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Der Dokumentarfilm „Automotive“ begleitet eine 20-jährige Leiharbeiterin bei Audi, deren Job bald wegautomatisiert werden soll

Automotive, Berlinale / Foto: Jonas Heldt

Wenn’s „der Audi“ schlecht geht, merken das alle in und um Ingolstadt: Zulieferer, Logistikunternehmen, Zeitarbeitsfirmen. 40.000 Menschen sind hier direkt oder indirekt für den Automobilhersteller tätig. Darunter ist auch Sedanur Koca, die als Leiharbeiterin in einem Güterverteilungszentrum tags wie nachts die Fließbandproduktion mit Autoteilen füttert. Sie hofft auf einen unbefristeten Vertrag, um von ihren Eltern unabhängig zu sein – und sich ein besseres Auto kaufen zu können.

80.000 Euro Jahresgehalt? Kein Problem

Rund ein Jahr hat der heute 33-jährige Münchner Filmemacher Jonas Heldt die damals 20-jährige Arbeiterin für seinen Dokumentarfilm „Automotive“ begleitet. Er zeigt sie im Arbeitsamt und mit ihrer Mutter am Küchentisch, bei der Weiterbildung zur Gabelstaplerfahrerin und beim Schminken mit einer Freundin. Sedanur ist ein Glücksfall für den Film: Unverstellt, herzlich, eine perfekte Identifikationsfigur ist sie, die auch noch andauernd gute Sprüche raushaut.

Noch weitere Figuren aus dem Audi-Kosmos treten auf, allesamt mittelalte Männerprototypen der Automobilbranche: der IG-Metall-Gewerkschafter, der Chef von Sedanurs Zeitarbeitsfirma und der Audi-Manager, der von Chancen für „Jugendliche, die leistungsmäßig in der Schule nicht so positiv aufgestellt sind“ redet.

Die zweite Hauptfigur des Films sitzt allerdings im fernen Amsterdam und ist Anfang 30. Eva Heppel – Kopfhörer im und Perlen am Ohr, Hände meist am Rechner, neben sich eine Tasse mit „Do what you love“-Aufdruck – vermittelt als Headhunterin Spezialkräfte für die Automobilindustrie. 80.000 Euro Jahresgehalt? Kein Problem. Die Menschen, die sie sucht, sollen bei Audi die Automatisierung vorantreiben und die Effizienz erhöhen – und letztlich Arbeitsplätze wie den von Sedanur überflüssig machen.

Voll das verspulte System

Jonas Heldts Stil ist nicht streng dokumentarisch: Seine Bilder sind ästhetisch inszeniert, in den Interviewsituationen durchbricht er immer wieder bewusst die sogenannte „vierte Wand“, bringt sich also selbst ein. Zwischendurch zeigt „Automotive“ Kamerafahrten durch die vollautomatisierten, fast menschenleeren Audi-Werkshallen. Unterlegt mit elektronischer Musik muten sie fast so an wie das Set eines Science-Fiction-Films.

Die Generation von Sedanur Koca, Eva Heppel und auch Filmemacher Jonas Heldt rechnet längst nicht mehr mit einer linearen Erwerbsbiografie. Welche Bedeutung spielt Arbeit in ihrem Leben? Was treibt sie an? Was macht die Automatisierung mit ihnen und dem Rest der Gesellschaft? Nimmt sie nur körperlich arbeitenden Menschen wie Sedanur die Jobs – oder irgendwann auch solchen wie Eva?

„Automotive“ gibt keine klaren Antworten, aber bietet viel Stoff zum Nachdenken. Oder um es wie Sedanur zu sagen: „Arbeit ist auch voll das verspulte System. Du machst irgendwas und bekommst dafür Geld, die ganze Zeit … bis zur Rente, und dann bist du eh schon 60. Wirst du überhaupt bis 60 leben?“

Die Dokumentation Automotive (Dokumentaristische Form, Deutschland 2020) feierte seine Weltpremiere am 22.2.2020 auf der Berlinale und läuft dort noch an vier weiteren Terminen.

Titelbild: Jonas Heldt

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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