In Chicago gibt es einen Frankie Knuckles Way. In der Ausfallstraße nahe Downtown stand ein dreigeschossiges Fabrikgebäude, das Musikgeschichte geschrieben hat. Ende der 70er-Jahre war hier im Keller der Warehouse Club, und der Haus- und Hof-DJ, nach dem der Straßenabschnitt heute benannt ist, hieß Frankie Knuckles. Die Disco-Welle ebbte gerade ab, da entwickelte Knuckles mit seinen Plattenspielern den Sound aus den New Yorker Clubs weiter. Er verlängerte die Instrumentalparts von Disco- und R ’n’ B-Platten, mixte sie mit europäischen Produktionen, die synthetischer im Klangbild waren als die amerikanischen, und schuf so einen neuen Stil, der bald – in Anlehnung an den Entstehungsort – House Music genannt wurde. Dazu tanzte eine mehrheitlich schwarze und schwule Szene.

Bald versuchten Musikproduzenten, die Energie aus dem Warehouse mit repetitiven hypnotischen Beat- und Rhythmus-Aufnahmen nachzuempfinden – mit vergleichsweise einfachen Mitteln. „On and On“, das als erste House-Aufnahme gilt, produzierte Jesse Saunders mit dem Basssynthesizer TB 303, dem Drumcomputer TR 808, einem Korg-Poly-61-Synthesizer und einem Sampler.

In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre stürmte House Music in England die Charts. In Chicago dagegen wurde Hip-Hop beliebter als House. Als die Stadt strengere Auflagen für Clubs erließ, versank die Szene in der Bedeutungslosigkeit. Der Senator, der den Frankie Knuckles Way 2004 abgesegnet hat, hieß Barack Obama.

Top 10 Chicago House von Hans Nieswandt, DJ, Musikproduzent, Journalist, Buchautor und Leiter des Instituts für populäre Musik an der Folkwang Universität der Künste:

„Stellvertretend für Dutzende andere Produzenten und Hunderte andere Tracks, die es ebenso verdient hätten, in diese Liste aufgenommen zu werden, zehn Tracks, die ich wirklich oft aufgelegt habe – bis heute.“

1. DJ Pierre: „Muzik Is Life“

Was für andere Jimi Hendrix war, war für mich DJ Pierre: eine schockierende Inspiration. Wobei dieser Wildpitch-Klassiker genau genommen schon aus seiner New Yorker Zeit stammt, Phase zwei seiner Karriere.

2. Mike Dunn: „God Made Me Phunky“

Gnadenlos repetitiver Jazzloop-House, natürlich extrem funky, mit großartigem Text, den ich immer wieder gerne zitiere: „My groove is so complex. To understand a groove like this you got to be phunky, and if you ain’t phunky, I don’t worry about you. Must I say it again: god made me phunky.“

3. Armando: „Turn My Shit Up“

Low down dirty acid house in Perfektion von einem bittererweise schon sehr jung an Leukämie gestorbenen Underground-Produzenten. Er konnte, wie viele andere schwarze amerikanische Musikproduzenten und Künstler, seine Krankenhausrechnung nicht bezahlen.

4. DJ Sneak: „Forever Disco“

Die Tracks von Sneak klingen fast alle gleich und damit gleich gut, weil sie beinahe alle auf dem Prinzip eines endlos wiederholten auf- und zugefilterten Discoloops basieren. Dieser Track ist noch etwas gleicher.

5. Marshall Jefferson: „Move Your Body“

Hamburg 1988, es geht los mit der House Music. Und man ahnte spätestens bei diesem endlosen Track, dass sie nie wieder verschwinden würde.

6. Joe Smooth: „Promised Land“

Euphorie, Hymnen, hormonelle Glücksüberflutung: Einer der Grundpfeiler von House Music ist der Gospel, die Erhebung aus dem Jammertal, die Hoffnung auf einen helleren Tag.

7. Frankie Knuckles & Jamie Principle: „Baby Wants To Ride“

Denn Gläubige haben mehr Spaß an der Sünde, wie man so schön sagt. Auch Frankie Knuckles lebt leider schon nicht mehr, aber dieser Track aus seinem Frühwerk ermunterte seinerzeit die gefallenen Engel zu einer ganzen Menge Spaß.

8. Fingers Inc.: „Can You Feel It“

Gilt als erster Track, bei dem dem Wort „House“ noch das Wort „Music“ angefügt wurde – eine richtige Komposition nach den billigen Rhythmustracks der allerersten Stunde. Dazu eine ausführliche donnernde Predigt über Jack, wer Jack ist und was Jack macht.

9. Tyree: „Acid Over“

Keine Chicago-Liste ohne einen Acid-Track. Tyree schaffte einen der ersten Hits des damaligen Novelty-Genres, ist aber de facto bis heute ein großartiger Produzent und DJ.

10. Hercules: „7 Ways To Make U Jack“

Keine Chicago-Liste ohne einen Jack-Track. Denn Jack ist der House-Herr, dem egal ist, wer du bist, woher du kommst und an wen du glaubst, solange du nur deinen Body jackst.