Thema – Berlinale

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Der da ist bald weg

Berlinale Blog, Tag 7: Aber wer kommt danach? Eine etwas diffuse Kneipendiskussion über die Post-Kosslick-Ära. Außerdem: eine neue RAP-Zension und Body Politics in Südafrika

Berlinale Chef Dieter Kosslick

Auch nach 14 Stunden Filmen ist der Berlinale-Tag noch nicht vorbei. Die „Woche der Kritik“, ein seit 2015 von Filmkritikern ausgerichtetes Side-Event, hat zum „Kneipengespräch“ geladen. Thema: Berlinale 2020. Dann nämlich beginnt die Zeit nach der langen Ära Dieter Kosslick. Seit 2001 ist Kosslick Berlinale-Direktor. Anfangs galt er noch als Erneuerer mit frischen Ideen, mittlerweile steht er in der Kritik, die Ende 2017 in einem sehr kurzen Offenen Brief von 79 deutschen Filmschaffenden gipfelte. Wie aber kann die Berlinale sich neu erfinden und sollte sie das überhaupt? Darum soll es gehen.

23.01 Uhr Ort des Geschehens ist das „Anna Koschke“, eine Art Gastwirtschaft. Es sollte jetzt losgehen, aber es sind nur knapp zehn Leute da.

23.15 Uhr So langsam füllt es sich. Aber niemand macht Anstalten zu beginnen. Das Format „Kneipengespräch“ soll übrigens so laufen: „Ein Gespräch ohne Vorne und Hinten, ohne Oben und Unten, weg von den festgefahrenen Routinen der Repräsentation.“

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Veranstaltung der Woche der Kritik (Michael Brake)
Es ist kein Zufall, dass auf diesem Bild der Veranstaltung Berlinale 2020 der Woche der Kritik nur Brillenträger zu sehen sind. Kaum einer der kritischen Diskutanten kam ohne dickwandige Sehhilfe ins Anna Koschke in Berlin-Mitte (Michael Brake)

23.25 Uhr Der hintere Raum, in dem wir an zwei langen Tischen sitzen, ist jetzt bis auf den letzten Platz besetzt. Die Dichte an dickumrandeten Brillen ist beeindruckend. Mit 25 Minuten Verspätung geht es los, also, irgendwie jedenfalls, denn nach einer eher hilflosen Startmoderation will erstmal keiner was sagen.

23.27 Uhr Ein Mann erbarmt sich. Und hört dann gar nicht mehr auf zu reden. Er selbst würde die Filme härter aussuchen und zwei bis drei der vielen Sektionen abschaffen. Welche sagt er aber nicht. Was gut sei: Dass die Berlinale in der gesamten Stadt präsent ist und nicht nur für die Filmcommunity. Das sollte man beibehalten.

23.32 Uhr „Weiß jemand, wie autonom die Sektionen bei der Filmauswahl sind?“, fragt eine Frau. Eine wichtige Frage, um Kosslicks Arbeit zu beurteilen. Niemand im Raum weiß es. Vielleicht hat auch niemand die Frage gehört, denn die Mikros sind zu leise und im Vorraum ist normaler Kneipenbetrieb.

23.40 Uhr Frage einer holländischen Kritikerin: Ist es in Deutschland normal, dass Festivalleitungen ohne öffentliche Ausschreibung bestimmt werden? Antwort: Das sei nicht Deutschland-spezifisch, aber in der Tat habe es vor Kosslick auch Ausschreibungen für den Berlinale-Chefposten gegeben.

23.45 Uhr Ein Weinglas fällt um.

23.47 Uhr Christoph Hochhäusler, einer der Unterzeichner des Offenen Briefs, setzt zu einem längeren Redebeitrag an. Das, was es im Herbst nach dem Offenen Brief als „öffentliche Debatte“ bezeichnet wurde, sei nur ein Puppentheater gewesen. Die Probleme der Berlinale? Man würde Schlampigkeit mit Freiheit bei der Filmauswahl verwechseln; die vielen Sektionen, Kategorien, Zielgruppen würden trennen, statt zu verbinden – warum eine Extrasektion für Kinderfilme, für deutsche Filme, für Essensfilme? „Die Berlinale ist das beliebteste Festival, wenn man sich die Zuschauerzahlen ansieht“, wirft jemand ein. „Who cares!“, erwidert Hochhäusler.

23.54 Uhr Die Macht von Kosslick im Festivalgefüge sei nicht zu unterschätzen, sagt einer und verweist auch auf das riesige Organigramm der Berlinale, das an der Wand hängt: Letztlich würden alle Abteilungsleiter direkt Kosslick unterstehen

23.58 Uhr Auftritt des Regisseurs und Schauspielers RP Kahl. Auch er hat den Offenen Brief unterzeichnet, war aber 12 Jahre in der Kurzfilm-Auswahlkommission der Berlinale. „Mit diesen Insights kann ich sagen: Dieter Kosslick war in den letzten Jahren kein guter Direktor mehr, er hat keine guten Entscheidungen mehr getroffen.“ Es ginge doch gar nicht mehr um gute Filme, sondern nur noch darum wie viele Tickets verkauft werden. „Größtes Publikumsfestival? Was für ein Bullshit.“

Kurze Unterbrechung – für die zweite Folge der RAP-Zension!!

Damian Correa war wieder im Kino. Diesmal in Danmark von Kasper Rune Larsen, der in der Sektion Generation 14Plus läuft. Fand er gut. Warum, das rappt er hier

Und weiter im Anna Koschke, wo die Zukunft der Berlinale verhandelt wird ...

0.04 Uhr Frédéric Jaeger ergänzt zum Thema Publikumszahlen: Es sei falsch, Filme danach auszuwählen. Denn die Berliner würden auch kommen, wenn die Inhalte andere, anspruchsvollere wären.

0.05 Uhr Ein Bierglas fällt krachend zu Boden.

0.10 Uhr Christoph Hochhäusler steht auf und schreit in den Raum: Können wir mal Ruhe haben! Klappt nicht.

0.13 Uhr Mit Dietrich Brüggemann ist inzwischen ein weiterer Offener-Brief-Unterzeichner angekommen. Seine ideale Festivalphilosophie wäre: Gebt den Leuten was sie brauchen, nicht was sie wollen – so wie Henry Ford gesagt haben soll: „Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie sich schnellere Pferde gewünscht, keine Autos.“ Für diese Philosophie fehle der Berlinale nur leider die kuratierende Hand.

0.15 Uhr Wenn hier fast nur Männer erwähnt werden, liegt das übrigens daran, dass fast nur Männer was gesagt haben. Kein Vorwurf, nur eine Feststellung.

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Veranstaltung der Woche der Kritik (Michael Brake)
Keiner hat gesagt, es wäre leicht: Das Organigramm zeigt die Struktur der Berlinale. Leider war es zu groß, um mit einem Foto vollständig und lesbar abgebildet zu werden (Michael Brake)

0.24 Uhr Christoph Hochhäusler plädiert für mehr Offenheit gegenüber kinofremden Formaten und Urhebern. Er würde auch Youtube-Filme mit 5 Millionen Views bei der Berlinale sehen wollen, wenn die Qualität stimme.

0.25 Uhr Das Programm der meisten Berlinale-Sektionen hätte auch von Schimpansen zusammengestellt werden können, sagt jemand. Wenngleich der gesamte Abend grausam unkonkret bleibt – auf die Schwäche in der Berliner Programmarbeit können sich alle einigen.

0.26 Uhr Ein Filmproduzent meldet sich zu Wort: Für die meisten wäre Berlin als Festival nur dritte oder vierte Wahl, um die Filme zu präsentieren.

0.29 Uhr Auch viele Filmkritiker würden aus Relevanzgründen nicht nach Berlin kommen, sagt Frédéric Jaeger. Nachfrage: Kannst du sagen, welche? Kann er nicht.

0.37 Uhr Es ist immer noch laut drüben, aber inzwischen ist das auch egal. Der Diskussionsraum ist eh nur noch zur Hälfte gefüllt.

0.50 Uhr RP Kahl hat eine Idee. Er glaubt nicht, dass Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters, die für die Nachfolge Dieter Kosslicks verantwortlich ist, weiß, wen sie suche. Vielleicht sollte deswegen auf den Offenen Brief nun eine Offene Stellenausschreibung folgen, ein „Fake Open Call“, in dem genau steht, was man sich von der kommenden Berlinale-Leitung wünsche und erwarte. Endlich mal eine konkrete Idee! Und damit endet der Abend auch.

1.01 Uhr Fazit: Wenn das der Zustand der Opposition gegen Kosslick ist, dann könnte er vermutlich auch bis 2030 weiter die Berlinale führen. Es soll besser kuratiert werden, von einem der mehr Ahnung hat, nur: Wie genau? Nur selten wurden Kritikpunkte und Ideen konkreter ausgeführt.  Immerhin wissen wir jetzt: Das experimentelle Format „Kneipengespräch“ hat nicht funktioniert, jedenfalls nicht an diesem lauten Ort.

Michael Brake

Wenn Katjuschka singt

Nicht gerappt, aber viel gesungen wird in dem Dokumentarfilm „Victory Day“ von Sergei Loznitsa. Der zeigt, welche emotionale Kraft der Tag des Sieges über Hitlerdeutschland bei den Russen immer noch freisetzt. Michael Brake war fasziniert von der schrägen Mischung aus Trauer, Freude, Partystimmung, die am 9. Mai alljährlich am Sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow zu bestaunen ist. Hier geht es zu seinem Steckbrief.

Body Politics in Südafrika

Wie wäre es, plötzlich im Körper eines anderen zu stecken? Lexi und ihren FreundInnen passiert bei einem Campingtrip genau das. Konflikte brechen auf zwischen den drei jungen Frauen und Thami, dem einzigen Mann, aber auch zwischen der weißen Lexi und der schwarzen Xoli. Konflikte, die symptomatisch für die gesellschaftlichen Verwerfungen in der südafrikanischen Rainbow Nation stehen. Regisseurin Jenna Bass hat mit „High Fantasy" einen Film über soziale Ungleichheiten und die Situation der Jugendlichen in Südafrika gedreht, der in der Sektion Generation 14plus läuft.

fluter: Wie kamen Sie auf die Idee, diesen Film zu machen?

2015 begannen die Studentenproteste „Fees must fall“ – das war wie ein Weckruf für mich, dass in Südafrika wirklich etwas schief läuft. Darüber wollte ich einen Film machen, bei dem man etwas über die Problematik lernt, aber der die Leute auch unterhält. Als ich überlegte, wie ich das erzählen möchte, kam mir die Idee mit den Jugendlichen, die ihre Körper tauschen.

An „High Fantasy“ ist ja einiges besonders…

Ja, der Großteil des Casts ist weiblich. Und der Film wurde komplett mit Smartphones gedreht. Außerdem ist das Drehbuch in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern entstanden. Ich bin ein großer Fan des britischen Regisseurs Mike Leigh, der die Filmfiguren in einer Art Workshop mit den Schauspielern gemeinsam erarbeitet. Meiner Meinung nach sind die SchauspielerInnen die Experten für ihre Figuren – nicht die RegisseurInnen. Wir haben also die Charaktere zusammen erarbeitet und auf dieser Basis ein Drehbuch geschrieben. Vor Ort haben wir das wieder über den Haufen geworfen und einfach improvisiert. So ist eine Natürlichkeit entstanden, die man niemals mit einem Drehbuch haben kann.

Die Figuren im Film finden sich plötzlich im Körper eines anderen wieder, haben eine andere Hautfarbe, ein anderes Geschlecht. Welche Rolle spielen diese Aspekte für die heutige Jugend von Südafrika, die nach dem Ende der Apartheid geboren wurde?

Das große Missverständnis ist, dass es diese Trennung nicht gibt: In der Vergangenheit war alles schlecht, nach der Apartheid ist alles gut. Schwarze Südafrikaner haben immer noch große Nachteile im Vergleich zu weißen, daran hat sich wenig geändert. Die Menschen leben immer noch mit all den Problemen der Vergangenheit  – Apartheid, Kolonialismus… diese Probleme bestimmen den Alltag der Menschen in Südafrika. Die „Fees must fall“-Proteste haben viele Jugendliche dazu gebracht, sich politisch zu engagieren. Zum ersten Mal seit langem gab es wieder eine nationale Jugendbewegung, weil viele Jugendliche offen gesagt haben: So kann es nicht weitergehen.

Zurzeit wird überall über die #MeToo-Debatte gesprochen. Jodie Foster schlug kürzlich vor, man könnte sich an der Wahrheits- und Versöhnungskommission orientieren, die in Südafrika nach dem Ende der Apartheid die Aussöhnung zwischen Schwarz und Weiß ermöglichen sollte.

Bei „Truth and Reconciliation“ ging es ja vor allem darum, dass Menschen offen gesagt haben, was sie getan haben, ihre Schuld offen dargelegt haben. Aber das hat sie nicht ins Gefängnis gebracht. Aber nur dadurch, dass sie es zugeben, ist es nicht getan. Auf eine Art und Weise ist es wahrscheinlich vergleichbar mit dem gesellschaftlichen Problem hinter #MeToo. Man gibt dem Täter ein Mikrofon und fragt ihn: Warum hast du das gemacht? Und danach bleibt doch alles beim Alten. Der Kern der #MeToo-Debatte ist für mich: Wenn ein Mann etwas sagt und die Frau sagt was anderes, dann glaubt man dem Mann. In Südafrika ist es eben so, wenn Weiße etwas sagen und dann Schwarze, glaubt man dem Weißen. In Südafrika würde Jodie Foster damit wahrscheinlich eine große Wut entgegenschlagen.

Simone Ahrweiler

The Usual Suspects #3

Die Berlinale wäre nicht die Berlinale ohne ... Tilda Swinton

Beruf: Schauspielerin, Berlinale-Dauergast, Stil-Ikone und Feministin

Besondere Merkmale: Ihr markantes Aussehen, ihr intensives Spiel, ihre einzigartige (Leinwand)Präsenz macht sie jedoch umso interessanter.

Warum braucht die Berlinale sie? Bis sie 2009 den Vorsitz der internationalen Jury übernahm, liefen bei der Berlinale bereits 15 Filme mit ihr. Die Schauspielerin war mit den Filmfestspielen schon immer eng verbunden und ist mittlerweile Dauergast. Wenn Kosslick ruft, kommen sie alle, heißt es immer wieder. Nun ja, vielleicht nicht alle – aber mit Oscar-Gewinnerin Swinton kommt immer wieder eine der ganz großen Hollywood-Stars nach Berlin.

Und was sagt sie selbst? „Ich bin so froh, dass ich im Jetzt lebe. Ich hänge nicht an der Vergangenheit, und von der Zukunft habe ich auch nichts zu befürchten.“

Simone Ahrweiler

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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