Das Heft – Nr. 66

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Editorial

Mit unserem Körper sind wir unmittelbar Teil der Natur. Das Verhältnis zum Körper ist ein wichtiges Persönlichkeitsmerkmal und gleichzeitig kulturell vorgeprägt. Wir sehen uns im Spiegel der anderen, uns ist wichtig, wie wir von ihnen wahrgenommen werden. Und wir begegnen den anderen aus der Perspektive unserer eigenen Werte, bis hin zu rassistischen Vorurteilen. Dabei ist der Körper nichts Geschlossenes, Fixes.

Er be- findet sich in einem ständigen Stoff- und Energiewechsel und ist auf Mikroebene eine Plattform des Zusammenlebens mit anderen Lebensformen. Die Zeit als Lebenszyklus des Alterns ist ihm fest eingeschrieben. Wir können ihn formen, aber der Tod bildet noch immer den fixen Horizont aller Prozesse.

Das Bild, das wir uns von unserem Körper machen, die Ideale, an denen wir uns ausrichten, sind im westlichen Kapitalismus heute unsere eigene Sache. Aber sie sind immer auch mit Macht marktförmig und massenmedial vermittelt: Was ist schön? Normal? Gesund? Wie stehe ich im Verhältnis zu den anderen da? Wer trägt die Verantwortung? In den Arenen des Alltags wird das ständig ausgehandelt.

Die Differenz zwischen den Idealbildern und der eigenen Realität ist für viele Anlass zur Sorge. Ganze Sorgeindustrien versprechen uns hier Hilfe und Erlösung, sei es mit Mode, Kosmetik, körperlichem und geistigem Training und vielem mehr. Diese Formen der Lösung des Problems werfen nicht nur große Gewinne ab, sie halten das Problem auch am Laufen.

Im Verhältnis zum Körper ist deshalb eine Art Biopolitik im Kleinen gefragt. Wie im Feld der großen Politik haben wir auch in unserem Alltag einen Mix aus Informationen, Haltungen und Entscheidungen zur Hand und können ihn bewusst einsetzen. Ein pragmatisches Ziel wäre der Gewinn des Einverständnisses mit unserem Körper, auch in Distanz zu den vorgegebenen Idealbildern. Gelassenheit wird hier politisch, zur Erfahrung einer Freiheit, die aus Selbstsicherheit erwächst. Ein kritischer Realismus kann uns auch helfen, die Vielfalt der Körperbilder und der Wirklichkeiten der anderen anzuerkennen. So wird der Weg zu Respekt und Mitgefühl frei, es öffnen sich Zonen gelungenen Lebens auch jenseits der permanenten Konkurrenz.

Mit unseren Köpern haben wir teil am wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Die Medizin macht aus Schicksal immer öfter ein lösbares Problem – von der Empfängnisverhütung bis hin zum Austausch ganzer Organe. Die Langzeitwirkungen dieser Techniken und die dazugehörigen politischen Debatten geben eine erste Orientierung für die anstehenden bioethischen Fragen. Die heutigen Generationen sind Zeugen der Verschmelzung von Medizin, Gentechnik, digitalen und anderen Technologien. Neue Horizonte der Leistungsfähigkeit und der Überlebensmöglichkeit werden erschlossen. Die Dynamik ist atemberaubend, und sie wird auch unsere Körper erfassen.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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