Mystical – „Shake your ass“ (2000)

Von allen Poschüttelliedern eines der unsubtilsten, aber leider geilsten. Eine prächtige, hart reduzierte, funky Neptunes-Produktion aus ihrer besten Regierungszeit, dazu ein paar stumpf-lustige Zeilen wie „I am nastier than a full grown German Shepherd“ – und fertig ist die „Mmmm, mmm, mmm, ooh-oooh!“-Schwitzlaube. Wurde damals gar für einen Grammy nominiert. Mit seiner Absage an „small booties“ eventuell einer der initialen Songs für die akute Renaissance größerer Hinterteile im US-Hip-Hop.

John Trubee – „Blind Man’s Penis“ (1987)

Es gab in Amerika das schöne Genre der „Song-Poems“: Lieder, die von Hobbyautoren geschrieben und in Minutenschnelle von Profimusikern eingespielt und eingesungen wurden, um sie dann in Winzauflagen (meist für den Autor und seine Familie selbst hergestellt) zu vertreiben. Manche dieser Stücke sind tolle und ungewöhnliche Novelty-Hits. Einer der besten ist zweifellos dieser von einer großen Zärtlichkeit getragene Gedanke, wie es dem Gemächt eines blinden Mannes gehen könnte. Wurde ursprünglich im Gedenken an Stevie Wonder geschrieben. Kein Witz.

Laurel Aitken – „Benwood dick“ (1969)

Auf Jamaika gibt es ja haufenweise Songs über Körperteile. Gern über die Geschlechtsteile, supergern über die Punani und über den Bomba. Auch wenn man das Patois nicht versteht, erahnt man bei den schweinösen Reggae- und Ska-Songs sehr schnell, über was die singen. Ich muss immer lachen über die Schlongprahlereien und Buttywünsche der männlichen Angeber. Stellvertretend dafür der Gottvater des Ska, Mr. Laurel Aitken, der hier lang hängen lässt.


Superpunk – „Neue Zähne für meinen Bruder und mich“ (2001)


Bis heute die beste deutsche Hymne über Armut und soziale Ungerechtigkeit. Aufgehängt am tatsächlich vielleicht teuersten Körperteil, das man hat: dem eigenen Mund. Was die eingebauten Werkzeuge da drin an Pflege kosten, geht ja gar nicht. Selbst das professionelle Saubermachen ist teurer als mit dem Taxi zum Sushi! Wenn man die Zahnpflege vernachlässigt, „wendet man sich ab von uns, was mich nicht wundert, denn wir sehen aus wie Kranke aus dem letzten Jahrhundert“.

Velvet Underground – „Pale blue eyes“ (1969)

Unter all den die schönen Augen eines Menschen (ob brown, green, marbled oder grey) besingenden Songs ist das hier augenfällig der schönste: Erst „I thought of you as my mountain top, I thought of you as my peak“ – und dann nur die hellblauen Augen zu haben. Uh, magic! Dazu zartbittere Musik und der zerbrechliche Vortrag eines noch nicht ledernen Lou Reed.

Solange – „Don’t touch my hair“ (2016)

Nimmst du einem Menschen das Haar, nimmst du ihm die Würde. Das wussten indigene Völker, das weiß die Armee, das weiß Heidi Klum. Solanges Verhältnis zum Haar ist ein besonderes: Ihre Mutter besaß einen Friseursalon, und sie selbst ließ angeblich in jüngeren Jahren auch mal bis zu 50.000 Dollar pro Jahr beim Barbier ihres Vertrauens. Kein Wunder, dass ihr größter Hit Haare als eine zentrale Identitätsfrage schwarzer Frauen thematisiert: „You know this hair is my shit!“

Princess Nokia – „Tomboy“ (2016)

Die Bodyhymne, die mich und meine zornigen Bros und Sisters am meisten in den letzten Jahren bewaffnete. Preist sie doch ein Körperbild, mit dem sich mehr Frauen identifizieren können als mit dem nackten Schwachsinn aus Netz und CB-Funk: „With my little titties and my phat belly I could take your man if you finna let me“, haut die 24-jährige New Yorkerin uns ihr gut dimensioniertes Selbstbewusstsein vor die gefälligen Lätzchen. Und macht noch mal mit „My body is little but my soul is heavy“ klar, wie sekundärwichtig unsere äußere Form ist: Vergiss die normalen Körperteile! Denk ans Einzige, das man nicht anfassen kann – an die Seele.

Pisse – „Biertitten“ (2015)

In den Lyrics kommen auch große Körpersäue wie Iggy Pop und Michael Jackson und Lemmy vor, aber hängen bleibt der Song wegen seiner genialen Erkenntniszeile „Du bist nicht queer, nur weil du Biertitten hast“. Gut gesagt, Pisse! Im Werk (zwei Singles und eine LP) dieser tollen Band sind mitunter auch noch andere Köperteile Thema. Ich zitiere: „Das schönste Mädchen von der Rummelsburger Bucht hat keene Beene, doch sie ist ’ne Wucht!“ Mit der könnte man also auch die „Sportschau“ sehen.

Studio Braun – „AA-Fingers“ (2002)

Von ihren telefonischen Großtaten ermüdet, bauten Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger ab der Jahrhundertwende zunehmend auch Songs in ihre Werke ein. Traditionell bereits an Körperteilen interessiert, die sonst eher ein Schattendasein fristen (siehe ihre Ausführungen zu Wanderhoden, Spreiznieren und Sacknähten), wird hier dem Tabu der kotbenetzten Gliedmaßen ein pianogeschwelgtes Minidrama geflochten. Weltweit die lyrisch und musikalisch einzig ernst zu nehmende Verarbeitung dieses Topos.

Astrid Kuby und Michael Mosaro – „Jede Zelle meines Körpers ist glücklich“ (2007)


Was für ein Ohrwurm! Gegen dieses befehlende Mantra, sich „voll gut drauf“ und „glücklich“ zu fühlen, scheint jeder Körper machtlos. Besonders solche, von denen ihre Besitzer glauben, es liege was im Argen. Also wir alle. Das Lied kommt übrigens ursprünglich aus der Tanztherapie und ist fester Bestandteil meines DJ-Sets. Falls Sie mich mal mieten wollen: Ich lege unter dem Moniker Dr. „Dr.“ Penis auch Musik auf, gegen die Sie sich nicht wehren können.

Bonus:

David Bowie – „Little fat man with the pug nose face“ (2006)


Vor dir sitzt David Bowie am Klavier. Du gefällst ihm nicht. Dein Körper (und was aus ihm rauskommt) gefällt ihm nicht. Er singt über dich. Was machst du? Genau: Mitsingen. Und mittexten.


Gereon Klug ist ein multitalentierter Autor, der schon zwei Plattenläden gründete. Bundesweit berühmt wurde er durch seine Newsletter (erschienen gar als Buch „Low Fidelity: Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream“) oder Erfinder von Deichkinds „Leider geil“.

Foto: Kostis Fokas