Es ist eine Insel, 40 Meter ragt der Felsen aus dem grünen Meer der Bäume und Futterweiden, ein Meer, das vor dem Schloss Neubeuern im Wind hin und her schwappt, Wellen wirft und sich erst an den Klippen der Alpen bricht. Eine Insel kann ein Urlaubsort sein oder eine Strafkolonie. Aber auf jeden Fall ist die Insel nie das Festland, ist abgetrennt durch Wasser, natürliche Barrieren, Raum und Zeit. 

Frank, 19 Jahre alt, lebt schon seit acht Jahren im Schlossinternat Neubeuern, auf dieser Insel vor den bayerischen Alpen. Sein Leben auf dem Festland endete an einem Tag, als daheim wieder Türen knallten. Nach der Scheidung seiner Eltern kam er auf das Internat. Ein staatliches Gymnasium hat Frank nie besucht. Eben hat er zu Abend gegessen, in einem Saal, in dem keine Tapeten an den Wänden kleben, sondern Gold. Frank läuft durch die Flügeltüren direkt ins warme Licht des Frühlingsabends, die Hände immer in den Hosentaschen, die Polo-Kappe im Genick. Er steht auf der Südterrasse, blickt hinunter auf die Bäume, auf die Dächer des Dorfs, die langsam zu Scherenschnitten werden, er hat das schon oft gesehen, tausend, zweitausend Mal, immer sieht es gleich aus, er kennt die Abläufe, weiß, wie ein Tag zu Ende geht. Frank sagt: "Manchmal glaube ich, hier verändert sich gar nichts."

Aber das stimmt nicht.

Eine Schulkarriere in Neubeuern kostet etwa 2.200 Euro im Monat, Nebenkosten – Klassenfahrten, Dinner-Einladungen – nicht mitgerechnet. Die Eltern der Schüler/innen sind Anwälte, Ärzte und Fabrikanten, "die Aristokratie der Bankauszüge", so sagt man im Internat. 110 Schüler/innen leben auf der Insel, "weit weg von Alkohol, Drogen und sozialer Kälte", wie es in der Werbebroschüre heißt, weit weg auf jeden Fall von der Realität, von den überfüllten Klassen der Staatsschulen in Hauptbahnhofsnähe. 

Elisa, 15 Jahre, Klasse 9, ist vor drei Monaten aus Koblenz nach Neubeuern gekommen, "aus einer anderen Welt", wie sie meint, einer Welt "auf Gesamtschulniveau". Elisa sagt: "Kann schon sein, dass mein Vater Geld hat." Für Geld muss man sich nicht entschuldigen, findet sie. Geld ist eher eine Verpflichtung, genau wie Talent: ein kleiner Vorsprung vor dem Rest. Ein Vorsprung, den man nutzen muss. Wer beim 100-Meter-Lauf schnellere Beine hat als die anderen, der wartet ja auch nicht nach dem Startschuss. 

Statussymbole unterm Bett

Vor sechs Jahren drehte Hans-Christian Schmidt auf Schloss Neubeuern den Film "Crazy", eine Geschichte über einen Sommer im Internat und ein paar Jugendliche, die sich eher als eine gute Note ein schönes Fest wünschen, einen Engtanz, einen Kuss. Passend dazu läuft in den Köpfen der Menschen auf dem Festland ein anderer Film: Mit glänzenderen Bildern und Farben erzählt er von den reichen Kindern auf der Insel, die glauben, dass das Leben ein Laufsteg sei und sonst nichts. Die keinen Champagner mehr trinken, weil das zu gewöhnlich geworden sei, die müde vom Monaco-Trip im Unterricht einschlafen, was aber auch nichts macht, denn wenn die Versetzung gefährdet ist, spendiert Papa eben eine neue Außenfassade für das Schloss. 

Oft ist Frank dieser Film vorgespielt worden, aber er selber kann sich darin nicht erkennen. Er gibt seine Rolle bescheidener, er unterspielt, wie man in der Filmbranche sagen würde. Er steht da, mit kurzer Hose, Dreitagebart, und blickt aus Augen, die nicht strahlen. Sagt dann: "Wenn wir am Wochenende in München sind, gehen wir auch mal ins P1." Er sagt das, als würde er eine Fahrt in der Stadtbahn beschreiben. Er muss damit nicht angeben. Ein Internat ist ein Gleichmacher – auf hohem Niveau. Statussymbole sind Status Quo: Sie liegen beiläufig unter dem Bett, wie die Louis-Vuitton-Tasche in Elisas Zimmer.

Auf elitären Schulen und Internaten, schrieb der französische Soziologe Pierre Bourdieu, lernt man eine bestimmte Art zu reden, zu lachen, zu gestikulieren, kurz: einen Habitus. Den haben sie auch in Neubeuern. Beim Sprechen halten sie einander mit den Augen fest und vermeiden Wörter wie "krass" und "end". Das Lernen hört nicht nach der achten Schulstunde auf, es geht weiter, ein ganztägiges Kommunikationstraining, an dem die Schüler/innen teilnehmen. Sie lernen mehr mit dem Körper als mit dem Geist, eine stille Pädagogik. Die zahle sich später aus, so Bourdieu, beim Bewerbungsgespräch etwa, wenn die Gesten und Codes, das kulturelle Kapital, in finanzielles Kapital umgetauscht werden. Der Habitus führt zu einer ähnlichen Sicht der Welt.

"Es geht uns nicht nur um Schulleistungen, wir wollen den Kindern eine Haltung vermitteln", sagt Roger Sinnet, der Internatsleiter von Schloss Neubeuern, der Vorstandsvorsitzende, wie es auf dem Schild an der Bürotür heißt. Ein Eckzimmer – in der freien Wirtschaft das Zeichen, dass man es geschafft hat. Die Aussicht ist gut, auf Augenhöhe mit den Alpen. Über der Sitzgruppe aus Leder hängt ein Gemälde, das eine Fuchsjagd darstellt: ein Stück England in Oberbayern, und Roger Sinnet, der mit seinem Schnurrbart aussieht wie ein britischer Großwildjäger, arbeitet seit Jahren daran, dass sich diese Fläche weiter ausbreitet, bis irgendwann das Internat angekommen ist, im Empire.

Strenger Rhythmus, lückenlose Kontrolle

In den vergangenen Jahren sind die Schülerzahlen des Internats gestiegen. "Pisa hat dazu geführt, dass Bildung wieder wichtiger genommen wird", sagt Sinnet, "gerade im Bürgertum", oder bei denen, die es sich leisten können, aus dem staatlichen Schulsystem auszusteigen. "Die moderne Welt ist so laut und bunt", sagt Sinnet, "voller Ablenkungen. Es ist besser, wenn sich die Schüler/innen den ganzen Tag auf eine Sache konzentrieren können." Das war schon immer das Argument für ein Internat, auch wenn sich auf der Luxus-Insel oft neue Ablenkungen ergeben. "Wohlstandsverwahrlosung", ruft Sinnet und erzählt von Internaten in der Schweiz, wo der Direktor die Schüler/innen mit dem Bentley vom Hubschrauberlandeplatz abholt. Er lässt offen, ob das in Neubeuern mal ganz ähnlich war. Jetzt zumindest will er weniger Schweiz und mehr England. Das heißt vor allem: Disziplin und Kontrolle.

Auf Neubeuern tragen die Lehrer/innen jede Note der Schüler/innen in ein Computersystem ein, ab dem nächsten Schuljahr werden sie das auch mit Noten für "Außerschulisches Engagement", "Zwischenmenschliche Beziehungen" oder "Ordentlichkeit" machen. Den Notenstand können die Eltern dann jederzeit über das Internet abfragen, wie die Kursentwicklung an der Börse, Plus oder Minus, Baisse oder Hausse. Das Geld deponiert man an der Wall Street, die Kinder im Internat. Überwachen kann man beides. Per Mausklick.
 

Alte Schüler/innen wie Frank lächeln über all das, die jungen nicht, sagt Sinnet: "Da wächst schon eine ganz neue Generation heran." Eine, die sich über den strengen Tagesrhythmus nicht beklagt. Frühstück, Morgensilentium, Unterricht, Mittagessen, Arbeitsstunde, Sport, Abendessen, Abendsilentium. Der Stundenplan klopft den Rhythmus, zu dem sich alle bewegen. Auch der Zehntklässer Felix: "Es ist schwieriger geworden, etwas zu erreichen", meint er, "Kontakte allein reichen nicht mehr. Man muss sich auch anstrengen." Vielleicht ist die Angst um den Arbeitsplatz und vor der Globalisierung mittlerweile in gehobeneren Schichten angekommen. Auch in Neubeuern ist die internationale Konkurrenz schon da. Zehn Prozent der Schüler/innen kommen aus dem Ausland. Zum Beispiel Siming, aus China, deren Hände wie zwei flinke Tiere über die Tastatur ihres Laptops huschen, sie schaut nicht auf, sie kann beides gleichzeitig, reden und schreiben. "Mein Vater hat mich nach Deutschland geschickt, weil er glaubt, dass die so ordentlich, fleißig und pünktlich sind."

Schweiz, England, USA - Stationen im Lebenslauf

Stollen klickern über Marmorboden. Die Schulmannschaft läuft zum Rugbytraining. Noch eine dieser Reformen von Roger Sinnet. Deshalb steht er jetzt auch am Spielfeldrand. "Run, Guys", schreit Sinnet, "get him down." Jemand reißt Felix um. "Good Tackling, Guys", ruft Sinnet. Er ist jetzt richtig gut drauf, sein Schnurrbart zittert. Felix humpelt vom Platz. Sinnet nickt. "Man kann viel lernen bei diesem Sport", sagt er. "Man braucht Mut. Auch Härte. Aber man bleibt immer Gentleman."

Manchmal könnte man denken, die Insel entferne sich weiter vom Festland. Die Klippe werde immer höher. "Die da oben grenzen sich ab, immer mehr", sagt eine Frau im Tante-Emma-Laden, unten im Dorf. Schüler/innen aus Neubeuern, also Kinder, die von acht bis zwei Uhr das Gymnasium im Schloss besuchen – zu Sondertarifen – wird es ab nächstem Schuljahr nicht mehr geben. Der Zugang zum Internat wird exklusiver. "Wir schicken immer weniger Kinder dahin", sagt auch Reinhard Götz vom Jugendamt Rosenheim, "mittlerweile sind es nur noch zwei. Das hat auch damit zu tun, dass im Schloss das Interesse an den begüterten Kindern steigt."

Auch wenn es Roger Sinnet nicht sagt, der Zweck eines Internats besteht auch darin, eine Elite zu schaffen, ein Netzwerk, eine Aristokratie. Er hat ein Buch, in dem die Adressen aller Ehemaligen verzeichnet sind. Vorsichtig schiebt er es über den Tisch, wie einen Goldbarren. Soziales Kapital. Das Buch ist gleichzeitig auch ein Werbeprospekt. Sinnet muss um jede/n Schüler/in kämpfen, er steht in einem internationalen Wettbewerb mit allen anderen Internaten. Er sagt: "Schon jetzt gehen mehr Deutsche in England ins Internat als in Deutschland."

Felix und sein Freund Fabio haben mit ein paar Kameraden aus der zehnten Klasse einen Grill aufgestellt. Nicht auf der Südterrasse, sondern etwas abseits, sie kennen den Blick auf die Berge ja schon. Eng gedrängt sitzen sie nun auf den Bierbänken, Felix liegt in einem Stuhl, streckt die Beine aus. "Was hält mich schon in Deutschland?", fragt Felix, dessen Vater ein milliardenschweres Unternehmen leitet. "Es gibt Orte, die viel interessanter sind." Die Jungs reden über Internate, Schweiz, England, USA, sie wirken gar nicht mehr wie Schüler, sondern wie Kunden, die ein Produkt testen, bewerten, auswählen. Neubeuern ist ihnen keine Heimat mehr, nur eine Station im Lebenslauf. "Ich denke, dass ich woanders besser gefördert werden könnte", sagt Felix. Und Fabio nickt. Im Sommer werden die beiden nach Toronto gehen und dort in zwei Jahren das Abitur machen. The Upper College of Canada. Wieder eine Insel. Aber die Berge dort sind höher.

Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk leben als freie Journalisten in München.