Ein Soldat zieht in den Krieg, er lebt für ihn, er hinterfragt ihn nicht. Als er das zweite Mal aus Afghanistan zurückkehrt, geht er zum Arzt. Der Arzt sieht ihn und lässt ihn in die geschlossene Psychiatrie nach Halle einweisen, wo der Patient in Tränen ausbricht, wenn das Wort „Bundeswehr“ fällt. Er war schon seit einigen Wochen zurück in Deutschland, da löste ein lauter Knall, das Zufallen einer Gittertür, seine posttraumatische Belastungsstörung aus.

Von diesem Syndrom sollen Schätzungen der US-Regierung zufolge 11 Prozent aller aus Afghanistan zurückkehrenden US-Soldaten  betroffen sein, bei den deutschen Afghanistan-Rückkehrern sind es laut einer anderen Statistik 2,9 Prozent . „Posttraumatic stress disorder“ nennen das die Amerikaner. Dem Patienten in Halle gegenüber heißt es, er habe „PTBS“. Er kommt auf eine offene Station und schließlich ins Bundeswehrkrankenhaus nach Berlin, wo er in therapeutischer Behandlung ist und Achtsamkeit lernt. Jahrgang 1986 ist der Soldat, er trägt Jeans und Sweatshirt, auf dem Kopf ein Cappy. Auf keinen Fall will er erkannt werden. „Es ist komisch“, sagt er: Es habe nach seiner Rückkehr Momente gegeben, in denen er genau vor sich sehen konnte, wer in Kabul wo stand. Wer den Arm aus dem Autofenster gelegt hatte. Oder wer sich eine Zigarette in den Mund gesteckt hat. „Komisch“, sagt er. „Als würde ich erst im Nachhinein erleben, dass ich im Krieg war.“

Meine Bezeichnung war MKF: Militärkraftfahrer. Unter anderem. Eigentlich war ich Kraftfahrer, Funker und Start-Lande-Soldat. Also für Drohnen zuständig. Am 1.4.2007 bin ich zum Bund gegangen. Das wollte ich immer. Von klein auf. Mich haben die Pioniere fasziniert und ihre Amphibienfahrzeuge. Zu denen bin ich aber nie gekommen. Ich bin eben bei den Drohnenaufklärern gelandet, in Gotha. Die Grundausbildung war eine angenehme Zeit, ich mochte das: von früh bis abends unterwegs sein. Neues lernen: den Umgang mit Waffen, Stellungsbau, Stellungswechsel, Kartenlesen. Und sowieso: den Zusammenhalt. 

Zum Einsatz in Afghanistan habe ich mich freiwillig gemeldet. Ich habe von Anfang an gesagt: Wenn ich zum Bund gehe, dann mache ich das. Definitiv. Außerdem wollte ich ein Motorrad, eine Yamaha Midnight Star, unbedingt. Ich wusste: Mit dem Geld, das ich beim Einsatz verdiene, kann ich die kaufen. Angst? Hatte ich nicht. Ich habe mich vorbereitet gefühlt. Wir haben Bücher bekommen über Afghanistan, über die Geschichte und alles. Die hat kaum einer gelesen. Ich habe sie gelesen. Ich wollte wissen: wieso, weshalb, warum. Ich wollte was machen. Afghanistan war ja mal, wirtschaftlich gesehen, sehr weit oben. Bis die Russen kamen. 

Das erste Mal, 2009, war ich in Mazar-e Sharif stationiert. Die Ankunft war ein Schock. Du steigst aus dem Flieger aus, und dir prallt die Hitze entgegen. Wie aus dem Backofen. Alles ist trocken. Bist ständig am Schwitzen.

Die Städte waren eine Katastrophe: Armut ohne Ende. Die meisten Häuser sind zerfallen. Und die, die sich wohnliche Häuser leisten können, umzäunen sie mit Stacheldraht. Trotzdem hatte ich es mir schlimmer vorgestellt: Schon die Sympathie, mit der man uns begegnet ist. Ich hatte gedacht, dass man dort gegen uns ist. Stattdessen haben die sich gefreut, wenn wir irgendwo angekommen sind. „Schmeißt mal links und rechts ein paar Wasserflaschen raus“, hat manchmal einer von uns gerufen während der Fahrt, wenn draußen Kinder rumgerannt sind. Dann haben wir im Rückspiegel gesehen, wie sich die Kinder auf die Flaschen gestürzt haben.

Wir haben zu dritt in Sheltern gewohnt, einer Art Schiffscontainer mit einem Doppelstockbett und einem Einzelbett. Wir sind immer um sieben Uhr aufgestanden, Frühstück gab’s aus einer Küche für Tausende von Menschen. Danach ging’s zur Morgenrunde: Da wurde die Lage im Land und die nächste Operation besprochen. Wir waren zwei Trupps, die im Wechsel rausgingen. Ich hatte das Glück, dass ich jeden Tag mitdurfte: Ich war der einzige Kraftfahrer im Team.

Ich trug die Standardwaffen, G36 und P8. Die Sache ist: Die Stimmung kann dort von jetzt auf gleich umschlagen. Einmal fahren wir durch eine Kleinstadt, und ich sehe noch, wie ein Vollbärtiger mit schwarzem Turban ein kleines Mädchen  auf die Straße schubst. Ich gehe voll auf die Eisen. Ich reiße das Lenkrad rüber, bin klitschnass. Vielleicht einen Zentimeter vor der Kleinen bin ich stehen geblieben mit dem Fahrzeug. 300, 400 Euro hätte der Mann von uns verlangt, hätte ich sein Mädchen überfahren. Davon kann er seine Familie gut ein Jahr ernähren.

Ich habe das so erlebt, dass die Taliban aus dem Nichts kommen. Die verstecken sich feige und ziehen feige wieder ab. Platzieren selbstgebastelte Bomben auf Straßen, die per Fernzünder entzündet werden. Wenn's geknallt hat – einmal gab es sogar einen Angriff auf unser Lager – dann ging der Bunkeralarm los. Das heißt: Alle rannten rein. Nur wir nicht: Wir mussten raus, weil wir  die Drohne starten mussten. Manchmal sind wir sogar aufs offene Flugfeld. Da waren wir Zielscheiben. Ungeschützt.

Eigentlich sind das automatisierte Handlungsabläufe. Da muss man durch, sein Gehirn ausschalten. Oft gegen die eigenen moralischen Vorstellungen handeln. Weil man eine Pflicht seinen Kameraden gegenüber hat. Man darf nicht aus der Reihe tanzen, sonst eskaliert es. Zum Nachdenken kommst du kaum. Abends bist du froh, wenn du noch duschen kannst und ins Bett. 

Ich hatte keine Zweifel an der Mission, weil ich ja den Vergleich hatte: was sich getan hat im Land. Kabul lässt sich da am besten beschreiben. In Kabul war ich das zweite Mal stationiert, im Personen- und Materialtransport, 2012. Tiefste Slumviertel, die Menschen sind abgemagert, unterernährt. Und jetzt fährt man um die Ecke in Reichenviertel, wo sie rumlaufen wie Europäer. Nichts mehr mit Burka oder so. 2009 hab ich nur Schulkinder gesehen, die Jungs waren. 2012 waren da Mädchen mit Schulranzen. 

Nach dem zweiten Einsatz hat mich mein bester Kumpel vom Flughafen in Berlin abgeholt. Meine Familie wusste von nichts. Ich wollte sie überraschen. Ich bin dann aber nach Hause, habe meinem Vater die Schlüssel für das Motorrad abgenommen und bin – noch in Einsatzklamotten – zwei Stunden rumgefahren. Das war das Einzige, ehrlich das Einzige, was mich interessiert hat. Ich hatte keinen Bock auf Familie. Ich wollte die nicht sehen. Mein Bruder hat irgendwann gesagt: Du bist nicht du. Du bist nicht hier.

Ich fand mich normal. Das ging noch mehrere Monate so bis März 2014. Da hatte ich dann Urlaub, und auf einmal ging gar nichts mehr. Essen: ging nicht. Schlafen: vielleicht ein, zwei Stunden die Nacht. Klitschnass aufgewacht. Zittern, Herzrasen. Teilweise wusste ich nicht, wo ich war. Was ich geträumt habe: keine Ahnung. Aber wegen nichts und wieder nichts bin ich ausgetickt. Wenn meine Freundin mich gefragt hat, warum ich meine saubere Wäsche nicht in den Schrank gepackt habe. Dann zum Beispiel.

Am Montag, den 10.3., bin ich morgens mit den Hunden raus. Das Knallen von der Gittertür damals, das hat mich so weggehauen. Ich war komplett weg. Ich war wie im Einsatz. Ich hab auf meine Hunde eingedroschen. Meine Freundin hat gesagt: Das geht so nicht weiter. Immer wieder: Das geht so nicht weiter. Als ich am Nachmittag zum Arzt bin, war alles, was ich noch sagen konnte: Ich möchte schnellstmöglich eingewiesen werden, egal wo. Weil meine Angst so groß war, ich könnte meiner Freundin gegenüber gewalttätig werden. Das war alles. Das habe ich noch rausgebracht. Danach hat meine Stimme versagt. 

Annabelle Seubert, 29, ist Redakteurin der taz. Sie fand bewundernswert, wie ehrlich der Soldat über beides reden konnte: über seine Faszination für den Krieg und seine Angst vor ihm.