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Adeus, Filmförderung!

Brasilianische Filme räumen auf den internationalen Festivals regelmäßig Preise ab. Doch das könnte bald zu Ende sein. Die rechtsextreme Regierung dreht die Geldhähne zu

Foto: VALERY HACHE/AFP/Getty Images

Gegenwind kennt der brasilianische Filmemacher Kleber Mendonça Filho zur Genüge. Etwa aus der Zeit, als sein Film „Aquarius“ in Cannes Premiere hatte. Der handelte von einer älteren Frau im entschiedenen Kampf gegen den Krebs und einen übermächtigen, korrupten Immobilienkonzern. Er handelte nicht von der damaligen Präsidentin Dilma Rousseff. Und doch wurde sein Film als Kommentar auf ihre politische Karriere gesehen. Denn mit seinem Team bezog Kleber Mendonça Filho Stellung gegen die Amtsenthebung der Präsidentin, der Korruption vorgeworfen wurde und die das Land politisch polarisierte.

Von da an ging alles schief. Für den Oscar wurde sein Film nicht nominiert, mutmaßlich weil die Jury von politisch andersdenkenden Kräften besetzt wurde. Erschwerend kam hinzu, dass „Aquarius“ beim Kinostart keine Jugendfreigabe erteilt wurde. Kleber Mendonça Filho empfand dies als Zensur. Viele in der Filmbranche sahen das ähnlich.

Die Fördersumme soll der Regisseur zurückzahlen – sieben Jahre nach der Premiere

Das war 2016. Heute hat Kleber Mendonça Filho noch viel größeren Ärger. Im Mai, direkt vor der Premiere seines neuen Films „Bacurau“ in Cannes, wurde er vom neu besetzten brasilianischen Kulturministerium zur Rückzahlung der Fördergelder seines sieben Jahre alten Debütfilms „Neighboring Sounds“ aufgefordert. Innerhalb von 30 Tagen sollte er rund eine halbe Million US-Dollar zurückgeben. Die Begründung: Er hatte das Produktionsbudget überschritten. Die Forderung kam für ihn aus dem Blauen, seine Absprachen mit früheren Mitarbeitern der Behörde zur Anpassung des Budgets wurden ignoriert, sagt er.

 

Was für die einen nach unglücklichen Zufällen klingt, werten die Betroffenen und Branchenkenner als Anzeichen künstlerischer Unterdrückung. In Brasilien häufen sich Ereignisse, die es Filmemachern einer bestimmten politischen Ausrichtung schwer machen. 

Seit Jair Bolsonaros Amtsantritt steht die zentrale und bisher unabhängige Filmförderanstalt des Landes (ANCINE) unter Beschuss und musste aufgrund von Aktenprüfungen mehrfach die Unterstützung laufender Filmproduktionen einfrieren. Bolsonaros Regierung will die Behörde zudem in die Landeshauptstadt Brasília verlegen, weg aus Rio und damit weg von der fast ausschließlich im Südosten angesiedelten Filmbranche.

In Brasília soll sich ANCINE in die Büros des neu eingerichteten Bürgerministeriums (Ministério da Cidadania) eingliedern. Ende August entließ die Regierung den bisherigen Leiter von ANCINE, Christian de Castro. Die Regierung nennt als Entscheidungsgrundlage die Ergebnisse einer Hausdurchsuchung Anfang des Jahres. Warum, weiß man nicht genau. Die Regierung sagt: Die Gründe sollten aufgrund des Gerichtsgeheimnisses nichts preisgegeben werden. Kritiker sagen: Bolsonaro will die Stelle mit jemandem besetzen, der politisch gefälliger ist.

Erste Filmprojekte mit schwulen und lesbischen Themen können nicht mehr umgesetzt werden

Die begonnenen Maßnahmen zeigen bereits Wirkung, erste Filmprojekte mit schwulen und lesbischen Themen können nicht mehr umgesetzt werden. Zudem soll die essenzielle öffentliche Finanzierung für das Kino 2020 auf die Hälfte abfallen. Dabei waren nie mehr Filme aus Brasilien in Cannes zu sehen als in diesem Jahr, Kleber Mendonça Filho wurde für „Bacurau“ mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

Die Gründe für den Filmboom reichen zurück bis in die 1990er-Jahre, als ein Gesetz erlassen wurde, das private Wirtschaftsunternehmen durch Steueranreize in die Kunstförderung einbinden wollte. Gemeinsam mit den Wirtschaftsumsätzen wuchs die Filmproduktion und gewann aus völligem Stillstand nach der Militärdiktatur (1990–1992 entstand kein einziger Film) mit ungeahnter Geschwindigkeit an Fahrt. 2002 stand die Veröffentlichung des Welterfolgs „City of God“ sinnbildlich für ein neues, international ausgerichtetes brasilianisches Kino der wachsenden Budgets. Schon im Wahlkampf sprach sich Jair Bolsonaro gegen das „Rouanet Law“ aus, das diese Entwicklungen ermöglichte: Er bezeichnet die Kunstbranche als kriminell und geldorientiert und versprach, gegen derartige öffentliche Subventionen vorzugehen.

Selbst während der Militärdiktatur konnte sich das Kino entfalten 

Völlig unvorbereitet scheint dennoch niemand. Das brasilianische Kino hatte stets mit starken Schwankungen zu kämpfen und behauptete sich auch in politisch schwierigen Zeiten. Selbst während der Militärdiktatur unter Artur da Costa e Silva konnte sich das Kino entfalten. In den 1970er-Jahren gab es für die Filmbranche zwar eine Behörde, jedoch unter der Leitung des Cinema-Novo-Filmemachers Roberto Farias, der Kolleginnen und Kollegen unterstützte. So kehrten damals einige Filmschaffende sogar aus dem Exil zurück, um in Brasilien weiter zu drehen. Und die Fronten waren klar: Damals regierte das Militär, Fehltritte waren gefährlich. Heute setzt Jair Bolsonaro seine Maßnahmen legal und mit demokratischem Mandat durch. Die kritischen brasilianischen Filme, die alle großen Filmfestivals derzeit zeigen, entstanden vor den Interventionen der Regierung.

Kleber Mendonça Filho selbst gibt sich unbeeindruckt von den Entwicklungen. „Aquarius“ lief damals in über 60 Ländern, „Bacurau“ finanzierte er international. Doch er ist die Ausnahme. Die Regierungsmaßnahmen schaden letztlich denjenigen, die international noch unbekannt sind: dem Nachwuchs, den noch ungehörten Stimmen.

 Titelbild: VALERY HACHE/AFP/Getty Images. Das Filmteam von "Aquarius" protestiert 2016 mit Regisseur Kleber Mendonça Filho (rechts) auf dem roten Teppich in Cannes gegen das Amtsenthebungsverfahren gegen Dilma Rousseff

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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