„Fuocoammare“ ist ein altes Lied, das oft im Radio läuft. Jedenfalls im Radio von Lampedusa. Oma Maria wünscht es sich gerne. Sie ruft beim Sender an, landet direkt beim Moderator (ist ja sonst keiner da) und der spielt es gleich als nächstes Lied für sie. Kein Wunder: Es wohnen ja nur 4.500 Menschen auf Lampedusa.

Oder sollte man sagen: 4.500 Europäer?

Die Insel, die viel näher an Afrika als an Europa liegt, aber zu Italien gehört, ist längst zum Symbol geworden für all die Tragödien, die sich seit einigen Jahren in Mittelmeer abspielen. Hier brennt das Meer – was „Fuocoammare“, der alte Schlager, den sich Oma Maria oft wünscht, wörtlich übersetzt bedeutet.

Im Zentrum von Gianfranco Rosis aufwühlender Dokumentation, die jetzt mit dem Titel „Seefeuer“ in die Kinos kommt, steht der 12-jährige Samuele. Es bastelt gerne Steinschleudern, wird schnell seekrank – was für den Sohn eines Fischers natürlich ein Problem ist – und macht ansonsten, was man halt so macht, wenn man 12 ist. Sein Alltag ist das narrative Rückgrat des Films. Man sieht ihn in der Schule, beim Augenarzt – eines seiner Augen ist blind – und hört, wie er Omas Spaghetti mit Kalamar sehr laut schlürft. Das ist manchmal lustig und auf jeden Fall: unspektakulär.

Eine weitere Hauptperson ist der Arzt Pietro Bartolo. Er ist es meist, der den vielen Flüchtlingen, die auf der Insel ankommen, als Erster hilft. 400.000 seien es in den letzten 20 Jahren gewesen, steht in den Untertiteln zu Anfang des Films. Wenn er davon erzählt, wie sehr ihn seine Arbeit belastet, wenn er all die geschundenen Körper verarztet, und – noch schlimmer – was er mit den Leichen machen muss, dann können einem schon die Tränen kommen. Der Dottore muss den Toten noch Blut abnehmen und Gliedmaßen entfernen. Finger bei Frauen, Ohren bei Kindern. Es ist fürchterlich, was dieser so menschliche Provinzarzt Bartolo da erzählt.

Wer in „Seefeuer“ dagegen fehlt, ist die berühmteste Bewohnerin von Lampedusa: Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin, die sich vehement für die Flüchtlinge einsetzt. Nicht immer zur Freude der Bürger der Insel.

Würde Gianfranco Rosi auch Europäer in Nahaufnahme beim Sterben zeigen?

Der streitbare Film, der ganz ohne Off-Kommentar auskommt, wirft viele Fragen auf. Einerseits, was das doch recht intakt dargestellte Dorfleben über das schlimme Schicksal der Geflüchteten sagen soll? Das Leben von Samuele scheint dadurch wenig tangiert. Sind wir alle wie Samuele? Leben unser Leben, mal glücklicher, mal weniger, aber grundsätzlich recht bequem, während sich vor unserer Nase schlimme Tragödien abspielen, an denen wir nichts ändern? Und wenn das so zu verstehen ist, ist es dann andererseits nicht unfair, ein Kind ins ganz große Rampenlicht zu zerren, um diese Geschichte zu erzählen?

Und: Darf man zeigen, was Gianfranco Rosi alles auf Lampedusa gefilmt hat? Über weite Strecken des Films sieht man die Geflüchteten nur als anonyme, sprachlose Masse – wie sie im Morgengrauen aus ihren klapprigen Booten von der Küstenwache gerettet werden, wie sie in raschelnde goldene Folien gewickelt an Land gehen, wie sie in ein Aufnahmelager gebracht werden. Erst spät singt eine Gruppe Nigerianer über ihre Flucht. Einer, der eine Solostimme im Chor hat, berichtet von den Ängsten und Qualen, die sie hinter sich haben. Und von denen, die es nicht geschafft haben.

Am Ende sieht man einen dramatischen Einsatz. Ein blaues Boot treibt auf dem Meer. Ein Rettungskreuzer kommt. Gerade noch rechtzeitig. Viele Menschen können gerettet werden, manche sind komplett dehydriert, im Delirium, sie zittern am ganzen Körper, sind dem Sterben nahe. Andere liegen kreuz und quer im Unterdeck – tot. All das fängt Rosi in Nahaufnahmen ein. Man wird sie lange nicht vergessen.

Natürlich, er will aufrütteln. Aber man fragt sich schon: Hätte Gianfranco Rosi auch Europäer beim Sterben gefilmt?

Über diesen Film wird noch viel gesprochen werden.

„Seefeuer“ (Original: „Fuocoammare“), Italien, Frankreich 2015, Regie und Drehbuch: Gianfranco Rosi, mit Samuele Pucillo, Pietro Bartolo, 108 Minuten