Thema – Berlinale

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Wir müssen reden

Berlinale Blog, Tag 9: Jetzt wirds grundsätzlich. Viele Filme zeigen dieses Jahr, wie wir ins Gespräch kommen können. Also wir alle. Miteinander. Und wegen der großen Nachfrage: eine neue RAP-Zension

Szene aus dem Berlinale Film Young Solitude

Rechtspopulismus, #MeToo-Debatte oder die Aufarbeitung einer Diktaturvergangenheit  – wo drückt der Schuh grad am meisten? Für viele Themen, die uns derzeit beschäftigen, ist die Berlinale Stimmungsmesser und Stichwortgeber. Sie stößt Debatten an im eigenen Rahmenprogramm, etwa auf Diskussionsrunden wie der über sexuellen Missbrauch in der Filmbranche (Blog vom 20.02.), in den Medien, aber auch und vor allem durch die Filme. Deren Themenspektrum ist, das muss man der Berlinale lassen, enorm breit. Und oft genug geht es ans Eingemachte.

Sicher, es gab wie immer politische Spielfilme, vom leisen Klagelied („Season of the Devil“, Blog vom 18.02.) bis hin zum kontroversen Reißer („Utøya 22. Juli“). Aber Denkanstöße kamen einmal mehr aus der „dokumentarischen Form“ – ein Verlegenheitsausdruck aufgrund der brüchig gewordenen Grenze zwischen fact und fiction. Bei aller künstlerischen Vielfalt fiel ein verbindender Aspekt auf: Dem Sprechen, Zuhören und Streiten verschiedener Parteien, also dem Dialog, der dieser Tage so schwer möglich scheint, konnte man oft unmittelbar zuschauen.

Wie wir reden können

Da wäre zum Beispiel „Aggregat“ von Marie Wilke, eine Bestandsaufnahme zur Lage der Nation. Zum Forum des Dialogs wird dieser Film über Diskurs und Demokratie(-Krise), indem er Orte in Deutschland aufsucht, an denen diskutiert wird: den SPD-„Küchentisch“ für Bürgerbeteiligung, das Bundestagszelt auf dem Tag der deutschen Einheit, Redaktionssitzungen von Rundfunk und Zeitungen und eine Pegida-Demo gegen die „Lügenpresse“. Wilkes will sich dabei nicht einmischen, filmt aus der Distanz und registriert das Reden miteinander, das Aneinander-vorbei-Reden und das Reden übereinander. Die Szenen sind teils erhellend, teils bitter, manchmal aber auch witzig – und wir lernen: Wer anderen Argumenten wirklich zuhört und selbst beim Thema bleibt (Stichwort: Whataboutism), der macht schon mal einiges richtig.

Filme, die eng mit ihren Protagonisten arbeiten, bringen den Dialog hingegen durch geschickte Methoden selbst hervor: In „Premières solitudes“ schafft Claire Simon eine Bühne für Jugendliche einer sozial durchmischten Pariser Schulklasse, indem sie „Begegnungen“ an Schul- und Freizeitorten inszeniert und die Teenager über zuvor verabredete Themen sprechen lässt. Das Verblüffende: In diesen „konstruierten“ Situationen entspinnen sich ganz natürliche Gespräche, die Teenager überwinden ihre Hemmungen, sprechen offen über Herkunft, Konflikte mit den Eltern, Lebensentwürfe. „Theatre of War" (Blog vom 19.02.) spitzt diese Methode noch zu, wenn argentinische und britische Veteranen des Falkland-Krieges in künstlichen Studiokulissen umfangreich geprobte Gespräche „aufführen“ – oder sich am Bartresen über die kleinteiligen Regieanweisungen von Lola Arias aufregen.

Worüber wir reden müssen

Nicht selten sorgt eine unaufgeklärte nationale Vergangenheit für den strittigsten Gesprächsstoff. Dabei können Filmemacher einen persönlichen Zugang zur Geschichte wählen, wie etwa Bojina Panayotova, die in „I See Red People“ ihre Eltern penetrant mit deren Rolle im Spitzelsystem des kommunistischen Bulgarien konfrontiert. Es kann ein Fallbeispiel sein wie die österreichische Präsidentschaftswahl 1986, in deren Zusammenhang „Waldheims Walzer“ das Verhältnis des Landes zum Nationalsozialismus auslotet. Die Aufnahmen von aufgebrachten Debatten, die Menschen auf dem Stephansplatz über historische Schuld führen, hat Ruth Beckermann in den Archiven gefunden. Dass es für solche Prozesse nationaler Selbstfindung einen langen Atem braucht, zeigt ein Film über die Nachwehen des Militärregimes in Uruguay (1973-1985): Nur „One or Two Questions” über den Umgang mit der Diktatur stellten zwei Frauen in den 1980er-Jahren den Passanten auf der Straße – der Film dauert 237 Minuten.

Jan-Philipp Kohlmann

Genug geredet – jetzt wird gerappt

In Teil 3 unserer RAP-Zensionen sieht Damian Correa den türkischen Film „Güvercin“, in dem es ziemlich lange vor allem um Tauben geht. Bis dann doch das dicke Ende kommmt.

Film über eine Frau = Frauenfilm?

Kurzer Besuch bei den Talents, dem Berlinale-Nachwuchscampus für Filmschaffende. Hier treffen wir Anne Haug, die dieses Jahr bei dem Programm dabei war. Die 33-Jährige kommt aus der Schweiz, lebt in Berlin und spielte im Kinofilm „Lux – Krieger des Lichts“ neben Franz Rogowski.

fluter.de: Frau Haug, Sie sind in diesem Jahr eines der Gesichter der Berlinale Talents, was genau bedeutet das?

Das bedeutet, dass ich eine von 250 internationalen, jungen Teilnehmern bin und ein sehr einzigartiges Programm während der Berlinale  besuchen darf. Es gibt individuelle Veranstaltungen für alle Berufszweige der Branche, zum Beispiel für Drehbuchautoren, Regisseure, Cutter und SchauspielerInnen wie mich. Ich habe in den letzten zwei Tagen an einem Schauspielcoaching teilgenommen. Außerdem hat man natürlich Gelegenheit, viele andere Künstler kennenzulernen und sich auszutauschen.

Auf dieser Berlinale wurde viel über #Metoo gesprochen. Inwiefern hat das Thema auch bei den Berlinale Talents eine Rolle gespielt?

In ziemlich vielen Unterhaltungen am Rande der Veranstaltungen ging es auch um #Metoo und die vielen Themen die zu der Bewegung gehören. So viele Diskussionen wie in diesem Jahr habe ich auf keiner Berlinale zu diesem Thema erlebt. Das freut mich. Die Menschen machen sich Gedanken.

Worüber genau?

Ich habe auch mit Männern über #Metoo gesprochen, bei denen eine Art Verunsicherung herrscht. Ich habe mich zum Beispiel mit einem Regisseur unterhalten, der gerade ein Drehbuch schreibt, in dem es Passagen gibt, die er im Zuge der Debatte nun ganz anders sieht. Ich finde diese Verunsicherung aber ganz wichtig und empfinde sie nicht als negativ. Nur so kann man Dinge hinterfragen.

Im Tipi am Kanzleramt wurde am Montag über sexualisierte Gewalt in der Filmbranche gesprochen und auch darüber, was man am Set verbessern könnte. Zum Beispiel durch Anlaufstellen oder einen Verhaltenskodex. Was sagen Sie dazu?

Ich finde die Idee einer Anlaufstelle, vielleicht sogar einer deutschlandweiten Anlaufstelle, gut. Es muss einen Ort geben, an den man sich wenden kann. Übrigens sollte es die Stelle auch für andere Branchen geben. Gleichzeitig finde ich, dass man sein Bewusstsein am Set schärfen sollte. Sowohl die Regisseure als auch die Kollegen. Ein füreinander Einstehen ist total wichtig. Und dass man sich traut, den Mund aufzumachen, wenn es sein muss.

Was sollte sich noch ändern?

Ich bin für eine Quote. Und ich glaube, wenn mehr Frauen als Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Kamerafrauen, Cutterinnen und so weiter an Filmsets arbeiten, weicht das alte Machtstrukturen auf.

Was für Frauencharaktere spielen Sie normalerweise?

Meine erste Hauptrolle war in Isabell Šubas Film „Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste“, einer improvisierten Fake-Doku über das Filmfest in Cannes. Dort habe ich eine unabhängige Frauenfigur gespielt. Die hat mich in eine tolle Richtung gelenkt, ich hab seither viele sehr selbstständige und freiheitsliebende Frauen gespielt.

Diese Rollen sind nicht selbstverständlich. Meistens haben Frauen weniger Sprechanteil als Männer im Film und verschwinden ab 35 Jahren langsam von der Leinwand. Warum?

Ich glaube, dass über Filmstoffe oftmals – von Produzentenseite, Sendern oder auch Autoren – so gedacht wird: Eine Geschichte über eine Frau ist eine Geschichte über eine Frau. Und eine Geschichte über einen Mann ist eine allgemeingültige Geschichte. Ein Film mit einer Frau in einer Hauptrolle ist schnell ein sogenannter Frauenfilm. Und bei einem Film mit einem Mann in einer Hauptrolle müssen schon 15 weitere Männer mitspielen, dann erst ist es ein Männerfilm. Es gibt aber langsam andere Rollen für Frauen. Und ihre Rollen werden auch anders wahrgenommen. Auch weil ProQuote Film mit dem Vorlegen von Zahlen immer wieder ein Bewusstsein dafür schafft.

Warum sind diese Frauenfiguren wichtig?

Weil es Heldinnen braucht, an denen sich junge Frauen orientieren können. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich ihr heute immer noch Pippi Langstrumpf vorlesen. Das ist gut, aber irgendwie auch schade.

Christine Stöckel

Kein Heimspiel – Serien auf der Berlinale

Weltpremieren von Fernsehserien sind längst fester Teil des Berlinale-Kanons. Dieses Jahr mit dabei: „Bad Banks“ und „Heimebane“, zwei Serien, in denen sich weibliche Hauptfiguren in von Männern dominierten Teilen der Gesellschaft behaupten müssen. In Heimebane ist das Fußball. Helena Mikkelsen (Ane Dahl Torp) ist die erste Frau auf einem Trainerposten in der ersten norwegischen Männerfußballliga. Ihre Aufgabe: einem hoffnungslos unterlegenen Aufsteiger den Klasserhalt sichern. Doch schon in der ersten Teamsitzung wird klar, dass sie sich erstmal gegen den Platzhirsch und Mannschaftskapitän behaupten muss.

„Bad Banks“ hat eine ungleich schrillere Tonlage. Die Serie beginnt mit Ausschreitungen im Frankfurter Finanzviertel, die Pleite einer deutschen Großbank versetzt Kleinsparer in Panik. Danach tauchen wir ein in die zynische Glasbauten-und-Overperformance-Welt des Investmentbankings. Im Mittelpunkt und immer unterwegs zwischen Brüssel, Frankfurt, Luxemburg: die hochbegabte Jana Liekam (Paula Beer), die lernen muss, dass Topkenntnisse in Finanzmathematik und Steuerrecht allein nicht für die Karriere reichen.

Denn eins zeigen beide Serien: Frauen müssen schon 120 Prozent an Leistung und Kompetenz bringen, damit sie so ernst genommen zu werden wie ein Mann in der gleichen Position – und selbst das reicht oft nicht. Unfair, klar. Und auch ganz konkreter Alltagssexismus wird thematisiert, von harmlos gemeinten dummen Sprüchen bis zu brutalen Beschimpfungen am Telefon.

Während es bei „Heimebane“ noch nicht sicher ist, ob, wann und wo die Serie in Deutschland zu sehen sein wird, steht der Ausstrahlungstermin von „Bad Banks“ unmittelbar bevor: kommende Woche auf Arte, ab dem 2. März im ZDF. In der Arte-Mediathek ist sie schon jetzt abrufbar.

Michael Brake

The Usual Suspects (4)

Die Berlinale wäre nicht die Berlinale ohne… die Tasche

Beruf: Sie ist Werbegeschenk und Packesel für die unzähligen akkreditierten Festivalgäste. Für alle anderen gibt es sie auch im Berlinale-Shop zu kaufen.

Besondere Merkmale: Ihre Wandlungsfähigkeit. Jedes Jahr sieht die Tasche anders aus und spiegelt – wenngleich mit einer gewissen Verzögerung – die Trends urbaner Tragemode wieder. In den Nullerjahren trat sie lange in Form der seitlich getragenen Umhängetasche auf, seitdem gab es sie es sie mal Jutebeutel, mal in Kartoffelsackstoff oder Filz gehalten, mal mit Anschnallgurt-Trageriemen. Seit 2016 hat die Festivaltasche zur Rucksackform gefunden, wobei sie sich dieses Jahr mit ihrem Toploader-Rollverschluss deutlich an Fahrradkuriertaschen orientiert.

Warum braucht die Berlinale sie? Während des Festivals trennt sie rund um den Potsdamer Platz das Festivalvolk von Touristenhorden und schafft so ein Gemeinschaftsgefühl. So richtig zum Distinktionsobjekt wird sie erst im Anschluss: „Schaut mal, ich war auf der Berlinale. Und zwar schon 2009!", das wollen ihre Träger mit ihr sagen.

Und was sagt sie selbst? „Ich werde herumgetragen und komme in jede Weltpremiere. Besser geht es doch nicht.“

Mbr

Was bisher geschah? Die ersten acht Tage unseres Berlinale Blogs findest Du hier.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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