Thema – Corona

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„Als wäre ich in einen Käfig gesteckt worden“

Kein Abi-Streich, kein Ball, und wie es einem geht, wurde man auch so gut wie nie gefragt: Wie war es, im Corona-Jahr den Schulabschluss zu machen?

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Marie Schröder, 19 Jahre alt, hat im Frühjahr 2021 Abitur an einem Gymnasium in Rheinland-Pfalz gemacht. Hier erzählt sie, wie sie ihre Corona-Schulzeit erlebt hat, was sie dabei über sich selbst lernte und was sie an der Bildungspolitik in der Pandemie enttäuscht.

Durch die Pandemie ist ein Teil meiner Jugend verloren gegangen. Ich bin währenddessen 18 geworden, und das fühlte sich ein bisschen so an, als wäre ich in einen Käfig gesteckt worden: Eigentlich hätte ich endlich machen dürfen, was ich will, gleichzeitig war ganz viel davon nicht erlaubt.

Der Anfang: „Alle waren verunsichert“

Als es im Februar 2020 die ersten Corona-Fälle in Bayern gab, wirkte das alles noch weit weg. Aber dann gab es bald auch Infizierte in Rheinland-Pfalz. Als einer in einem benachbarten Gymnasium gemeldet wurde, hat man alle nach Hause geschickt, die Kontakt zu der Person gehabt hatten. Da dachte ich noch: „Wie cool, die müssen heute nicht in den Nachmittagsunterricht.“ Ende März, kurz vor den Osterferien, hat die ganze Schule geschlossen – und blieb es nach den Ferien erst einmal. Alle waren verunsichert, und niemand wusste, wie es weitergeht.

 

Der Distanzunterricht: „Wer in der Schule schon immer ruhig war, wurde online noch unsichtbarer“

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Geburtstag

Happy Corona-Birthday: In der Pandemie erwachsen zu werden, ist eine eher einsame Sache

Der Distanzunterricht, der nach den Osterferien einsetzte, war am Anfang total chaotisch: Manche Lehrer*innen haben Aufgaben per Mail geschickt, manche gar nichts, manche haben eine Videokonferenz gemacht, bei einigen musste man etwas Schriftliches abgeben, bei anderen nicht. Wir mussten uns jeweils anpassen, bis es nach den Sommerferien mit einer Onlineplattform einheitlicher wurde und wir in den meisten Kursen Videokonferenzen hatten. Der persönliche Austausch hat mir gefehlt, und diejenigen, die in der Schule schon immer ruhig waren, wurden online noch unsichtbarer. Insgesamt war es ziemlich still in den Videokonferenzen. Es gab in den sozialen Netzwerken ein Meme darüber, dass Lehrer*innen früher immer gesagt haben: „Seid ruhig!“, und in der Videokonferenz plötzlich: „Hallo, ist jemand da?“ Anfangs war ich etwas überfordert: Plötzlich hatte ich keine Routine mehr, musste mir meine Zeit selbst einteilen, habe Sachen aufgeschoben und bin unter Druck geraten. Ich habe dann angefangen, morgens zu einer festen Zeit aufzustehen, die Aufgaben abzuarbeiten, feste Pausen zu machen. Ab dem Sommer hatte ich mich ganz gut eingependelt.

Von meiner Familie hatte ich in diesen Monaten immer einen guten Rückhalt. Ich weiß aber, dass das bei vielen anders war. Manche wurden von ihren Eltern auch viel mehr in den Haushalt eingebunden als sonst, weil die dachten: „Jetzt sind sie ja eh daheim!“ Dabei war es gar nicht so, dass wir im Homeschooling weniger zu tun hatten – teilweise haben wir sogar mehr Aufgaben bekommen, als wir in der Schule in der Zeit geschafft hätten.

Im Distanzunterricht ist der persönliche Kontakt zu vielen Mitschüler*innen verloren gegangen. Mir wurde in der Zeit bewusst, wen ich wirklich vermisse. Bei diesen Personen habe ich mich gezielt gemeldet. Es wurde schnell deutlich, welche Leute die Initiative ergreifen und von wem gar nichts mehr kommt. Die echten Freund*innen haben sich herauskristallisiert.

Der Wechselunterricht: „In meinem Bio-Kurs waren wir nur noch zu dritt“

Weil jede Klasse und jeder Kurs die Schule vor den Sommerferien noch mal gesehen haben sollte, wurde wenige Wochen vor Ferienbeginn das Konzept für den Wechselunterricht erarbeitet: Es gab Gruppe A mit den Nachnamen von A bis K und Gruppe B mit den Nachnamen von L bis Z, die jeweils jeden zweiten Tag in die Schule gegangen sind. Anfangs war es seltsam dort, so leer, nur eine Person pro Tisch, alle Tische ganz weit auseinander. Die Stimmung war bedrückt. In meinem Bio-Kurs waren wir nur noch zu dritt, das war kurios. Aber irgendwann wurde der Wechselunterricht so normal, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, jeden Tag in die Schule zu gehen. Und wir mussten sowieso auch später noch mehrmals einige Wochen komplett in den Distanzunterricht. Durch die Aufteilung in Gruppen wurden meine engste Freundin und ich voneinander getrennt. Wir haben uns plötzlich so gut wie gar nicht mehr gesehen. Nur wenn Kursarbeiten geschrieben wurden, konnten wir uns aus der Ferne mal zuwinken. Sie hat mir sehr gefehlt.

Die politische Debatte: „Es wäre schön gewesen, mal die eigene Meinung sagen zu können“

Ich habe Verständnis dafür, dass die Politiker*innen Entscheidungen getroffen haben, die nicht ideal waren, die Situation war für alle neu. Aber es wäre schön gewesen, mal die eigene Meinung sagen zu können. Für den Wechselunterricht zum Beispiel gab es mindestens zwei Modelle: Entweder geht man in Gruppen alle zwei Tage in die Schule oder jeweils eine Woche. Wir wurden aber gar nicht gefragt, was uns lieber wäre. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass man es sich zu leicht gemacht und dadurch viele Schüler*innen übersehen und vergessen hat. Die Schulen wurden einfach geschlossen, ohne zu überlegen, ob es auch einen anderen Weg gegeben hätte. Wir älteren Schüler*innen konnten selbstständig arbeiten, aber für die Kleineren war das wahnsinnig schwierig. Ich finde es gut, dass wenigstens Notbetreuung angeboten wurde, teils haben auch ältere Schüler*innen Nachhilfe für jüngere gegeben. Nach einiger Zeit konnte man sich an unserer Schule iPads ausleihen. Bis dahin mussten manche übers Handy am Unterricht teilnehmen – falls sie überhaupt eins hatten. Man hat in der Pandemie gemerkt, dass die Entscheidungen teils von Politiker*innen getroffen wurden, die seit Jahren in keiner Schule mehr waren und gar nicht wissen, wie es da aussieht. Die Schulen und das Bildungsministerium sollten in Zukunft mehr mit den Schüler*innen ins Gespräch kommen.

Was geholfen hat: „Ich habe gemerkt, dass mir Zeit für mich guttut“

Ich bin oft spazieren gegangen, habe viel gelesen und nachgedacht und mich dadurch besser kennengelernt. Zum Beispiel habe ich gemerkt, dass ich ganz gut alleine klarkomme und dass mir Zeit für mich guttut, mir der soziale Kontakt zu anderen aber sehr wichtig ist. Ich glaube, der Prozess, der sonst nach dem Abi anfängt, dass man plötzlich viel alleine ist und über sich selbst nachdenkt, ist durch die Pandemie nach vorne gerückt.

Der Abschluss: „Wir hatten keinen Abi-Streich, keine Mottotage, keinen Ball“

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Corona, Schule, Abi

Abi-Kleid? Check! Feierlaune? Hielt sich in Grenzen

Das Lernen fürs Abitur war, glaube ich, gar nicht so viel anders, als es ohne Corona gewesen wäre – aber genau weiß ich es natürlich nicht, immerhin war das ja mein erstes Abitur. Bei den Prüfungen durfte man immerhin die Maske abnehmen, das wäre sonst echt anstrengend gewesen. Ich hatte mich schon lange auf die Abi-Feierlichkeiten gefreut, aber wegen Corona hatten wir keinen Abi-Streich, keine Mottotage, keinen Ball. Auch die Kursfahrt in der zwölften Klasse wurde uns genommen. Am 26. März hatten wir eine akademische Feier, bei der wir das Abiturzeugnis erhalten haben. Da konnte ich mein Abi-Kleid anziehen, und es war schön, nach so langer Zeit alle Mitschüler*innen wiederzusehen. Trotzdem war die Stimmung eher gedrückt. Wir haben von den Klassenräumen aus einen Livestream aus der Aula angeschaut, wo die Zeugnisse vergeben wurden, und die Stammkurse wurden nacheinander aufgerufen, sodass wir uns nicht begegnen konnten. Danach haben wir auf dem Schulhof Luftballons steigen lassen, und das war’s. Feierlaune kam da nicht auf, und wenn alle die Maske aufhaben, kann man ja nicht mal ein Lächeln sehen. Ein richtiger Abschied von den Lehrer*innen und Mitschüler*innen fehlt mir sehr.

Und jetzt? „Ich möchte reisen, Hauptsache, ganz weit weg“

Ich möchte vor meinem Studienbeginn gerne noch ein bisschen reisen, am liebsten nach Indonesien – speziell Bali – oder Neuseeland, Hauptsache, ganz weit weg. Ich habe Europa bisher nämlich nur einmal verlassen. Erst mal verdiene ich jetzt aber ein bisschen Geld. Wegen der Pandemie ist es in meinem Gap Year vermutlich schwieriger als in anderen Jahren, einen guten festen Job zu finden. Ich habe bei einem Cateringservice angefangen und bin gespannt, wie lange Events stattfinden können. Nach dem Gap Year möchte ich Psychologie studieren. Ich befürchte, dass die Fallzahlen im Herbst wieder steigen und das nächste Wintersemester darum online startet. Auch deshalb habe ich entschieden, erst kommendes Jahr mit der Uni anzufangen. Denn in Onlinekursen wäre es viel schwieriger, Leute kennenzulernen.

Illustration: Frank Höhne

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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