Das Heft – Nr. 73

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Ne me quitte pas*

Können Länder befreundet sein? Vor allem, wenn sie so oft Krieg gegeneinander geführt haben? Über die erstaunliche deutsch-französische Freundschaft

Foto: BRUCELLE Armel/Sygma via Getty Images

Nehmen wir doch einfach die Zahnlücke. Die Zahnlücke erklärt schon alles. 

Gemeint ist, was wir gemeinhin als einen Schönheitsfehler empfinden, die Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen. In Frankreich nennt man diese Fehlstellung les dents du bonheur, Glückszähne. Es ist keine französische Spezialität, wird dort aber besonders gern gesehen. Die Schauspielerinnen Béa­trice Dalle und Vanessa Paradis, aber auch Präsident Emmanuel Macron haben „glückliche Zähne“.

Zum Ursprung gibt es folgende Theorie: Soldaten der ­Grande Armée mussten in der Lage sein, beim beidhändigen Nachladen ihrer Ge­wehre im Gefecht die Pappschachteln mit Pulver zu öffnen – und zwar mit den Zähnen. Wer wegen einer Zahnlücke ausgemustert wurde, konnte – anders als die Millionen Opfer der napoleonischen Feldzüge – seine Gene weitergeben.

Die Zahnlücke erzählt etwas über die enge Verschränkung von Eros und Thanatos, von Zärtlichkeit und Gewalt. Darüber, dass die Zeit manchmal Wunden heilt – und damit auch etwas Wesentliches über das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich.

Deutsch-französische Freundschaft

Denn das ist kompliziert. Wenn eine Freundschaft immer wieder wortreich beteuert und rituell beschworen werden muss, dann kann von Freundschaft eigentlich keine Rede sein. Und für keine Freundschaft gilt das mehr als für l’amitié franco-allemande. 

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, mit einem temperamentvollen Emmanuel Macron im Élysée-Palast und einer abwartenden Angela Merkel im Kanzleramt, wird gerne von einer „alten Ehe“ gesprochen. Also eher eine große, abgekühlte Liebe als eine Freundschaft?

„Staaten haben keine Freunde“, soll einst der französische Ministerpräsident Charles de Gaulle gesagt haben, der gemeinsam mit Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 den sogenannten Élysée-Vertrag unterschrieb. Das Datum markiert das vorläufige Ende einer Ära der Gewalt, in der über Jahrhunderte beide Partner einander die blutigsten Wunden schlugen, sich gegenseitig niedermetzelten – doch als Nachbarstaaten immer wieder aufeinander angewiesen waren. 

Im Schoß des Fränkischen Reichs

 

Beide Länder „waren einmal eins im Mutterschoße der Zeiten, bevor ihre Lebenswege sich schieden und tödlicher Hass zwischen sie kam“, so schrieb Thomas Mann. Der „Mutterschoß“ war das Reich von Karl dem Großen, die Trennung erfolgte im August 843. Damals teilten Karls drei Enkelsöhne das Territorium unter sich auf. Karl der Kahle bekam weite Teile dessen, was heute Frankreich ist. An Ludwig den Deutschen fiel ein Gebiet, dessen damalige Umrisse den Grenzen der alten BRD verblüffend ähnlich sehen. Lothar I. erhielt ein langgestrecktes „Mittelreich“, das als Puffer zwischen Ost- und Westfranken über Jahrhunderte immer wieder Aufmarschgebiet der verfeindeten Brüder in Ost und West werden sollte.

Eine echte Barriere zwischen den romanisierten Kelten in „Frankreich“ und den Germanen und Alemannen in „Deutschland“ dürfte die Sprache gewesen sein. Dennoch war die gegenseitige Durchdringung auf geistiger Ebene enorm, von den Klöstern der Zisterzienser bis zur Ausprägung der Gotik auch östlich des Rheins. Überhaupt kam mehr aus Frankreich, als aus Deutschland gekommen wäre. 

Aber welches Deutschland überhaupt? Aus gallischer Sicht erstreckte sich jenseits der Mosel ein verwirrender Flickenteppich aus Herzogtümern und Grafschaften, überwölbt von der Idee eines Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Angeblich bewunderten die mittelalterlichen Franzosen den Mut der Deutschen, verabscheuten aber ihre Sitten

Bis in die frühe Neuzeit lief es leidlich. Deutsche Studenten eilten an die Universität von Paris, französische Händler schipperten die Moselle (Mosel) hinunter und dann den Rhein stromaufwärts bis nach Mayence (Mainz). Angeblich bewunderten die mittelalterlichen Franzosen den Mut der Deutschen, verabscheuten aber ihre Sitten. Angeblich war es bei den Deutschen umgekehrt. Tatsächlich dürften die Bewohner beider Reiche einander größtenteils gleichgültig gewesen sein. 

Erst Ludwig XIV. bereitete dieser guten Nachbarschaft ein Ende. Ab 1688 rückten Truppen des Sonnenkönigs ins rechtsrheinische Gebiet vor und hinterließen Verwüstungen: etwa im Dom zu Speyer, wo sie einen Teil der Kaisergräber aufbrachen, die Grabbeigaben plünderten und ein Großfeuer legten. Was man eben anstellen muss, um sich im kollektiven Gedächtnis der Unterlegenen als Feindbild zu etablieren. Fortan wurden die „Welschen“ als Bedrohung wahrgenommen, derer sich „die Deutschen“, weil heillos in Fürstentümer zersplittert, nicht erwehren konnten. 

Der Hass auf Frankreich aber schweißte die Deutschen zusammen, wie die Liebe zu Frankreich sie spaltete. Ab 1789 flohen deutsche Dissidenten nach Paris. Ihnen entgegen kam kutschenweise der französische Adel, der sich vor der Revolution unter anderem nach Mainz in Sicherheit bringen wollte. Dort wurden die Revolu­tionstruppen 1792 noch als Befreier empfangen.

Der „Erbfeind“ Frankreich

Womit Preußen ins Spiel kommt, das nach den „Befreiungskriegen“ gegen Napoleon ein Feindbild brauchte, um die „deutschen Völker“ hinter sich zu scharen. Der „Erbfeind“ ist ein Schlagwort des 19. Jahrhunderts. National gesinnte Dichter gaben sich große Mühe, es den Deutschen einzureden.

Als er dann schließlich ausbrach, der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871, entstand nach der Kapitula­tion von Frankreich im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Reich und damit erst die deutsche Nation. Mit Freude und fliegenden Fahnen ging es mit dem Ersten Weltkrieg ab 1914 in den zweiten Waffengang, der das Schlachten auf industrielles Niveau hob. Bei Verdun liegt Fleury, eines der zerstörten Dörfer, der villages détruits. Es gibt noch Ortsschilder, die dem Besucher das Herz brechen, weil es da sonst nichts mehr gibt – nur noch einen bis heute durch Munition verseuchten Boden.

Zuerst erschienen im fluter Freundschaft

Über diesen Boden rollten im Zweiten Weltkrieg die Panzer der Wehrmacht. Traumatisch war die Unterwerfung für die Franzosen auch, weil die Deutschen in Vichy bis zur Befreiung des Landes ein Regime willfähriger Kollaborateure hatten.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg geschah etwas Merkwürdiges. Charles de Gaulle ergänzte den napoleonischen Begriff der Grande Nation um Großzügigkeit – und reichte Kanzler Adenauer die Hand. Wobei er natürlich auch nationale Interessen verfolgte: Das Monster im Osten, so sein Kalkül, musste durch Einbeziehung in ein europäisches Projekt entwaffnet werden. Mit der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (Montanunion) war Deutschland nicht nur eingemeindet in die kontinentale Familie, dieser Vertrag wurde auch zum Fundament für die Europäische Union.

Kritisiert wird diese Freundschaft heute aus zwei Richtungen. Von rechts wird hingewiesen auf die heftige Konkurrenz zwischen den beiden mächtigsten Volkswirtschaften in Europa. Von links wird bemängelt, dass Frankreich und Deutschland als „Kerneuropa“ im Grunde ein Staatenkartell bilden.

Beides trifft zu, beides geht an der Sache vorbei. Immerhin schlagen sich Frankreich und Deutschland heute nicht mehr die Zähne ein, wenn die Bettdecke für beide zu kurz ist. Sondern rücken näher zusammen. Mit Blick auf die Vergangenheit darf man das durchaus Freundschaft nennen.

* Französisch für „Verlass mich nicht“

Das Titelbild zeigt zwei gute Freunde: den ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand (l.) und Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl. (BRUCELLE Armel/Sygma via Getty Images)

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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