Als Kinder konnten wir den Unterschied zwischen männlich und weiblich nicht genau benennen. Die Jungen verspürten das Bedürfnis, mit Mädchen zu reden, und den Mädchen ging es umgekehrt genauso.

Ohne den Grund zu kennen, fühlen sich Kinder zueinander hingezogen. Kleine Mädchen nähern sich ohne Berechnung den kleinen Jungen – und umgekehrt. Jeder von ihnen hat nichts weiter als seine eigene Persönlichkeit, die ihnen als Kinder von Natur aus gegeben ist und die sie der jeweils anderen Seite spontan zuwenden. Mag sein, dass sich ein hübsches, kleines Mädchen mit einem Jungen abgibt, der überhaupt nicht hübsch ist, oder umgekehrt. Mag sein, dass ein Mädchen aus einem armen Haus Umgang mit einem reichen Jungen hat oder ein rothaariges mit einem blonden oder umgekehrt … Die Wünsche von Kindern sind klar definiert. Ihre Herzen kennen noch nicht die Unterschiede, die Erwachsene machen.

So vergeht die Zeit, wir werden größer, unsere Psyche, unser Denken und unsere Physiologie verändern sich, und dann treten Barrieren, Hintergründe und Absichten in Erscheinung. Ich habe junge Ägypter/innen nach den Unterschieden zwischen Männern und Frauen gefragt.

Madjid Yasin, 28 Jahre, Inhaber eines Import-Büros: "Hier in Ägypten sollte die Beziehung zwischen Frau und Mann eingeschränkt sein, denn der Islam oder auch jede andere Religion verbietet die geschlechtliche Beziehung zwischen Mann und Frau vor der Ehe. Eine uneingeschränkte Beziehung zwischen nicht miteinander verheirateten Frauen und Männern führt somit zur Sünde."

"Ich glaube, die jungen Leute im Westen gehen Beziehungen aus ganz einfachen Gründen ein, zum Beispiel, weil ihnen jemand gefällt. In einer Beziehung, die der verheirateter Paare ähnelt – oftmals sind bereits Kinder da – entdecken die Partner nach einer Weile, dass sie keine gemeinsame Lebensform gefunden haben und ziehen eine Trennung vor. Dann geht jeder von ihnen eine neue Beziehung ein, deren eigentliches Ziel es ist, wieder geschlechtlich miteinander zu verkehren."

Angst vor einer emanzipierten Beziehung

"In Ägypten gibt es vereinzelt Leute, die Beziehungen ähnlich wie im Westen eingehen, aber es sind immer noch wenige. Es gibt allerdings eine kleine Gruppe, die die Emanzipation in den Beziehungen zwischen Mann und Frau als notwendig ansieht. Doch diese Leute verhalten sich schizophren. Im Grunde haben sie Angst, solche Beziehungen einzugehen, und machen nur große Sprüche. Dann gibt es eine andere Gruppe, die emanzipierte Beziehungen führt, aber es nicht offen zugibt. Denn sie weiß, dass sie in einer orientalischen Gesellschaft lebt, die das nicht gutheißt."

"Ich bin seit sieben Monaten verlobt. Für mich ist der Schritt, eine feste Bindung mit einem Mädchen einzugehen, erst denkbar, wenn ich eine finanzielle Grundlage geschaffen habe, damit ich heiraten und eine Familie gründen kann, die auf Sicherheit und Beständigkeit basiert."

Ich frage Madjid: "Dann hast du bis heute noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt?" "Nein, natürlich nicht", antwortet er, "ich bin doch Muslim."

Teure Eheschließung

"Weißt du, dass westliche Jugendliche wirklich völlig erstaunt sind, wenn sie hören, dass Leute deines Alters noch nie Geschlechtsverkehr hatten?", frage ich ihn weiter. "Ich weiß", sagt Madjid, "und um nicht als Heiliger zu erscheinen: Natürlich habe ich in schwachen Momenten daran gedacht. Und fast wäre es mehrmals dazu gekommen, denn wir alle sind zweifellos schwache Menschen. Außerdem ist die geschlechtliche Vereinigung ein Bedürfnis in uns, das Gott geschaffen hat. Aber die armen oder ausgebeuteten Gesellschaften schieben die Ehe eines jungen Menschen auf, bis er in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen. Und wenn ich die Kosten einer Eheschließung tragen könnte, dann hätte ich bereits geheiratet."

Mahya Masch'al, 22 Jahre, Student an der Fakultät für Informationswissenschaften an der Universität von Mansura: "Selbstverständlich muss es in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht verheiratet sind, Grenzen geben. Aber vor allem muss die Liebe da sein, die dem Menschen viele seiner alltäglichen Sorgen erleichtert." Ich frage ihn: "Kannst du ein Mädchen auf platonische Weise lieben, auch wenn du nicht vorhast, es einmal zu heiraten?" Er antwortet: "Ehrlich gesagt: Das kann ich. Aber ich sehe darin Freundschaft, die für den Menschen notwendig ist. Es ist ein emotionaler Ausgleich, den man braucht. Ein Mann braucht ein Mädchen. Was machen all die jungen Männer, die nicht heiraten können, außer sich mit einem Mädchen zu unterhalten, das daran Gefallen findet? Und die Mädchen brauchen dasselbe."

Und auf die unvermeidbare Frage: "Kann ein Mann eine Beziehung mit einem Mädchen aufrecht erhalten, ohne es zu berühren?", antwortet er lächelnd: "Nein, sicher nicht, manchmal kommt es zu Berührungen." Und ich: "Aber diese einfachen Berührungen, führen sie nicht weiter?" "Was soll das heißen, sie führen weiter?" "Das soll heißen, dass man daran denkt, miteinander zu schlafen." Er antwortet eilig: "Nein, nein, so weit kommt es nicht!" Ich frage ihn: "Weißt du, was ich bei dir befürchte?" "Was meinst du?", will er wissen. "Dass dir auch nach deiner Heirat einmal diese Berührungen ausreichen", antworte ich. Lachend erwidert er: “He, Mann – sind wir keine Männer? Nach der Heirat werden wir zu Löwen!"

Auch wichtig: persönliche Reife

Mina Nabil, 22 Jahre, gläubiger Christ und Journalist: "Die Christen hier sind religiös und die Muslime auch. Die Menschen hier sind religiöser als die Menschen im Westen. Man soll heiraten und sein Recht auf Sexualität in erlaubter Weise praktizieren. Es gibt viele Verführungen. Die jungen Männer sind wirklich arm dran, und die meisten von ihnen gehören zu den armen Leuten. Sogar für die etwas Wohlhabenderen ist die Heirat oft aus finanziellen Gründen schwer." Ich sage ihm: "Alle, die ich fragte, finden, dass die finanzielle Lage das Hauptproblem fürs Heiraten ist. Es gibt doch noch einen anderen wichtigen Faktor, nämlich die Reife der Persönlichkeit. Es ist doch möglich, dass ich das Geld habe, aber dass ich im Kopf noch nicht erwachsen bin."

Er antwortet: "Natürlich, die Reife der Persönlichkeit ist auch ein Faktor. Aber glaub' mir: Alles zwischen Mann und Frau läuft gut – wichtig ist nur, dass die beiden Verheirateten aus ähnlichen Verhältnissen, aus ähnlichen gesellschaftlichen und finanziellen Schichten kommen. Probleme gibt es natürlich immer. Glaub' mir, die Erziehung ist die Hauptsache. Wenn das Ehepaar eine gute moralische Grundlage hat, dann wird das Leben weiterhin gut laufen, auch wenn die Eheschließung vor der Erlangung der Reife stattfindet – da beide gemeinsam reifen."

Zielbewusste ägyptische Mädchen

Radjia Mohamad Nabi, Ärztin, 29, findet, dass die Mädchen in Ägypten sich sehr verändert haben. Sie seien manchmal ernster und weniger emotional als die jungen Männer. Radjia fragt sich, warum: "Viele Mädchen in unserer Gesellschaft denken nicht mehr daran, sich mit einem anderen zu verbinden. Sie haben Ziele, die ihnen wichtiger sind, und sie verlassen sich auf sich selbst. Trotzdem bleibt die Verbindung mit einem Mann das Verlangen jedes Mädchens." Die Ärztin sagt ganz offen: "Vor Jahren hatte ich mich mit einem Mann verbunden, und wir verlobten uns. Er wirkte schlagfertig und klug, aber in Wirklichkeit hat er mir etwas vorgespielt. Er tat nur so, als könne er praktisch und logisch denken, er war weit davon entfernt. Oft versuchte er, mich im Namen der Liebe zu unterdrücken."

"Eines Tages stellte ich fest, dass alles ganz anders lief, als ich es am Anfang unserer Verbindung wollte, und ich musste zwischen uns und meinem eigenen Streben wählen. Und ich beschloss, meine Unabhängigkeit und meinen Erfolg in den Vordergrund zu stellen, ohne ihn, auch wenn das zum Aufschieben meines Heiratswunsches führte – vielleicht finde ich dafür einen besseren Mann!"

Das Ergebnis meiner Umfrage: Die Menschen in der ägyptischen Gesellschaft – wie er oder sie auch immer denken mag – haben alle das Bedürfnis nach einem Augenblick ehrlicher Zärtlichkeit, einem natürlichen kindlichen Augenblick, einem Augenblick, in dem man die Wesenszüge desjenigen erblickt, den man liebt. Ohne Angst zu haben – vor ihm, vor der Zukunft oder vor sich selbst, und ohne Schwierigkeiten, Vorwürfe oder einen verachtenden Blick befürchten zu müssen – ohne Berechnung eben!

Heirat in Ägypten:
Wenn ein ägyptischer Mann eine ägyptische Frau heiraten will, so wird erwartet, dass er ihr eine Wohnung oder ein Haus kauft, dazu Juwelen, Gold, Bargeld, ein Auto oder ein Stück Land – das ist Verhandlungssache. Die Verlobte oder ihre Eltern übernehmen die komplette Inneneinrichtung des Hauses oder der Wohnung. Erst dann kann die Hochzeit gefeiert werden, deren Kosten die Familie der Braut übernimmt. Der Grund für die reichhaltige Mitgift an die zukünftige Ehefrau liegt darin, dass es ansonsten keine Absicherung für sie nach einer Scheidung gibt – die ägyptische Männer ohne Zustimmung der Frau durchsetzen können. Wegen dieser komplizierten und kostspieligen Regelung heiraten Ägypter/innen oft erst vergleichsweise spät. 

Amir al-Manfalouty ist 24 Jahre alt, lebt in Kairo und ist Redakteur bei der Zeitung Al-Arabi.

Dieser Text erschien zuerst bei Li-Lak – mit freundlicher Genehmigung von Li-Lak, der deutsch-arabischen Jugendwebsite.