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„Die Klage ist für uns Nonsens“

Seit April stehen vier Mitarbeitende eines Moskauer Studierendenmagazins unter Hausarrest. Kurz vor den Parlamentswahlen erzählt „Doxa“-Redakteur Mstislav Grivachev, wie es ihnen geht

Armen Aramyan, Natalia Tyshkevich und Alla Gutnikova vor der Gerichtsanhörung

„Sie können die Jugend nicht besiegen“ – so heißt das YouTube-Video, wegen dem Armen Aramjan, Natalia Tyschkewitsch, Alla Gutnikowa und Wladimir Metjolkin derzeit im Hausarrest leben müssen. Veröffentlicht hatten es die vier Redakteur*innen des uniübergreifenden Moskauer Studierendenmagazins „Doxa“ im Januar 2021 anlässlich der Verhaftung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. Ihr Ziel: darüber aufzuklären, dass es illegal ist, Studierende wegen ihrer Teilnahme an Protesten gegen die Inhaftierung vom Studium auszuschließen. Die Folge: Erst musste die „Doxa“-Redaktion auf Anweisung der russischen Medienaufsicht das Video löschen, im April wurden die vier Redakteur*innen vorübergehend festgenommen und sitzen seitdem im Hausarrest. Ihnen wird vorgeworfen, mit dem dreiminütigen Video Minderjährige zu „gesetzeswidrigen Handlungen mit Gefahr für Leib und Leben“ verleitet zu haben.

fluter.de: Mstislav, im Juni sollte eigentlich der Prozess gegen deine Kolleg*innen beginnen. Warum ist bis jetzt noch nichts passiert?

Mstislav Grivachev: Das Problem ist, dass die russische Regierung versucht, solche Prozesse in die Länge zu ziehen, so gut es geht. Eigentlich ist das gar nichts, was die Regierung entscheiden sollte, sondern ein Gericht. Dafür müsste es aber Gewaltenteilung in Russland geben. Wir hoffen trotzdem, dass die vier irgendwann freigesprochen werden, auch wenn man zeitlich nicht absehen kann, wann es so weit sein könnte. Wer weiß, vielleicht sind wir auch zu optimistisch, aber die Klage ist für uns einfach Nonsens. Die Akten zu der Ermittlung, die wir einsehen durften, enthalten nicht einmal die Namen der vier oder den Namen des Magazins. Stattdessen stehen dort unter anderem Ergebnisse von schulischen Ruderwettbewerben und Physikwettkämpfen, die nichts mit den vieren zu tun haben.

Wie geht es ihnen im Hausarrest momentan?

Die Situation ist hart für sie, aber sie bemühen sich, mit den Einschränkungen zurechtzukommen. Sie dürfen nicht über das Internet oder per Telefon mit der Außenwelt kommunizieren, aber sie versuchen, diese Maßnahmen zu umgehen.

„Niemand ist nach Monaten Hausarrest noch dieselbe Person wie zuvor“

Wie muss ich mir das vorstellen?

Sie dürfen zum Beispiel keine Nachrichten von ihrem Laptop oder Handy versenden, andere Personen können aber ihre Nachrichten weitergeben. Man merkt, dass diese ganzen Maßnahmen keinen Sinn ergeben, aber belastend sind sie trotzdem. Niemand ist nach Monaten Hausarrest noch dieselbe Person wie zuvor.

Für euch in der Redaktion kann die Situation auch nicht einfach sein.

Es ist hart, weil die Kommunikation mit den Leuten im Hausarrest schwierig ist. Aber wir alle versuchen, unser Bestes zu geben und mit Kampagnen auf die Situation aufmerksam zu machen, um vielleicht so die Entscheidung der Regierung zu beeinflussen. Dabei geht es uns natürlich auch um ihren Freispruch, aber wir hoffen gerade vor allem, dass dadurch der Hausarrest gelockert werden kann.

 
Vladimir Metelkin auf dem Weg zur Gerichtsanhörung (Foto:  Ivan Vodop'janov/Polaris/laif)
Kämpferisch, trotz allem: Wladimir Metjolkin, einer der vier Doxa-JournalistInnen, auf dem Weg zu einer Gerichtsanhörung (Foto: Ivan Vodop'janov/Polaris/laif)

Es wurden auch andere Studierende, die für das Magazin arbeiten, zu dem Vorfall befragt. Habt ihr keine Angst weiterzumachen?

Natürlich ist es ein enormer Druck, wenn auf einmal die Polizei vor der Haustür steht. Im schlimmsten Fall macht die Oma oder die Mutter auf, die werden dann schon panisch. Aber wir halten in der Redaktion alle zusammen, und bisher hat auch noch niemand von uns aufgehört.

Warum ist es euch so wichtig, trotz der Klage weiterzumachen?

Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit der Universitätspolitik in Russland, aber berichten auch über Bewegungen innerhalb der Studierendenschaft und politische Proteste. Das sind Themen, die uns ganz persönlich betreffen und über die wir weiter berichten wollen.

Weil ihr häufig über solche kritischen politischen Themen schreibt, stoppte beispielsweise die Higher School of Economics in Moskau ihre finanzielle Unterstützung für euer Magazin. Wie eingeschränkt fühlt ihr euch in eurer Arbeit?

Vier unserer Redakteur*innen befinden sind im Hausarrest, was ja sehr gut zeigt, dass man politisch verfolgt werden kann, wenn man kritisch berichtet. Bei „Doxa“ geht es uns aber genau darum, auch die Themen anzusprechen, die der Regierung schaden könnten. Wir wollen einfach berichten, was jungen Leuten gerade wichtig ist. Wir haben zum Beispiel in letzter Zeit viel über Missbrauchsfälle von Frauen an Universitäten berichtet oder über die drastischen Kürzungen von Stipendien für Studierende.

„Die Repressionen im Land haben definitiv zugenommen und es kritischen Medien schwerer gemacht zu berichte“

Gibt es ganz allgemein Themen, die von den russischen Medien derzeit vermieden werden?

Niemand von einem anerkannten russischen Medium würde sich weigern, über ein bestimmtes Thema zu berichten, weil man Angst vor einer Strafverfolgung hat. Was aber unter anderem problematisch für unsere Arbeit ist, ist die fehlende Transparenz an den Universitäten und in der Regierung. Viele Dokumente sind an den Unis zum Beispiel nicht einsehbar, sodass es für uns schwierig ist, Veränderungen mitzubekommen und darüber zu berichten.

Am 19. September stehen die Parlamentswahlen an. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, OSZE, schickt wegen Behinderungen durch die russische Regierung dieses Jahr keine Wahlbeobachter*innen. Oppositionelle klagen über Repressionen. Wie wirkt sich das alles auf die Medienlandschaft aus?

Nicht nur „Doxa“, sondern viele auch sehr große Medien hatten in den letzten sechs Monaten sehr zu kämpfen. Die Repressionen im Land haben definitiv zugenommen und es kritischen Medien schwerer gemacht zu berichten. Gerade geht es vielen einfach nur darum, als Medium zu überleben.

Junge Russ*innen lesen eure Beiträge online und in den sozialen Medien. Kannst du sagen, welche Themen sie dort gerade besonders diskutieren?

Die Klimakrise beschäftigt sehr viele junge Menschen – im Gegensatz zu den Älteren, bei denen noch nicht angekommen ist, wie wichtig das Thema ist. Außerdem wird viel über Lohnungleichheit diskutiert, weil sich die Löhne in Russland je nach Region stark unterscheiden. Auch über die Rechte von Menschen aus der LGBTQI-Community wird immer mehr geredet. Nichtregierungsorganisationen haben außerdem in letzter Zeit sehr stark auf häusliche Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht. Ich glaube, dass das für viele junge Menschen ein wichtiges Thema vor der Wahl ist.

Und mit welchen Erwartungen blickst du auf die Wahlen?

Ich selbst habe keine große Hoffnung, dass sich dadurch für uns etwas verändern wird. Besonders wenn man bedenkt, wie viele Oppositionelle aus Russland geflohen sind in der letzten Zeit. Aber man weiß nie, was passiert. Vielleicht ergeben sich, wenn wieder wirklich schwerwiegende Fehler gemacht werden, Proteste wie damals nach den Parlamentswahlen 2011. Damals gingen viele wegen des Verdachts auf Wahlbetrug auf die Straße. Die Proteste könnten dann etwas verändern in Russland.

Mstislav Grivachev, 21, studiert in Moskau an der Higher School of Economics Politikwissenschaften. Seit 2018 arbeitet er für „Doxa“ als Onlineredakteur, Autor und Projektkoordinator.

Titelbild: Drei der vier Doxa-JournalistInnen – Armen Aramjan, Natalia Tyschkewitsch und Alla Gutnikowa – vor Gericht (Foto: Ivan Vodop'janov/Polaris/laif)

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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