Thema – Berlinale

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Rot, schwarz oder grau?

Heute startet die 68. Berlinale. Wie wird das Festival mit #MeToo umgehen? Was geht auf dem Teppich ab? Und welche Farbe hat der nun? Tag 1 unseres Berlinale-Blogs

Berlinale
(Daniel Seiffert)

Mehr als ein Stück Stoff war er ja schon immer, der rote Teppich. Wer auf ihm geht, steht im Mittelpunkt – aber eben nicht mehr über den Dingen. Aktuell ist er der Schauplatz eines Kulturkampfs. Hier finde ein absurdes Defilee überholter Geschlechterrollen statt, kritisiert die Schauspielerin Anna Brüggemann mit ihrer #nobodysdoll-Initiative, die dem alljährlichen Aufmarsch auf High Heels etwas entgegensetzen will. Auf den Potsdamer Platz ist gerade der rote Teppich ausgerollt. Ja, der rote. Schwarz, wie die Schauspielerin Claudia Eisinger in einer Petition an Festival-Chef Dieter Kosslick forderte, die in Windeseile 21.000 Unterschriften sammelte, wird er doch nicht. Eisinger wollte damit gegen Sexismus in der Filmbranche protestieren. Gestern ging kurzzeitig das Gerücht um, es könnte sogar ein grauer Teppich werden. Aber das waren dann doch nur die Schutzfolien. Die 68. Berlinale hatte noch nicht begonnen, da hat sie mit #metoo schon ihr zentrales Thema gefunden.

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Abgedeckter Roter Teppich  (Foto: Michael Brake)
(Foto: Michael Brake)

Wie wird es also dieses Jahr laufen? Wie bei den Verleihung der Golden Globes Anfang Januar? Da kamen viele Stars in Schwarz, aus Solidarität mit den Opfern sexuellen Missbrauchs in der Filmbranche. Oder wie beim Deutschen Fernsehpreis vor drei Wochen, wo kein Wort zum Thema zu hören war, obwohl mit Dieter Wedel ein prominentes Fernsehgesicht schwer belastet wird. Stattdessen steppte die Moderatorin Barbara Schöneberger eine Showeinlage mit fastnackten Tänzerinnen in Bananenröckchen. 

Sicher ist: Wenn es heute Abend mit Wes Andersons Animationsfilm „Isle of Dogs“ losgeht, wird eine aufregende, streitbare Berlinale beginnen – in der es längst nicht nur um die Filme geht, sondern um die Branche insgesamt.

Übertragen wird die Gala ab 19.20 auf 3Sat, Hardliner können aber schon ab 17.15 Uhr den Stream der Berlinale gucken.

Felix Denk

 

Und jetzt ein bisschen Publikumsbeschimpfung

Knapp 500.000 Kinobesucher kamen im letzten Jahr zur Berlinale, um sich mehrstündige untertitelte Dokus über die griechische Wirtschaftskrise oder queere Vampirfilme aus Neuseeland anzuschauen und zahlreiche weitere Werke, die es größtenteils nie ins reguläre Kinoprogramm schaffen. Das wird in diesem Jahr nicht anders sein. Die Berlinale ist eben ein „Publikumsfestival“, wie Dieter Kosslick gern betont.

Aber wer oder was ist eigentlich das Publikum? Lässt es sich bestimmen, warum manche Filme zu einem „Publikumserfolg“ werden – und andere nicht? Die „Woche der Kritik“, organisiert vom Verband der deutschen Filmkritik, gehört nicht zur Berlinale, begleitet sie aber seit einigen Jahren mit einem filmpolitischen Gegenprogramm, das auch den Klischee-Begriffen des Festivals auf den Grund gehen soll. „Malen nach Zahlen? Über Ideen vom Publikum und ihre Auswirkungen auf das Kino“ heißt die Veranstaltung am Vorabend der Berlinale und der Ort ist gut gewählt: ein Zirkuszelt auf dem Tempelhofer Feld, beides – sowohl der Zirkus als auch das Flugfeld – Orte, an denen eine besondere Form von Öffentlichkeit verhandelt wird. 

Auf dem Podium sitzen Maria Köpf aus der Filmförderung (Hamburg), der Regisseur Stephan Wagner, der Kinobetreiber Christian Bräuer (Yorck-Kinos Berlin) und die Produzentin und Filmhochschul-Dozentin Anna de Paoli. Schnell zeigt sich, dass je nach Zusammenhang mal von einer statistischen Menge (etwa: 4,75 Millionen Zuschauer sahen 2017 „Fack ju Göthe 3“), mal von einer konkreten Person („Ein Zuschauer sagte zu mir...“) und mal von einer imaginierten Größe („Das Publikum geht ins Kino, um zu träumen“) gesprochen wird. Im kreativen Schaffensprozess denke man automatisch an die Wirkung auf „den Zuschauer“ – aber da könne man nur von sich selbst ausgehen, sagt Anna de Paoli als Filmschaffende. In einer Schnellfragerunde ist man sich jedenfalls einig, dass „das Publikum“ klug und neugierig sei. Dafür, dass von Kritikern geliebte Filme an der Kinokasse scheitern, müssen also andere verantwortlich sein.

Frédéric Jaeger moderiert die Debatte und würde sie nicht veranstalten, wenn er damit so schnell einverstanden wäre. „Als Kritiker bin ich vom Publikum regelmäßig enttäuscht“, sagt er zu Beginn mit kalkuliertem Pathos. „Weil es nicht zahlreich in die Filme geht, die mir wichtig sind.“ Ein Anstoß für die Debatte ist für ihn vor allem eine neue Leitlinie für die Filmförderung in Deutschland: Filme, die Fördermittel von der eminent wichtigen Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA) erhalten, sollen nun „die Erwartungen des Publikums erfüllen“ und ein „Potential von mindestens 250.000 Besuchern“ aufweisen. Das klingt in der Tat alarmierend: Laut Jaeger erreichen 90 Prozent der deutschen Filme nicht solche Zuschauerzahlen, darunter hochgelobte Festivalerfolge wie der letztjährige Cannes-Film „Western“ von Valeska Grisebach (30.000 Zuschauer). Ohne Filmförderung sind Filme in Deutschland quasi nicht finanzierbar

Als belastbare Vorstellung vom Publikum bleiben von diesem Abend vor allem diese ernüchternden Zahlen hängen. In Frankreich, sagt die Festivalmacherin Marie-Pierre Duhamel auf dem zweiten Podium des Abends, hätte es aufgrund solcher Beschlüsse Demonstrationen gegeben und der zuständige Minister hätte einpacken können. Ach, Frankreich.

Die Woche der Kritik findet noch bis zum 22. Februar statt. Jeden Tag ab 20 Uhr laufen ein oder zwei Filme, anschließend wird über sie diskutiert.

Jan-Philipp Kohlmann

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Leitern von Papparazzis bei der Berlinale (Foto: Michael Brake)
(Foto: Michael Brake)

Reißschwenk in die Paparazzigasse

Dass die Berlinale beginnt, sieht auch daran, dass die Leitern da sind. In einer kleinen Seitenstraße neben dem Hyatt-Hotel am Potsdamer Platz stehen sie bereit, mit Fahrradschlössern an den Absperrungen befestigt. Es ist die Paparazzigasse, denn von hier starten schwere Limousinen, um mehr oder weniger berühmte Filmstars vom Hotel abzuholen, selbst wenn es nur zum knapp hundert Meter entfernten Berlinale-Palast/Roten Teppich geht. Die Leitern sind für die Pressefotografen da, um sie herum schart sich das Fußvolk, Autogrammjäger, die teilweise stundenlang in der Kälte ausharren. Als Donnerstagmittag die ersten Autos bereit stehen, sind schon viele Menschen da.

Michael Brake

Für fluter.de sind auf der Berlinale 2018 unterwegs: Simone Ahrweiler, Chrisine Stöckel, Jan-Philipp Kohlmann, Michael Brake und Felix Denk. Hier lest ihr den ganzen Blog vom letzten Jahr.

 

Titelbild: Daniel Seiffert

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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