Thema – Russland

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Die spielen nicht mit

Während der WM blickt die Welt auf Russland. Aktivisten wollen das nutzen, um auf die Lage der Menschenrechte hinzuweisen – und stören damit die offizielle Selbstinszenierung des Landes

Diversity House

„Klar, kommt rein. Aber bitte nicht auf die Tanzfläche treten!“, sagt eine junge Frau, die hinter einem kleinen Tresen vor ihrem Laptop sitzt. Die zwei Männer betreten ein weitläufiges, fast leeres Zimmer, dessen Boden matt glänzt, und lassen die Blicke schweifen. Sie kennen das Gebäude nicht, normalerweise probt hier ein Theaterkollektiv. Aber wenn in Kürze in Russland die Fußballweltmeisterschaft beginnt, werden die beiden hier die Hausherren sein und das Gebäude mitten im Zentrum von St. Petersburg zum „Diversity House“ umdeklarieren. Wie viele andere russische Menschenrechtsaktivisten wollen sie die große Aufmerksamkeit, die Russland ab dem 14. Juni zuteilwird, nutzen, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen. Einer von ihnen, Alfred Miniachmetow, erklärt: „Wir wollen einen Raum schaffen, der als Safe Space für alle Minderheiten dient. Aber auch als Bildungseinrichtung für Vorträge und Workshops. Sozusagen eine alternative Fanzone.“ 

Das Land hat sich hübsch gemacht. Die sozialen Probleme werden außerhalb des Sichtfeldes der meisten Besucher liegen

Alfred zeigt aus dem Fenster, auf die offizielle Fifa-Fanzone, die keine 100 Meter entfernt liegt. „Natürlich gibt es Sicherheitsbedenken“, erklärt er, der sich seit vielen Jahren für die Rechte Homosexueller einsetzt. „Nahezu jeder Aktivist, den ich kenne, hat schon einmal Gewalt erfahren.“

Wer in den Wochen vor dem Turnier durch die großen russischen Städte läuft, wird indes kaum etwas Verstörendes sehen. Die große Party wird mit viel Einsatz vorbereitet, viele Russen freuen sich auf die WM, hohe Kosten hin, gesperrte Straßen und Dauerbaustellen her. Das Land hat sich sichtbar hübsch gemacht für die Welt. Die sozialen Probleme werden außerhalb des Sichtfeldes der meisten Besucher liegen.

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Alfred Miniachmetow

Alfred Miniachmetow will mit dem „Diversity House“ eine Art alternative Fanzone schaffen – als Safe Space für Minderheiten und Raum für Vorträge und Workshops

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Fan Zone

Und so sieht die offizielle Fanmeile von Sankt Petersburg aus

Auch in Moskau wird es ein Diversity House geben, lokale Aktivisten entwickeln diese beiden temporären Einrichtungen zusammen mit der Nichtregierungsorganisation FARE, einem internationalen Netzwerk mit Sitz in London, das sich für Fußball ohne Rassismus und Ausgrenzung einsetzt. Pavel Klymenko, bei FARE Koordinator für Osteuropa, erklärt, dass mit den beiden Einrichtungen „die positive Kraft des Fußballs“ betont werden soll. Dazu werde es Diskussionen, Vorträge und Ausstellungen im Diversity House geben. Hilfe von den lokalen Behörden bekomme man nicht, Probleme hätte es bisher aber auch nicht gegeben. Während der WM wird ein privater Sicherheitsdienst engagiert, die Polizei sei auch unterrichtet worden, um mögliche Störungen zu unterbinden. „Leider ist es so, dass Menschen, die sich für die Rechte von Schwulen einsetzen, in Russland gefährlich leben“, sagt Klymenko. 

Schon ein Erfolg: Sich überhaupt organisiert zu haben, anstatt sich dem Druck der staatlichen Inszenierung zu beugen und zu schweigen

International sind vor allem die russischen Gesetze gegen sogenannte „Schwulen-Propaganda unter Minderjährigen“ bekannt, für die das Land viel Kritik einstecken musste und vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt worden ist. Vor Ort machen den Aktivisten rechte Schläger Sorgen. „Aber der beste Schutz für das Diversity House ist die internationale Aufmerksamkeit während der WM“, erklärt Alfred. Pavel Klymenko berichtet, dass führende Köpfe der rechten Szene in den vergangenen Wochen zur Polizei mussten, wo ihnen eingetrichtert wurde, während des Turniers stillzuhalten. „Es könnte leider sein, dass die nach der WM wieder loslegen.“


 

Die Frage, was von ihren Aktionen auch nach dem Turnier bleibt, beschäftigt viele russische Aktivisten. Allerdings werten sie es schon als Erfolg, sich überhaupt organisiert zu haben, anstatt sich einfach dem Druck der staatlichen Inszenierung zu beugen und zu schweigen. Um ihre Aktivitäten zu bündeln und deren Ergebnisse zugänglich zu machen, haben sie deshalb die Plattform Cup for People (cupforpeople.spb.ru) ins Leben gerufen, wo auf Russisch und Englisch ein alternatives Programm am Rande der WM geboten wird.

Eine der Verantwortlichen ist Olga Polyakova aus Sankt Petersburg, die selbst zugibt, dass sie und viele ihrer linksalternativ gesinnten Freunde „erstmal überlegt haben, während der WM die Stadt zu verlassen. Viele sind eingeschüchtert von der normalen Fußballkultur in unserem Land“. Die russischen Hooligans sind für Krawalle bekannt, bei der letzten EM in Frankreich hatten sie sich in Marseille mit englischen Fans geprügelt. 

Seit Januar treffen sich etwa ein Dutzend Aktivisten, um aufzuzeigen, was ihre Stadt abseits alter Zarenbauten und der neuen Prestigeprojekte der Präsidentschaft Putins noch zu bieten hat. Außer dem Diversity House werden auf der Seite beispielsweise alternative Stadttouren angeboten, bei denen auch soziale Probleme angesprochen werden. Und es gibt einen Stadtplan, der Cafés und Bars auflistet, die ökologisch und sozial nachhaltig sind, aber oft in Hinterhöfen liegen und deshalb erst mal entdeckt werden müssen. 

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Aufbauarbeiten

Eine Zivilgesellschaft aufzubauen, bedeutet manchmal auch: Europaletten aufstapeln

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Bilder werden aufgehangen

Vorbereitet wird auch eine Ausstellung von Bildern, die geistig behinderte Kinder gemalt haben. In Russland werden Menschen mit Behinderungen oft noch sehr stark ausgegrenzt

Überhaupt machen Stadtpläne und Stadtführungen einen wesentlichen Teil der Angebote bei Cup for People aus. Wirklich in sich haben es die Führungen von Petr Woskresenski, der den Schwerpunkt auf die Rechte von Schwulen und Lesben legt. Der 32-jährige beginnt seine Tour an einem prunkvoll verzierten Altbau, in dem früher Nikolai Wawilow gewohnt hat, ein führender Botaniker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, seine Forschung fiel jedoch bei Stalin in Ungnade und er wurde wegen Sabotage und Spionage verurteilt. 

Nach Teilnahme an einer Demo: eine Nacht im Gefängnis und den Job verloren

Eine kleine Gedenktafel an der Fassade erinnert daran, es gibt solche Tafeln in der ganzen Stadt. „Und heute haben wir wieder einen Niedergang der Wissenschaften. Das liegt an der Korruption. Forschungsstellen werden nicht nach Qualifikation, sondern nach Kontakten vergeben“, sagt Petr. Das Schicksal des Wissenschaftlers geht Petr auch deshalb so nah, weil er selbst hauptberuflich Arzt ist. Dabei ging das für ihn in der Vergangenheit keinesfalls immer gut aus. Als er am 1. Mai 2017 an einer nicht angemeldeten Demonstration gegen die Diskriminierung von Schwulen in der russischen Teilrepublik Tschetschenien teilnimmt, wird er verhaftet und verbringt eine Nacht im Gefängnis. Später erfährt sein leitender Oberarzt davon. „Er hat rumgeschrien, so was habe ich noch nicht gehört“, erklärt Petr. Seinen Job war er dann los. Petr erzählt das ohne jegliches Bedauern in der Stimme, eher klingt es kämpferisch, wenn er von seinem Aktivismus erzählt. Nur einmal wird er leiser, als er erwähnt, dass er in diesem Jahr am 1. Mai an keinen illegalen Aktionen teilgenommen habe. „Ich kann nicht auch meinen neuen Job verlieren. Sonst stehe ich bald auf der Straße.“ Zur Weltmeisterschaft sollen englischsprachige Guides seine Tour auch ausländischen Gästen anbieten.

Wie die WM ausgeht und welche Infrastruktur auch in einigen Jahren noch genutzt wird, vermag jetzt niemand zu sagen. Sicher ist aber, dass das Turnier schon jetzt zu einem großen Aufbruch unter den Russen geführt hat, die nicht darauf warten wollen, was der Staat ihnen vorsetzt. Auch so kann eine Fußball-WM nachhaltig wirken, nachhaltig sozial.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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