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Kein Liebesfilm

Was man in „Beale Street“ von Barry Jenkins über das US-Justizsystem von heute und den strukturellen Rassismus in den USA lernen kann

  • 3 Min.
Szene aus dem Film Beale Street

Die Beale Street gibt’s wirklich. Die ist zwar nicht in New Orleans, wie es im Vorspann heißt, sondern in Memphis. Und der Film spielt ohnehin ganz woanders: in Harlem, also in New York. Aber das ist nicht weiter wichtig. Die Beale Street und das, was dort geschieht, stehen sinnbildlich für das schwarze Amerika. Und was Fonny und Tish zustößt, für den strukturellen Rassismus des US-Justizsystems. 

Eigentlich ist es ein Liebesfilm, den Barry Jenkins („Moonlight“) gedreht hat. Nur eben, dass die beiden frisch Verliebten sich fast immer nur durch die dicke Scheibe im Besucherraum anschauen können. Denn kaum wollen Tish und Fonny ein gemeinsames Leben beginnen, kaum hatten sie eine Wohnung gefunden, da sitzt Fonny auch schon hinter Gittern. Für ein Verbrechen, das er gar nicht begangen hat. Für das er ein Alibi hat. Und für das er ewig auf den Prozess warten muss. Er sitzt noch in Untersuchungshaft, als er erfährt, dass Tish von ihm schwanger ist. 

Den Roman hat der Literat und Bürgerrechtler James Baldwin 1974 geschrieben. Zu dieser Zeit spielt auch die Handlung. Sie könnte aber kaum aktueller sein. Was Fonny widerfährt, könnte ihm heute genauso passieren. Es ist ein typischer Fall von Racial Profiling. Bei einer Gegenüberstellung, bei der ein Vergewaltiger gesucht wird, ist er der einzige Schwarze. Verhaftet hat ihn ein offenkundig rassistischer Polizist, der ihm eins auswischen wollte. 

„Von den über zwei Millionen Gefängnisinsassen sitzen 20 Prozent ohne Prozess ein“ 

Die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen ist tief im US-Rechtssystem verankert und Teil des gigantischen prison industrial complex, der sich in den letzten 30 Jahren entwickelt hat. Obwohl im land of the free nur knapp fünf Prozent der Weltbevölkerung leben, sitzen 25 Prozent der weltweit Inhaftierten in den USA im Gefängnis. Es sind zu 37 Prozent Afroamerikaner, die aber nur 13 Prozent der Bevölkerung stellen. Das reicht weit in die Alltagserfahrungen hinein. Jedes neunte Kind hat ein inhaftiertes Elternteil. Dazu kommt: In den meisten Bundesstaaten dürfen strafrechtlich verurteilte Gefängnisinsassen nicht wählen

Die Ungleichbehandlung beginnt oft schon vor dem Prozess. Schwarze werden statistisch viel öfter von der Polizei kontrolliert als Weiße. Die von den Richtern nach einer Verhaftung festgesetzte Kaution können sich viele nicht leisten. So sitzen in den USA unzählige Menschen im Gefängnis, nicht weil sie eine Straftat begangen haben, sondern weil sie zu arm sind, die Kaution zu bezahlen. Und deshalb in Untersuchungshaft oft lange auf ihren Prozess warten müssen. Von den über zwei Millionen Gefängnisinsassen sitzen 20 Prozent ohne einen Prozess ein.

Er war im Knast. Wegen Autodiebstahl. Dabei kann er gar nicht Auto fahren

„Die können mit dir machen, was sie wollen“, das sagt sein Freund Daniel zu Fonny, als er ihn besucht. Er war im Knast. Wegen Autodiebstahl. Dabei kann er gar nicht Auto fahren, wie er erzählt. Fonny wird einfach sagen, er sei schuldig. Auf den Prozess zu warten und dort seine Unschuld zu beweisen, das scheint ihm aussichtslos. Lieber hofft er auf eine milde Strafe, indem er sagt, was Staatsanwaltschaft und Richter ohnehin von ihm hören wollen. 

Was passieren kann, wenn man ebendas nicht tut, sondern auf seiner Unschuld beharrt, das zeigt die Netflix-Doku-Serie „Time“. Hier wird die traurige Geschichte eines anderen jungen Schwarzen aus New York erzählt. Mit dem Unterschied, dass es Kalief Browder – anders als Fonny – wirklich gab. Als er mit 16 von einer Party heimkam, wurde er verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, er habe einen Rucksack gestohlen. Es gab keinen Zeugen, keine Beweise, nur die Aussage eines Mannes, um dessen Rucksack es ging. Doch der verschwand bald aus dem Land. Weil die Staatsanwaltschaft ergebnislos nach Beweisen suchte, der Teenager sich jedoch weigerte, sich schuldig zu bekennen, saß er schließlich mehr als drei Jahre in Rikers Island, einem berüchtigten Knast in New York. Und mehr als die Hälfte der Zeit in Einzelhaft. Browder wurde schließlich freigesprochen. Und dafür gefeiert. Er brachte eine landesweite Debatte ins Rollen. Ihm selbst hat das nicht geholfen. Ein Jahr nach seiner Freilassung erhängte er sich.

Tatsächlich ist die Reform des Justizsystems auch längst unter den Republikanern ein wichtiges Thema. Ende Dezember wurde von der Trump-Regierung der First Step Act verabschiedet, der eine Reihe von Hafterleichterungen bewirkt. Ein Fortschritt, sagen die einen. Höchstens der erste Schritt eines noch langen Weges, so die anderen.

Titelfoto: Tatum Mangus / Annapurna Pictures DCM

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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