Am Anfang waren es nur fünf Fälle. Der Newsletter vom 5. Juni 1981 der US-Seuchenschutzbehörde CDC berichtete von einer rätselhaften neuen Krankheit, die in einem Krankenhaus in Los Angeles aufgetreten sei. Die erkrankten Männer hatten eine seltene Form der Lungenentzündung, aber die Symptome passten nicht recht dazu. Zwei von ihnen starben noch vor der Veröffentlichung des Newsletters, die anderen kurz darauf. Wenig später wurden Fälle in New York und Kalifornien publik, bei denen die Patienten an Grippeerscheinungen, Fieber, Nachtschweiß, Lymphdrüsenschwellung und einer generellen Immunschwäche litten. Viele weitere Fälle und Tote sollten folgen. Vor allem Männer, anfangs darunter viele Homosexuelle, weshalb man die rätselhafte Krankheit GRID – Gay Related Immune Deficiency – nannte. Ab 1982 erlangte sie eine weltweite traurige Berühmtheit unter dem Namen AIDS. Übersetzt steht das für „erworbenes Immundefektsyndrom“.

Heute weiß man, woher die Immunschwäche-Krankheit kommt. Dank molekularer Stammbaumanalysen und epidemiologischer Untersuchungen ist mittlerweile erwiesen, dass die verschiedenen AIDS-Erreger, genannt „HIV“ (Human Immunodeficiency Virus), von Viren afrikanischer Menschenaffen abstammen. Das weltweit häufigste Virus etwa, HIV-1-M, ist ein Nachkomme eines Schimpansenvirus, das Anfang des 20. Jahrhunderts in Westafrika auf Menschen übertragen wurde. Um 1966 gelangte das Virus aus Afrika nach Haiti, drei Jahre später in die USA – unwissentlich durch einen Flugbegleiter, der sich angesteckt hatte.

Mitte der 80er-Jahre, als die Hysterie um AIDS auf dem Höhepunkt war, wetterten Kirchen und Konservative in Amerika, die „Schwulenseuche“ sei Gottes Rache. Die US-Regierung unter Ronald Reagan schwieg eisig zu dem Thema, obgleich sich die Krankheit rapide verbreitete und bereits Tausende Menschen daran gestorben waren. In diese aufgeheizte Stimmung platzte ausgerechnet ein Professor aus Ostberlin mit einer spektakulären Erklärung in die Weltöffentlichkeit. Das HI-Virus, so der Biologe, stamme nicht aus Afrika, sondern aus dem US-Militärlabor Fort Detrick in Maryland, wo zu biologischen Waffen geforscht wurde. Gen-Ingenieure hätten das Virus 1979 erschaffen. Durch einen Laborunfall sei der Erreger in Umlauf geraten.

Der Mann, der diese wilde Verschwörungstheorie in die Welt setzte, war in der DDR kein Unbekannter. Er hieß Jakob Segal, war Professor und Leiter des Instituts für Allgemeine Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Theorie kam über verschlungene Wege in die Weltöffentlichkeit. Kurz nach dem Gipfel der blockfreien Staaten in Harare erschien in einer Simbabwer Zeitschrift eine Besprechung eines Buches mit dem Titel: „AIDS: U.S.A. – Home-Made Evil; Not Imported From Africa“. Das Buch sei von Jakob Segal und seiner Frau Lilli, die Immunologin war. Einzig: Das besprochene Buch gab es gar nicht. Segal hatte lediglich ein paar afrikanische Journalisten mit Material zu seinen Thesen versorgt.

Die Runde durch die Weltpresse machte die Geschichte dennoch. Zu heiß war das Thema. Insgesamt erschienen Segals Thesen in über 80 Ländern und 25 Sprachen. Ein Jahr später kam eine neue sensationelle Geschichte. Diesmal in der Tageszeitung „taz“. Am 18. Februar 1987 erschien ein Interview von DDR-Schriftsteller Stefan Heym mit Jakob Segal unter dem Titel „AIDS – man-made in USA“.

Eine erstaunlich langlebige Theorie

Zwar erklärten zahlreiche Wissenschaftler – auch aus dem Ostblock – damals schon, dass die These Unsinn sei. Schon deshalb, weil das HI-Virus nachweislich lange vor 1979 zum ersten Mal in einer Blutprobe gefunden worden war. Es kann also nicht erst dann in Umlauf geraten sein, wie Segal behauptete. Dennoch war die Verschwörungstheorie erstaunlich langlebig. Bis heute taucht sie dann und wann auf. Erst im Oktober 2014 wieder, als Louis Farrakahn, der prominente wie umstrittene Anführer der Nation of Islam, sagte, AIDS sei wie Ebola eine Bio-Waffe der US-Regierung, um die schwarze Bevölkerung auszurotten.

Über die Hintergründe von Segals Medienkarriere wurde viel spekuliert. Lange hielt sich das Gerücht, dass er im Auftrag der Stasi oder des KGB arbeitete. Beides ließ sich nie erhärten. Mindestens gegen die Stasi spricht einiges. Immerhin wollte die DDR-Regierung nicht, dass Segal seine Thesen in der heimischen Presse veröffentlichte. Und die Stasi bekam von dem Interview von Stefan Heym mit Segal in der „taz“ erst viel später etwas mit.

Segals Theorie blieb nicht die einzige Verschwörung rund um AIDS. Eine zweite, die allerdings weit schlimmere Folgen hatte, ist die Leugnung, dass AIDS von dem HI-Virus ausgelöst wird. Diese Theorie, die dem gängigen Forschungskonsens zuwiderläuft, vertritt unter anderem Peter Duesberg von der University of California in Berkeley. Der beriet Thabo Mbeki, südafrikanischer Präsident von 1999 bis 2008. Unter Mbekis Führung empfahl die Gesundheitsministerin, statt der gängigen antiretroviralen Behandlung etwa Rote Bete, Knoblauch und Olivenöl einzunehmen. 2002 musste Mbeki unter öffentlichem Druck einlenken und zumindest Schwangeren und Opfern von Vergewaltigungen geeignete Medikamente zugänglich machen. Laut Modellrechnungen der Harvard School of Public Health AIDS Initiative und derUniversität von Kapstadt starben durch diese Politik der Leugnung mehr als 330.000 Menschen an den Folgen von AIDS, 171.000 infizierten sich neu mit HIV, und 35.000 Babys wurden mit HIV geboren.

Den ergreifendsten Bericht über den Ausbruch von AIDS, den Felix Denk bislang gelesen hat, ist die Autobiografie des New Yorker Musik- und Nachtleben-Impressarios Mel Cheren („Keep on Dancing – My Life at the Paradise Garage“). Es endet mit einer 14 Seiten langen Liste an Freunden des Autors, die in den 1980er-Jahren an der heimtückischen Krankheit gestorben sind.