Thema – Berlinale

ABO
Mediathek

Kino im Knast

Berlinale Blog, Tag 10: Heute mit einem ganz besonderen Gastspiel in der JVA Tegel, dem definitiven Berlinale Soundtrack und der letzten RAP-Zension des laufenden Wettbewerbs

Berlinale-Filmvorführung in der JVA Tegel

Heute Abend ist auch im Gefängnis ein roter Teppich ausgerollt. Der Weg durch die Sicherheitsschleuse führt vorbei an dem Trakt der sozialtherapeutischen Anstalt, in einen großen Innenhof. Hier ragt ein roter Backsteinbau, in denen Häftlinge untergebracht sind, hinter dem Wärter hervor, der in seiner blauen Uniform, mit dickem Schlüsselbund in der Hand, gerade über den Teppich läuft und einen Trupp Journalisten hereinführt.

Es ist Freitagabend, eine nicht-öffentliche Sonderveranstaltung der Berlinale in der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Tegel; einem der ältesten und größten Gefängnisse Deutschlands, in Berlin-Reinickendorf. Etwa 850 Häftlinge, alles Männer, sitzen hier ihre  Freiheitsstrafen ab, manche lebenslang. Heute Abend soll es aber einmal nicht um die Haft gehen, sondern darum, ein Kinoerlebnis hinter die Mauern des Gefängnisses zu holen.

Man wolle kulturelle Teilhabe ermöglichen, begründete Festivalchef Dieter Kosslick die ungewöhnliche Vorstellung im Vorfeld. Der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt, der in einer der vorderen Reihen sitzt, sagt, man könne mit solchen Screenings das Leben in Haft dem Leben in Freiheit ein Stück weiter angleichen. Auch Regisseur Lars Kraume ist gekommen. „Das schweigende Klassenzimmer“, das heute in der JVA Tegel gezeigt wird, ist sein Film. „Ich bin hier, um Ihre Fragen zu beantworten“, sagt er. Kurze Pause. „Wenn Sie welche haben.“ Der Abend wirkt wie eine unsichere Annäherung zwischen Häftlingen, Journalisten und Filmteam im Raum.

bildschirmfoto_2018-02-24_um_16.12.47.png

Berlinale Sondervorführung von "Das schweigende Klassenzimmer" in der JVA Tegel (Foto: Peter Kreibich)
Die sind nur zu Gast im Knast: Regisseur Lars Kraume mit dem Team des Film "Das schweigende Klassenzimmer", der im Rahmen des Berlinale-Kiez-Kinos in der JVA Tegel gezeigt wurde. (Foto: Peter Kreibich)

Nach seinem Erfolgsfilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ hat Kraume erneut einen Stoff der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgegriffen. „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt die wahre Geschichte einer DDR-Schulklasse, die sich 1956 mit den Demonstranten des Ungarischen Volksaufstands solidarisiert. Durch ihre Schweigeminute im Geschichtsunterricht gerät sie zwischen  die Fronten der Politik.

Viele Häftlinge ziehen an diesem Abend Parallelen des Filmes zu ihrem Leben. „Im Film herrscht so eine Unfreiheit, die herrscht hier auch“, sagt einer in der Diskussion. Ein anderer meint : „Ich habe mich im Film der Macht ausgesetzt gefühlt und mich so ohnmächtig gefühlt, wie oft auch hier.“ Spätestens als der DDR-Bildungsminister, gespielt von Burghart Klaußner, in der Schule auftaucht und wissen will, wer der Kopf hinter der Schweigeminute ist, spitzt sich die Handlung zu. Mal werden die Schüler von ihren Eltern, mal von den SED-Funktionären ins Kreuzverhör genommen.

Der Film wirft die ganz großen Fragen auf. Nach Schuld und Unschuld, nach Solidarität und Verrat, nach Lüge und Wahrheit. Im anschließenden Gespräch geht es verhaltener zu. Die meisten Fragen kreisen um die Zeit, in der die Geschichte spielt, und wie sie sich von heute unterscheidet.

Ein älterer Insasse, der seine grauen Haare zum Zopf zusammengebunden trägt, schildert seine Erinnerungen an den Osten, wo er wie einige andere im Publikum geboren wurde. Viele der Gefangenen aus der Justizvollzugsanstalt in Brandenburg wurden auch nach der Wende in die JVA Tegel verlegt.

Als Regisseur Lars Kraume den Saal verlassen will, fragt einer der Häftlinge nach einem Autogramm. Ein bisschen hat der Abend in der JVA Tegel vielleicht doch etwas von Berlinale und rotem Teppich, auch wenn unten am Eingang längst die Aufräumarbeiten begonnen haben, als die Journalisten den Saal verlassen. Eine der Justizvollzugsbeamtinnen bahnt sich den Weg durch die kleine Gruppe nach vorne: „Ohne Schlüssel kommen Sie hier nicht raus.“

Nikola Endlich

RAP-Zension #4: Museo

Ein länger Gefängnisaufenthalt könnte auch den Juan und Wilson blühen, die im Wettbewerbsfilm „Museo“ einen Kunstraub begannen haben. Ob sich der Film lohnt, das weiß unser rappender Rezensent Damian Correa.

Ballett der Gabelstapler

 

Größtenteils in geschlossenen Räumen spielt auch der Wettbewerbsfilm „In den Gängen“ von Thomas Stuber. Allerdings im Großmarkt, nicht im Gefängnis. Einen kurzen Auftritt hat auch Stapelfahrer Klaus, der es 2001 bis auf die Filmfestspiele von Cannes schaffte. Und „In den Gängen“? Simone Ahrweiler würde sich freuen, wenn dieser so zärtliche Film rund um die Flurfördermittel einen Bären abräumen würde. Hier geht es zum Steckbrief.

Auch kein Paradies

Ein lauter Knall beendet das hypnotische Spiel der polynesischen Trommeln : Wie disruptiv der französische Kolonialismus im südlichen Pazifik wirkte, das hört man schon nach wenigen Minuten des Films „Ma'Ohi Nui, in the heart of the ocean my country lies“. Der Knall kommt von einem Atomtest. Von 1966 bis 1996 zündeten die Franzosen 193 Bomben, 46 davon oberirdisch. Was das für das Volk der Ma‘ohi bedeutete, die auf den umliegenden Atollen lebten, das erzählt der Film von Annick Ghijzelings so eindrucksvoll wie bedrückend.

Ihr Film erzähle die Geschichte von zwei Kolonialisierungen, sagt die belgische Regisseurin bei der Premiere. Die Erste war militärisch, die Zweite leiser, aber nicht weniger folgenschwer. Durch die wirtschaftliche Hilfe, die die Ma’ohi nach ihrer Umsiedlung erfahren haben, hätten sie sich von ihren Traditionen entfremdet. Viele wohnen auf Tahiti in Wellblechhütten genau neben der Landebahn des Flughafens. Die ehemals großen Seefahrer haben ihre Traditionen vergessen. Sie fahren nicht mehr mit ihren Booten über die Atolle, sie fischen nicht, betreiben keine Landwirtschaft mehr, haben ihre Sprache verlernt. Zur kulturellen Entwurzelung kam die ökonomische: Sie haben ihre traditionelle Lebensgrundlage verloren und hangeln sich von Job zu Job, wenn sie denn einen bekommen. Zaghaft findet auch eine Rückbesinnung statt. Doch ein leichter Weg ist das nicht. Denn der Schatten des Kolonialismus ist lang.

Felix Denk

Die Soundtrack-Hits der Berlinale

Festivals sind Ausnahmezustand. Man schaut drei oder vier, manchmal fünf Filme an einem Tag, und, zugegeben, vieles hat man auch schnell wieder vergessen. In Erinnerung bleiben oft Szenen, in denen der Soundtrack besonders stark zum Tragen kommt. Deshalb hier unsere ganz persönlichen Soundtrack-Hits der Berlinale – und warum wir uns an die Momente in den Filmen erinnern werden.

 The West Coast Pop Art Experimental Band: I Won't Hurt You
(aus „Isle of Dogs“ von Wes Anderson)

Was wäre Wes Anderson ohne seine Soundtracks? Auf der Kultskala von Filmnerds kommen sie jedenfalls nur knapp hinter denen von Quentin Tarantino. Was dabei nie fehlen darf: Ein verträumter Psychedelic-Track aus den späten Sixties. In „Isle of Dogs“ wird „I Won't Hurt You“ sogar zum Leitmotiv. Immer wenn Atari und die Hunde-Gang zur nächsten Etappe ihrer Reise aufbrechen, setzt der Song ein.

Gianni Bella: Questo Amore Non Si Tocca
(aus „Figli mia – Daughter of Mine“ von Laura Bispuri)

In „Figlia mia“ ist Vittoria zerrissen zwischen ihrer Adoptivmutter und ihrer leiblichen Mutter Angelica, die sie nach der Geburt fortgab. Eine Annäherung an Angelica, einer impulsiven Draufgängerin, entwickelt sich erst nur zögerlich – bis die beiden miteinander tanzen. Aus dem Autoradio plärrt ein schlüpfriger Italoschlager, Angelica singt inbrünstig mit und Vittoria entdeckt, das sie auch kein Kind von Traurigkeit ist. Einen Ausschnitt der Szene gibt's hier.

Talking Heads: Road to Nowhere
(aus „Transit“ von Christian Petzold)

Christian Petzold setzt nur spärlich Songs in seinen Filmen ein. Aber wenn, dann haben sie auch was zu erzählen. In „Transit“ geht es um den Schwebezustand auf der Flucht in ein anderes Land, um die Ungewissheit, wohin es gehen wird. Das Ende bleibt offen und mit der Schwarzblende setzt passend „Road to Nowhere“ ein. Der Song habe mit seinen Gospel-Anklängen aber auch etwas Tröstliches, findet der Regisseur.

Stromae: Alors on danse
(Aus „Première Solitudes“ von Claire Simon)

„Première Solitudes“ (etwa: „erste Einsamkeiten“) ist ein kleiner Dokumentarfilm, den Claire Simon mit einer Schulklasse aus einem Pariser Vorort gedreht hat. Der Film zeigt die Kids auch auf dem Weg zur Schule, wie es heute eben alle machen: Ohrstöpsel rein, Lieblingssong einschalten, Welt kurz mal ausschalten. Besonders wichtig war der Filmemacherin, dass „Alors on danse“ von Stromae im Film ist. Der erzähle quasi die Geschichte einer Protagonistin: Scheidung der Eltern, Geldsorgen, Gerichtsvollzieher vor der Tür – aber eine trotzige Lust aufs Leben.

ACDC: Hells Bells
(aus „Khook – Pig“ von Mani Haghighi)

Hasan, ein iranischer Filmemacher mit Berufsverbot, hat einen ziemlich eindimensionalen Style: Er trägt jeden Tag Band-T-Shirts, und zwar ausschließlich von den klischeehaftesten Rockbands, die man sich so vorstellt: AC/DC, Kiss, Black Sabbath. Als er an einer Stelle des Films im Knast landet, wird es surreal. Auf dem Boden liegt ein rot leuchtender Tennis-Schläger, mit dem Hasan plötzlich Gitarre spielt. Das Riff von „Hells Bells“ setzt ein und Hasan singt auf Persisch selbstmitleidig, wie schlecht es die Welt schon wieder mit ihm meint.

Wang Chung: To Live and Die in L.A.
(aus „To Live and Die in L.A.“ von William Friedkin)

Eine Wiederentdeckung der Berlinale, dank der „Hommage“ an Willem Dafoe: Der Polizei-Thriller „To Live and Die in L.A.“ von William Friedkin aus dem Jahr 1985. Fitness-Studios, schmierige Erotikbars, VHS-Rekorder, Föhnfrisuren und Neonfarben – mehr Eighties als in diesem Film geht kaum. Fehlt nur noch treibender Synthie-Pop auf der Tonspur? Check. Die britische Band Wang Chung hat den kompletten Soundtrack geschrieben.
 

Franco Battiato: L'animale
(aus „L'animale“ von Katharina Mueckstein)

Gegen Ende von „L'animale“ gibt es eine eindringliche Szene. Die betrogene Mutter, der ängstliche Vater, die verlassene Tochter, ihr wütender Freund und ihre noch wütendere Freundin erleben parallel einen Moment der totalen Verzweiflung und singen gemeinsam das Lied von Franco Battiato, das dem Coming-of-Age-Film seinen Titel gibt. Die Kritiken zu dieser surrealen Szene schwanken zwischen kitschig und wunderschön. Sicher ist, dass es eine sehr ähnliche Szene schon mal gab, nämlich 1999 im Drama „Magnolia“ von Paul Thomas Anderson).

Jan-Philipp Kohlmann und Christine Stöckel

Fake-Film-Quiz 4

Heute das große Finale, das allerletzte Quiz. Mindestens für die nächsten 51 Wochen. Wie immer gilt: zwei dieser drei Filme laufen, so schräg das klingen mag, tatsächlich auf der diesjährigen Berlinale. Einen haben wir erfunden. Welcher ist es?  

Apartament nr. 32 (von Dorinel Corduneanu, Rumänien 2018)

Wenn Bogdan einsam ist, steigt er auf das Dach seines Plattenbaus und blickt über die Dächer von Bukarest. Eines Tages sitzt dort eine fremde Frau, Mihaela. Sie ist in Wohneinheit Nr. 32 gezogen, in der zuvor ein greiser Spitzenfunktionär der Partidul Comunist Român lebte. Die von vielen Missverständnissen begleitete Annäherung von Bogdan und Mihaela reflektiert den schwierigen Selbstfindungsprozess der postkommunistischen rumänischen Gesellschaft.

Yours in Sisterhood (von Irene Lusztig, USA 2018)

Frauen unterschiedlicher Hintergründe und Herkunft lesen und kommentieren Briefe, die in den 70er Jahren an das liberal-feministische Magazin „Ms.“ gingen. Irene Lusztig gelingt es in ihrer dokumentarischen Inszenierung, einen Fundus der Frauenbewegung in eine vielschichtige Beziehung mit der Gegenwart zu bringen. Das Wort steht dabei nur vermeintlich im Vordergrund. Dem Publikum ist es überlassen, einen feministischen Kosmos zu entdecken.

An Elephant Sitting Still (von Hu Bo, China 2018)

In der nordchinesischen Stadt Manzhouli soll es einen Elefanten geben, der einfach nur dasitzt und die Welt ignoriert. Manzhouli wird zur fixen Idee für die Helden dieses Films, zum erhofften Ausweg aus der Abwärtsspirale, in der sie sich befinden. Hu Bo, der in China bereits mit seinen Romanen Aufsehen erregte, gibt mit diesem vierstündigen Porträt einer Gesellschaft von Egoisten sein elektrisierendes Regiedebüt.

Michael Brake

Und für alle Willensstarken, die beim letzten Quiz vom Donnerstag dem Googledrang widerstehen konnten: No me olvides war eine Erfindung. Über einen Besuch von Alejandro González Iñárritu auf der Berlinale würden wir uns aber wirklich sehr freuen!  

Was gestern so los war auf der Berlinale? Das erfahrt ihr hier.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

0 Kommentare
Meine Meinung dazu...