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Vorsicht, Genitalpanik!

Berlinale-Blog, Tag 3: Heute geht’s ans Eingemachte, aber nur zwei Minuten lang. Wir treffen einen üblichen Verdächtigen und eine Lektion in Geschichtspolitik gibt’s obendrein

Ausschnitt aus der Performance Tapp und Tastkino von Valie Export
 

Vorsicht, Genitalpanik!

Berlinale-Blog, Tag 3: Heute geht’s ans Eingemachte, aber nur zwei Minuten lang. Wir treffen einen üblichen Verdächtigen und eine Lektion in Geschichtspolitik gibt’s obendrein

Ziemlich ungemütlich ging es bei den Aktionen von Valie Export immer schon zu. Die feministische Medien- und Performancekünstlerin rollte sich mal auf der Documenta nackt über Glasscherben, ein andermal peitschte sie ihr Publikum aus und dann wieder ließ sie sich öffentlich ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren. Wenn sie nicht ihren damaligen Partner, den Künstler Peter Weibel, an der Leine durch Wien führte, stellte sie sich mit einem vor ihren nackten Oberkörper gespannten, an einen Fernseher erinnernden Kasten in die Fußgängerzone. In dem konnten Passanten die Brüste der Künstlerin für ein paar Sekunden begrabschen.

Dieses „Tapp und Tastkino“ ist wohl ihr bekanntestes Werk – und heute, wo sich alle Welt um Machtgefälle zwischen den Geschlechtern im Allgemeinen und sexuellen Missbrauch in der Filmbranche im Speziellen die Köpfe heiß reden, nicht weniger radikal als 1968, als Valie Export diese Aktion zum ersten Mal in Wien aufführte. Damals wollte die Künstlerin die Filmwirklichkeit in die reale Welt erweitern. Die Männer, die sonst im Dunkel  des Kinos die Frauen auf der Leinwand quasi beherrschten, sollten sich mit der echten Frau auseinandersetzen. Und die schaut dann eben auch zurück.

Eine nur zweiminütige Filmaufzeichnung des „Tapp und Tastkinos“, längst ein Klassiker der Performance-Kunst, läuft heute im Arsenal zusammen mit anderen Kurzfilmen aus dem Jahr 1968, die die ästhetischen Strategien der Filmemacher in diesem gesellschaftlichen Umbruchsjahr reflektieren. 1968 war ja auch ein filmischer Aufbruch. Immerhin erzwang damals eine Bande ungehobelter junger Leute den Abbruch des Festivals in Cannes (unter ihnen Jean-Luc Godard und François Truffaut). Mehr Valie Export auf der Berlinale gibt es am Dienstag, da ist sie nämlich in der Audi-Lounge zu Gast und spricht mit Deutschlandfunk Kultur über ihre Arbeit. . (ab 14 Uhr)

Felix Denk

Fake News, 1986

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Szene aus dem Berlinale Film Waldheims Walzer (Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion)
(Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion)

Auch schon ein paar Tage her, aber wieder verstörend aktuell ist der Skandal um Kurt Waldheim. Als der Österreicher 1986 als Kandidat zur Bundespräsidentschaftswahl antrat, kam heraus, dass er in der Nazi-Zeit im Reiterkorps SA war – was erstaunlich viele seiner Landsleute nicht groß störte. Er gewann die Wahl. In Ruth Beckmanns Kompilationsfilm „Waldheims Walzer“ wird die Geschichte aus der persönlichen Sicht der Regisseurin erzählt und in einen größeren geschichtspolitischen Zusammenhang gestellt. Jan-Philipp Kohlmann hat den Film gesehen – und viel darüber gelernt, wie sich in kontroversen Debatten die politischen Diskurse verschieben können. Hier geht’s zum Steckbrief.

Tipp- und Tastaturkino

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Tastaturhaufen im Pressezentrum der Berlinale (Foto: Michael Brake)
(Foto: Michael Brake)

Es wird sicher mal was schiefgehen bei der Berlinale, ein Filmvorführgerät wird streiken, der Ton mal nicht synchron sein, das VIP-Catering kalt sein, der Sekt bei der Premierenparty schal oder ein Kino überbucht. Aber eines wird sicherlich nicht passieren: dass im Presse-Schreibraum die Tastaturen ausgehen. Dafür ist gesorgt.

Michael Brake

The Usual Suspects #1

Die Berlinale wäre nicht die Berlinale ohne.... Willem Dafoe.

Beruf: Schauspieler. Chamäleon. Die Brücke zwischen Hollywood und Independent-Kino.

Auffallende Merkmale: Das zerknautschte Gesicht, die stechenden Augen, der drahtige und knochige Körper. Mit dem er alles spielen kann: Gangster, Banker, Cops, Psychologen. Oder auch Jesus, wenn's sein muss.

Warum braucht ihn die Berlinale? Um ihm in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären zu verleihen. Willem Dafoe ist die Sektion „Hommage“ gewidmet. 10 seiner weit mehr als 100 Filme laufen zu diesem Anlass auf der Berlinale: von „To live and die in L.A.“ (1985) über „Platoon“ bis hin zu „Antichrist“ (2009). Für seinen neuen Film „The Florida Project“ (ab März im Kino) ist er in diesem Jahr auch für den Oscar nominiert. Well deserved.

Und was sagt er selbst? „Meine Filme erinnern mich an die Phasen meines Lebens: was mich beschäftigt hat, in wen ich gerade verliebt war, welche Kleidung ich getragen hab. Ich sehe mir meine alten Filme an, um mich zu erinnern.“

Jan-Philipp Kohlmann

Filme, in denen Busse fahren

Gestern war die Premiere von „303“ im Haus der Kulturen der Welt, dem Eröffnungsfilm der Sektion Generation in dem schönen Saal des Haus der Kulturen der Welt. (Interview mit Hans Weingartner siehe Blog von gestern). Es geht um Jule und Jan, um die Liebe und ihre (Un-)Möglichkeit im Spätkapitalismus. Es wird ziemlich viel geredet. Der heimliche Star des Films sagt dagegen nichts. Er ist nämlich ein Camping-Bus. Chassis von Mercedes, Model O 303, Aufbau von Hymer. Da merkt man wieder mal: Gute Filme werden mit guten Bussen noch besser. Zum Beispiel...

... wenn ’s rasant wird: In „Speed“ darf der Linienbus, in dem eine Bombe versteckt ist, nicht langsamer als 50 Meilen werden.

... wenn Weltflucht gefragt ist: Was wäre der schweigsame Dichter Paterson in Jim Jarmuschs gleichnamigen Film ohne sein Notizbuch, in das er auf dem Fahrersitz seines 23er-Linienbusses vor dem Antritt seiner Schicht ein paar Gedanken und Gedichte schreibt.

... wenn es um Gerechtigkeit geht: Rosa Parks blieb sitzen. Und zwar da, wo eigentlich nur die Weißen sitzen durften. Mit ihrem Bus-Boykott im Jahre 1956 wurde sie zur Ikone der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Für die Verfilmung „The Rosa Parks Story“ bekam Angela Bassett in der Hauptrolle in den NAACP-Award als beste Hauptdarstellerin.

... wenn die Party startet: Ziemlich weit aus ihrer Comfort zone, den Clubs von Sydney, düsen die drei Drag Queens Bernadette, Mitzi und Felicia mit ihrem silbernen Schulbus in „Priscilla Queen of the Dessert“ durch die Wüste Australiens.

... wenn man irgendwie anders als die Anderen drauf ist: Im Kiffer-Klassiker Cheech & Chong ist Cheech der Schulbus-Fahrer (für die Eltern eine schreckliche Vorstellung). In seiner Freizeit kurvt er mit seinem Bong-Buddy Chong meist mit einem grünen Bus durch die kalifornischen Berge.

Felix Denk

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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