Am Anfang hat kaum einer verstanden, was sie da machen. „Viele dachten, es hätte was mit Japan zu tun. Oder mit Porno“, sagt Sina Voss. Sie hatte sich damals als Haku aus dem Manga „Naruto“ verkleidet – ihr allererstes Cosplay, ihre allererste Figur. Das ist nun elf Jahre her. Inzwischen ist sie 26 und Chefredakteurin von „Cohaku“, dem ersten deutschsprachigen Magazin für Cosplayer, das seit knapp zwei Jahren erscheint und von dem es mittlerweile sieben Ausgaben gibt.

Heute komme es nur selten zu peinlichen Missverständnissen, sagt Voss. Tatsächlich dürfte es für viele Außenstehende aber noch immer eine ungewohnte Erfahrung sein, wenn sie auf einmal umgeben sind von Elfen, Superhelden, Weltraumkriegerinnen oder Videospiel-Figuren. Wie beispielsweise Anfang August auf der Computerspiele-Messe Gamescom in Köln, die inzwischen eines der größten deutschen Cosplay-Events für Cosplayer ist. Weit mehr als 15.000 gibt es von ihnen in Deutschland, schätzt Sina Voss, die derzeit an einem Cosplay der Figur „Merrill“ aus dem Computer-Rollenspiel „Dragon Age“ arbeitet.

Die Kostümierten, die meisten von ihnen sind zwischen 15 und 25 Jahre alt, präsentieren auf der Gamescom barocke Brustpanzer und quietschbunte Frisuren, tragen groteske Masken und kunstvolle Kimonos. Richtet man eine Kamera auf sie, schwingen sie mit riesigen Pappmaché-Schwertern und nehmen Kampfhaltungen ein, andere zeigen akrobatische Tricks oder posieren wie Models auf dem Laufsteg. Niemand wird sie hier dafür auslachen.

„Cos“ steht für Kostüm und „Play“ für Spiel. Vor mehr als 30 Jahren soll der japanische Anime-Produzent Nobuyuki Takahashi den Begriff erfunden haben. Darum geht es: zunächst das Äußere einer Figur aus der Popkultur nachbauen und anschließend darin ihre Rolle so authentisch wie möglich einnehmen.

Es dauert Monate, bis das Kostüm fertig ist

Viele saßen vor ihrem ersten Kostüm noch nie an einer Nähmaschine und schneidern dann im Laufe der Jahre immer aufwändigere Werke – gerne auch mit Hilfe der Eltern. Nicht wenige investieren Monate oder ein ganzes Jahr in ein Kostüm. In YouTube-Videos bekannter Cosplayer kann man erfahren, wie viel Kunstfertigkeit und Geschick es dazu braucht. Besonders gefragt sind gerade thermoplastische Materialien. Das sind Kunststoffe, die sich mit Heißluft und Kleber in beliebige Formen bringen lassen. Auch Glasfasermatten oder Sprühschaum aus dem Baumarkt eignen sich, um beispielsweise Rüstungen und Waffen aller Art zu gestalten. Für den Entwurf nutzen manche sogar professionelle Computerprogramme, um dem Original so nah wie möglich zu kommen.

Denn es ist äußerst kompliziert, die animierten Vorbilder aus ihren Comic- und Pixel-Dimensionen in die 3-D-Realität zu übertragen.An vielen Stellen müssen die Cosplayer das ursprüngliche Design interpretieren und übersetzen. So wie Jürgen, der in der Nähe von Kaiserslautern wohnt. Seit Monaten ist er dabei, sein „Skull Kid“ aus der Videospiel-Reihe „Zelda“ zu perfektionieren. Vor allem die bunte Kunststoffmaske hat der 22-Jährige bereits mehrmals überarbeitet. Das Gewand hat er aus traditionellen Textilien wie Leinen zusammengenäht, den Gürtel aus selbst geschnittenen Weidenästen geflochten.

Beim Cosplay kann ich meine Kreativität ausleben. Das Kostüm bringt meine Persönlichkeit zur Geltung. Natürlich hört man schon mal blöde Kommentare, aber da stehe ich drüber. Einige machen Witze und fragen, ob ich eine Vogelscheuche bin, ein Waldkind oder eine Blume. Es macht nix, in dem Moment der Nerd zu sein. Die vielen Bilder, die Cosplayer von mir machen möchten, machen das alles wett. (Jürgen, 22)

Fotos und kurze Videos, die andere von einem machen, sind die Währung der Cosplayer, die Belohnung für die Mühen. Und noch etwas haben viele Cosplayer gemeinsam: Sie schwärmen von der großen Gemeinschaft. „Das ist ein bisschen wie bei Fußballfans mit dem Trikot desselben Lieblingsteams – die Kostüme sind ein Mega-Eisbrecher, auch wenn man alleine unterwegs ist“, sagt „Cohaku“-Chefredakteurin Sina Voss.

Man komme ganz leicht ins Gespräch und würde sich immer wieder auf den inzwischen zahlreichen Szenetreffs begegnen, auch wenn man Hunderte von Kilometern auseinander wohnt. Neben Auftritten im Rahmen größerer Messen wie der Gamescom oder der Leipziger Buchmesse sind das auch spezialisierte Events wie die Mega Manga Convention in Berlin, die DoKomi in Düsseldorf oder die Connichi in Kassel, die wichtigste Veranstaltung für Cosplayer in Deutschland mit etwa 25.000 Besuchern.

Extra aus dem niedersächsischen Verden nach Köln gereist ist Melina. Auf der Gamescom zeigt sie sich zum ersten Mal als böse Königin aus dem Computerspiel „Alice Madness Returns“. Rund acht Wochen hat die 22-Jährige für ihr Kostüm gebraucht. Die Reaktionen der anderen Besucher schmeicheln ihr, viele wollen Fotos machen.

Ich spiele sie nicht, ich versuche, sie richtig zu verkörpern. Dabei wähle ich Charaktere aus, mit denen ich mich identifizieren kann. Eigentlich bin ich total schüchtern, aber hier genieße ich die Blicke auf mir. In dem Kostüm entziehe ich mich dem Alltag und mache meinen Kopf frei – es ist ein bisschen wie Urlaub. (Melina, 22)

Cosplay als Alltags- und Realitätsflucht? Auch für Sina Voss liegt ein Kick am Cosplay darin, etwas anzuziehen, das man sonst nicht tragen würde. Sie bezeichnet das Cosplay als eine Art Teilzeit-Subkultur. „Ich würde mein Kostüm niemals zur Arbeit anziehen“, sagt Voss, die eigentlich bei der Messe Stuttgart arbeitet. Anders als beispielsweise Punks oder Anhängern der Rockabilly-Bewegung würde man ihr die Leidenschaft im Alltag normalerweise nicht ansehen.

In anderen Ländern ist das Rollenspiel noch wesentlich extremer. In Japan ist Cosplay längst fester Teil der Popkultur, im Fernsehen laufen Wettbewerbe, bei denen Cosplayer aus der ganzen Welt um die besten Kostüme und Performances konkurrieren. Dort, aber auch in China und in den USA hat die Szene Superstars hervorgebracht. „Ich habe schon von Cosplayern in den USA gehört, die Superman tragen und die Rolle so verinnerlicht haben, dass sie dir nur in Zitaten aus Superman-Comics antworten“, sagt die 24-jährige Österreicherin Nana Kuronoma.

Auch für sie war Cosplay zunächst nur ein Hobby, als sie vor acht Jahren damit angefangen hat. Heute zahlen Conventions und Messen wie die Gamescom ihr ein Honorar, damit sie vor ihren Fans auftritt. Damit gehört sie zu den wenigen deutschsprachigen Cosplayerinnen, die sich bereits einen Namen gemacht haben – wie etwa auch Svetlana Quindt aka „Kamui“, die bereits einige Ratgeberbücher mit Titeln wie „Rüstungen bauen für Cosplayer“ herausgegeben hat.

Die Szene sieht es locker, wenn jemand ein Kostüm vom Händler kauft

Auch Sponsoring wie im Profisport ist nicht unüblich. „Mittlerweile bekomme ich viel Unterstützung durch Anbieter, die mir ihre Cosplays gratis zuschicken im Austausch für Werbung“, sagt Nana Kuronoma. Gerade jüngere Cosplayer kaufen vermehrt fertige Kostüme. Das Angebot ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, Online-Shops vertreiben eine breite Auswahl unterschiedlicher Genres. Die Szene sieht es überwiegend locker, wenn jemand ein Cosplay vom Händler kauft. Doch wer es oldschool machen will, macht alles selbst.

Nana Kuronoma greift immer noch regelmäßig zu Schere und Heißklebepistole. Dabei erlaubt sie sich, manchmal vom Original abzuweichen. Auf der Gamescom etwa war sie als Super Mario unterwegs. Jedoch erschien sie nicht in Latzhose und mit angeklebtem Schnurrbart, sondern in Minirock und High Heels. Derartige Gender-Bender-Kostüme sind keine Seltenheit, und eine erotische Komponente ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Zahlreiche Kostüme sind eng geschnitten, bauchfrei oder mit üppigem Dekolleté – was aber nicht zuletzt an der oft übersexualisierten Darstellung der Manga- und Videospiel-Figuren liegt.

Hat es am Ende doch etwas mit Porno zu tun? Zumindest scheinen sich einige weibliche Cosplayerinnen ihrer Reize durchaus bewusst zu sein. Am Ende entscheidet eben jeder für sich alleine: „Es gibt auch viele Cosplayer, die Kleider etwas länger nähen, damit sie sich darin wohler fühlen“, sagt Nana Kuronoma. Wohlfühlen – trotz der ganzen umständlichen Verkleidungen hört man dieses Wort häufiger, wenn man mit Cosplayern redet. Und wenn der Brustpanzer doch irgendwann zu unbequem wird, dann ziehen sie ihn einfach aus.

Andreas Pankratz ist freier Journalist in Köln. Müsste er sich für ein Cosplay entscheiden, würde er irgendeine Figur aus „Star Trek – Das nächste Jahrhundert“ wählen.