begreifbar. Und das ist eine große Leistung, größer noch als die hübsche Optik.

„11-11: Memories Retold“ ist für PC, PS4 und Xbox One erhältlich.

Foto: 11-11: Memories Retold

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

0 Kommentare
Meine Meinung dazu...
Die Angabe eines Namens ist freiwillig. Ich willige mit "Speichern" ein, dass die bpb den ggf. angegebenen Namen zum Zweck der Prüfung und Veröffentlichung meines Kommentars verarbeitet. Sie können diese Einwilligung jederzeit widerrufen. Ausführliche Informationen zu Datenschutz und Betroffenenrechten finden Sie hier: Datenschutzerklärung