„Chambre de bonne“ – dieser Begriff klingt doch sehr anheimelnd, nach einem schönen, gemütlichen Zimmer. Man bezeichnet damit die ehemaligen Dienstmädchenzimmer unter den Dächern der großen Pariser Stadthäuser, die auch ein beliebtes Filmmotiv sind. Meist schauen junge, verträumte Menschen aus ihren kreativ zugerümpelten Kammern über die Dächer der Stadt.

13 Quadratmeter am Stadtrand kosten gerne mal 680 Euro warm

Doch die Realität ist oft trister. Zwar ist es per Gesetz nur erlaubt, diese Räume zu vermieten, wenn sie mindestens neun Quadratmeter groß sind, doch unter der Hand finden auch kalte Fünf-Quadratmeter-Kammern Abnehmer – für 300 Euro. In Paris zu leben heißt für viele Geld zusammenkratzen, die Ansprüche runterschrauben und vielleicht sogar: sich warm anziehen. Ein 13-Quadratmeter-Zimmer in einem Wohnblock am Pariser Stadtrand kostet gerne mal 680 Euro Miete warm. Günstiger kommt man weg, wenn man sich nicht nur die Wohnung, sondern gleich ein Zimmer teilt – einen zentral gelegenen Schlafplatz bekommt man so für 400 Euro.

Die Pariser Wohnungsmieten sind mittlerweile so hoch, dass es sich kaum noch jemand leisten kann, in der Innenstadt zu wohnen. Während die Wohlhabenden weiter im Stadtzentrum nahe den prächtigen Boulevards leben, bleiben viele andere am Stadtrand – in den riesigen Wohnmaschinen der Banlieue.

Die krasse Spaltung der Stadtgesellschaft hat aber ein Umdenken begünstigt: Die Stadtplaner versuchen mehr soziale Mischung in die Quartiere zu bringen, um so der Gettobildung entgegenzuwirken. Dabei entstehen die Sozialwohnungen anders als in den 1960ern nicht mehr geballt auf einem Fleck weitab der City, sondern öfter in kleinem Maßstab überall im Stadtgebiet.

 

chambre de bonne (Foto: Michael Zumstein/VU/laif)

Grundlegend für diese Entwicklung war das „Gesetz der städtischen Solidarität und Erneuerung“ aus dem Jahr 2000. Es verpflichtet alle mittleren und großen Städte, mindestens 20 Prozent Sozialwohnungen vorzuhalten. Für das Jahr 2025 gilt das Ziel von 25 Prozent. Der Clou: Gemeinden, die weniger Sozialwohnungen haben, müssen eine Strafe zahlen. So soll der Bau von Sozialwohnungen in privilegierten Gebieten angekurbelt werden – etwa im noblen Westen von Paris.

Kommunen müssen eine bestimmte Zahl von Sozialwohnungen bauen, aber manche kaufen sich davon frei

Das Ergebnis dieser Politik sieht man Frankreichs Städten an: Wenn man durch Paris läuft, entdeckt man an vielen Orten Häuser, die nicht nach der Tristesse früherer Sozialwohnungen aussehen – zum Beispiel ein mehrstöckiges Holzgebäude mit unregelmäßig angeordneten Balkonen und einem Wildblumengarten –, mitten in der Stadt. „Heldentat aus Holz“ schrieb eine Architekturseite über das Projekt mit 30 Sozialwohnungen. „Man hat gelernt, dass die Gebäude anspruchsvoll gestaltet sein müssen, um das Image des sozialen Wohnungsbaus zu verbessern“, erklärt Stadtforscher Frank Eckardt von der Bauhaus-Universität Weimar.

Und es gibt Visionen – vor allem in Paris. Da ist etwa die Idee eines bewachsenen Baukörpers, der zukünftig auf Stelzen über niedrigeren Bauten schweben könnte. Und die Bürgermeisterin Anne Hidalgo startete das Projekt „Reinventer Paris“ – Paris neu erfinden. Etliche Architekturbüros haben kreative Vorschläge eingereicht. So könnten etwa bald Wohnhochhäuser mit hängenden Gärten entstehen, verbunden mit Luftbrücken aus Stahl und Glas. Von 1.300 geplanten Wohnungen soll rund die Hälfte gefördert werden. Doch Hidalgo will mehr: Ziel ist, jährlich 7.000 Sozialwohnungen zu bauen, um bis 2025 die Quote von 25 Prozent zu erreichen.

Vier Millionen Menschen leben in Frankreich nicht in einer menschenwürdigen Unterkunft, schreibt die Stiftung Abbé-Pierre in ihrem aktuellen Jahresbericht. Darin steht auch: Es gibt mehr Wohnsitzlose, mehr Zwangsräumungen und mehr Menschen, die aus Kostengründen ihre Wohnung nicht richtig heizen. „Für die Armen, die Arbeiter- und die Mittelschicht wird die Situation schlimmer“, heißt es in dem Bericht.

Zwar gibt es in unserem Nachbarland viele geförderte Wohnungen, doch haben dort auch mehr Menschen Anspruch darauf als in Deutschland. Weit über eine Million Menschen stehen auf Wartelisten. Und die schicken Wohnungen mit den Holzbalkonen und Wildblumen sind nicht die billigsten – und kommen bisweilen eher der Mittelschicht zugute. „Selbst der hohe Bestand an Sozialwohnungen in Frankreich reicht nicht aus, um den Menschen ein halbwegs anständiges Wohnangebot zu machen“, sagt Eckardt. Das liegt auch daran, dass sich viele reiche Kommunen trotz Strafen vor dem Bau von Sozialwohnungen drücken – sie kaufen sich sozusagen frei. So auch die schicke Pariser Vorstadt Neuilly-sur-Seine, wo der konservative Ex-Präsident Nicolas Sarkozy fast 20 Jahre lang Bürgermeister war. 2002, als Sarkozy dort seinen Schreibtisch räumte, waren gerade mal zwei Prozent der Wohnungen in der Stadt gefördert – heute sind es fünf Prozent. Ein WG-Zimmer mit 12 Quadratmetern gibt es hier für 500 Euro. „Ideal für Studenten und Praktikanten“, steht in einer Anzeige. Willkommen in Paris.

Titelbild: Michael Zumstein/VU/laif