Die Zukunft? Hat auf deutschen Tellern noch nicht begonnen. So jedenfalls müsste die Welternährungsorganisation FAO urteilen, die Insekten seit Jahren als nachhaltige Nährstoffquelle anpreist, die die wachsende globale Bevölkerung satt machen und gleichzeitig die Umwelt schonen soll. Doch während weltweit etwa zwei Milliarden Menschen regelmäßig Heuschrecken, Grillen und ähnliches Getier verzehren, haben sich die kleinen Krabbelviecher hierzulande noch nicht auf dem Lebensmittelmarkt etabliert. Das Angebot ist klein, die Nachfrage noch kleiner.

Aber wieso eigentlich Insekten essen? Deutschland exportiert doch sogar Fleisch, so groß ist die Produktion. Das Problem: Viehzucht verbraucht viele Ressourcen – vor allem Wasser und Boden – und ist zudem für Treibhausgase verantwortlich, befeuert also den Klimawandel. Die gut 1900 essbaren Insektenarten auf der Welt, so die FAO, sind ebenso nahrhaft, haben aber die bessere Ökobilanz.

„Ich sehe gar nicht ein, warum man Maikäfer bisher so verachtet hat und noch verachtet“, schrieb ein gewisser Dr. Johann Schneider schon 1844 im Magazin für Staatsarzneikunde über ein seines Erachtens vortreffliches Nahrungsmittel. Seine Studenten hätten die Käfer gar „nach abgerissenen Füssen roh, ganz wie sie sind“ gegessen.

Heute forscht Marc Schleunitz an der HU Berlin zum Thema und hat sogar seine Masterarbeit der Entomophagie, so das Fachwort für den Verzehr von Insekten durch den Menschen, gewidmet. „Die Menschen lassen sich da in zwei Gruppen einteilen: die Experimentierfreudigen und die, die eher skeptisch sind“, sagt er. Doch meist reiche schon ein wenig Aufklärung, um Vorurteile oder Ekel zu überwinden.

Der Ekel der Konsumenten? Beruht meist auf Fehlannahmen

Wissenschaftler wie Schleunitz sehen in Insekten eine gute Proteinquelle: Sie weisen ein ähnliches Aminosäureprofil auf wie das Fleisch von Säugetieren, enthalten außerdem Ballaststoffe und Mikronährstoffe wie Eisen und Zink. Trotz weiteren Forschungsbedarfs lässt sich sagen, dass der Ausstoß von Treibhausgasen in der Zucht wesentlich niedriger liegt. Außerdem verbrauchen die kleinen Tiere, die man im Gegensatz zu Vieh oft nahezu vollständig essen kann, viel weniger Ressourcen. Zum einen benötigen sie weniger Raum, zum anderen verwerten sie ihr Futter wahnsinnig effizient: Um ein Kilo essbares Gewicht zu produzieren, müssen bei Grillen nur 2,1 Kilogramm Futtermittel aufgewendet werden – bei Rindern hingegen 25 Kilogramm. Dadurch liegt auch der Wasserverbrauch bei der Insektenzucht deutlich niedriger.

Dass wir in Deutschland trotzdem keine Insekten in den Supermarktregalen vorfinden, liegt neben dem Ekel der meisten Konsumenten auch an der vagen Gesetzgebung. In der EU gelten Insekten als „neuartiges Lebensmittel“, da sie in Europa vor dem Stichtag 15. Mai 1997 nirgends auf dem Speiseplan standen. Deshalb unterliegen sie einem recht langwierigen Zulassungsprozess. Die sogenannte Novel-Food-Verordnung wurde in den einzelnen Ländern jedoch unterschiedlich interpretiert. Wer hierzulande verarbeitete Insekten verkauft – die deutsche Firma Yummy Food Shop etwa bietet Insektenmehl an, in anderen Ländern gibt es bereits Burger oder Chips aus Insekten –, befand sich damit überdies in einer rechtlichen Grauzone. Mehr Klarheit soll eine neue, zum Jahreswechsel bereits in Kraft getretene Verordnung bringen. Nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren müssen Bewertung und Zulassung von neuartigen Lebensmitteln künftig zentral durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit erfolgen.

Kilopreise von bis zu 800 Euro

Ein Schlupfloch in der alten Verordnung: ganze Insekten – denn diese unterlagen bisher nicht der Bewertungs- und Zulassungspflicht. Das hat sich auch Folke Dammann mit seiner Firma Snack Insects zunutze gemacht. Sie existiert seit knapp drei Jahren, doch bislang importiert sie ihre Speiseinsekten aus dem europäischen Ausland, wo sie von kleinen bis mittleren Unternehmen gezüchtet werden. „Belgien, die Niederlande und Frankreich sind auf diesem Gebiet schon weiter als wir“, sagt er. Doch die größte Hürde ist aus seiner Sicht nicht die Gesetzgebung, sondern der Preis. Die Insekten in seinem Online-Shop haben Kilopreise zwischen 200 und 800 Euro. Trotzdem sagt er: „Ich denke, dass Insekten in einigen Jahren durchaus einen Platz auf unseren Tellern finden werden.“ Sobald die Nachfrage für Speiseinsekten steige, werde sich auch das Preisniveau anpassen.

Doch möglicherweise erübrigt es sich bald ohnehin, auf eine vermehrte Insektenproduktion in Deutschland zu warten. Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter kamen kürzlich 145.000 US-Dollar für den „Hive“ zusammen, ein Gerät, mit dem sich Mehlwürmer ohne großen Aufwand zu Hause züchten lassen sollen. Der Vorteil: Keine Lieferwege, keine Verpackungen. Außerdem lassen sich die Insekten mit Küchenabfällen ernähren, was in der industriellen Produktion gegenwärtig verboten ist. Doch werden Insekten mit Soja oder anderen Nahrungsmitteln gefüttert, die der Mensch auch selbst essen könnte, können sie nicht ihr volles ökologisches Potenzial entfalten.

Ein wesentlich kompletteres Nahrungsmittel als Soja

Bei all der Insekteneuphorie drängt sich ohnehin die Frage auf, ob Vegetarismus nicht die bessere Alternative ist. Sollte man Fleisch nicht einfach besser durch Soja ersetzen? „Insekten decken im Vergleich einen größeren Teil unseres Nährstoffbedarfs ab“, gibt Paul Vantomme zu bedenken. „Sie sind ein wesentlich kompletteres Nahrungsmittel als Soja.“ Als Gründe nennt der FAO-Experte den Gehalt von Amino- und Fettsäuren, der bei Insekten besser sei als bei jeder Pflanze. Außerdem weisen Insekten laut Vantomme den kleineren ökologischen Fußabdruck auf als Soja.

Bleibt das Argument vom Tierleid: Ob Insekten überhaupt ein Schmerzempfinden haben, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Und von ihrem Sterben bekommen die wechselwarmen Tiere nichts mit: Indem man die Umgebungstemperatur herunterregelt, werden sie in eine Art Kältestarre versetzt und können dann gefriergetrocknet werden. Auch den Vorwurf der Massentierhaltung kann man den Insektenzüchtern nicht unbedingt machen, denn Insekten neigen auch in der Natur oftmals zum Klumpen.

Für den Biologen Marc Schleunitz sind Insekten dennoch nicht die Lösung für die ökologischen Probleme der Nahrungsmittelproduktion, eher eine Farbe mehr auf der Palette. „Man sollte nicht unkritisch auf den Hype Train aufspringen“, mahnt er. Und denkt schon einen Schritt weiter: Wir könnten unseren Speiseplan doch auch mit Algen nachhaltig ergänzen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lukas Wohner ist fluter-Redakteur. Während der Recherche zu diesem Text hat er selbstverständlich allerlei Insekten probiert. Welche ihm am besten gefallen haben? „Heuschrecken. Wenn man die nicht zu Tode frittiert, bleibt der Hinterleib leicht saftig und erinnert geschmacklich an Shrimps.“

Außerdem probiert und für – mehr oder weniger – gut befunden:

Mehlwürmer und Buffalowürmer: „Schmecken nussig und sind überhaupt nicht schwabbelig, sondern kross. Frittiert sind sie fast besser als Röstzwiebeln.“

Zophobas-Larven: „Im Grunde wie die Mehlwürmer, nur deutlich größer. Was ich beim Essen gemerkt habe: Die Dinger haben kleine Beinchen, die einen auch mal zwicken können.“

Grillen: „Angeröstet mit etwas Knoblauch und Rosmarin ganz lecker, aber kein Hit. Erinnern mich irgendwie doch immer an Fischfutter. Mit Schoko geht’s.“

Seidenspinner-Puppen: „Sehen aus wie winzige Gnocchi und schmecken eigentlich nach nicht viel. Umso wichtiger ist wohl die Marinade. Vom Gefühl her wie kleine Böhnchen: Beim Kauen spürt man die Außenhaut, die beim Draufbeißen aufplatzt, der Inhalt ist ziemlich mehlig. Gefielen mir recht gut.“