Zwei Personen im Gespräch, eine Frau blickt aufmerksam auf ihr Gegenüber

„Wer zuhört, stärkt das Gefühl der Zugehörigkeit“

Die Journalistin Anja Schauberger hielt sich für eine gute Zuhörerin – bis sie vergangenes Jahr merkte: Stimmt gar nicht! Deswegen hat sie ein Buch darüber geschrieben. Wie also soll Zuhören gehen? Und was hat es mit Demokratie zu tun?

Interview: Kathrin Hollmer
Thema: Demokratie
3. Juli 2026

fluter.de: Mir fällt oft auf, dass man mit manchen Menschen kaum ein richtiges Gespräch führen kann, weil sie zwei Stunden lang nur von sich erzählen und keine einzige Rückfrage stellen. Dabei halten sich sehr viele Menschen für gute Zuhörer:innen. War das bei dir auch so?

Anja Schauberger: Ja, ehrlich gesagt schon, auch weil ich als Journalistin einfach viel zuhören muss. Dann ist es mir in einem Vorstellungsgespräch passiert, dass ich überhört habe, was mein Auftrag sein soll, und ich ein viel zu niedriges Honorar verlangt habe. Außerdem hat mir mein Freund vorgeworfen, dass ich ihm nicht richtig zuhöre. Als ich mich dann mehr mit dem Thema beschäftigt und im Münchner Zuhörraum hospitiert habe, ist mir aufgefallen, dass ich das wirklich nicht so gut kann, wie ich dachte.

Wie hast du das gemerkt?

Da war eine Frau, die von ihrer Neurodivergenz erzählt hat, und mir fiel es unglaublich schwer, nicht dazwischenzureden, von mir zu erzählen, Tipps zu geben – sie einfach reden zu lassen. Außerdem lächle ich im Gespräch ständig, um dem anderen ein gutes Gefühl zu geben.

Und das ist schlecht?

Ich habe als Rahmen für das Buch eine zehnwöchige Zuhör-Weiterbildung gemacht. Dabei lernt man, dass man Blickkontakt hält, wenn der andere spricht, aber nicht aufmunternd nickt oder lächelt. Wenn man die eigene Mimik und Gestik zurückschraubt, erzählt der andere wirklich freier.

 

„Ich versuche, nicht immer gleich etwas Eigenes zu erzählen oder das Gesagte auf mich zu beziehen. Und ich bemühe mich, Gesprächspausen zuzulassen, weil der andere dann oft viel mehr erzählt“

Du hast für dein Buch unter anderem eine Paartherapeutin, eine Pfarrerin, einen Zuhör-Coach und einen Barkeeper um Zuhör-Tipps gebeten. Welche unterschiedlichen Eindrücke hast du da bekommen?

In den Gesprächen wurde deutlich, wie unterschiedlich Zuhören je nach Kontext funktioniert. Die Pfarrerin erklärte, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen: Weil ihr Beruf zu einem großen Teil aus Zuhören besteht, kann sie nicht jederzeit für jedes Gemeindemitglied da sein. Mit dem Zuhör-Coach ging es um die Verbindung zwischen Sprechen und Zuhören. Seine Überzeugung – der ich nur zustimmen kann – lautet: Wer seine eigenen Themen auflösen konnte, hat mehr Platz für die des anderen. Der Barkeeper wiederum beschrieb Zuhören als Form von Emotionsarbeit. Ähnlich wie Pflegekräfte oder Taxifahrer:innen muss er freundlich und aufmerksam sein, gleichzeitig aber lernen, die Geschichten und Gefühle der Gäste nach Feierabend nicht mit nach Hause zu nehmen.

Was hast du daraus für deinen Alltag mitgenommen?

Ich versuche, nicht immer gleich etwas Eigenes zu erzählen oder das Gesagte auf mich zu beziehen. Wenn es mir doch passiert, fällt mir das schneller auf, und ich kann gegensteuern. Ich bemühe mich, Gesprächspausen zuzulassen, weil der andere dann oft viel mehr erzählt. Und ich stelle mehr Fragen, gerade wenn ich etwas nicht verstehe. Früher habe ich einfach genickt, wenn ich zum Beispiel einen Film nicht kannte, über den jemand gesprochen hat, weil ich nicht blöd dastehen wollte.

Zuhören klingt vermeintlich selbstverständlich wie Atmen oder Sehen. Ist Zuhören eine unterschätzte Fähigkeit?

Ich finde schon. An Volkshochschulen gibt es Rhetorik- und Präsentierkurse, und in der Arbeitswelt sind oft die vorne, die gut sprechen können. Im Privaten wird es schon eher geschätzt, wenn jemand gut zuhören kann, und es fällt auf, wenn jemand das nicht kann. Was mich inzwischen fast wütend macht, ist, wenn der andere im Gespräch ständig in der Gegend herumguckt oder auf der Smartwatch E-Mails checkt. Da habe ich das Gefühl, er ist gedanklich gar nicht bei mir.

„Wer lernt, besser zuzuhören, hört sich auch selbst besser zu“

Woran könnte das liegen, wenn es schwerfällt zuzuhören?

Wir bekommen jeden Tag so viel Input – in den Nachrichten, über Social Media und in Begegnungen. Gerade habe ich in einem Artikel die These gelesen, dass wir heute an einem Tag so viele Informationen verarbeiten wie ein Bauer im Mittelalter in seinem ganzen Leben. Wenn man dann abends eine Freundin in der Bar trifft, will man eher abladen als noch mehr aufnehmen. In der Zuhör-Weiterbildung hat mich überrascht, dass ich mich auch selbst so gut kennengelernt habe über das eigene Sprechen. Wer lernt, besser zuzuhören, hört sich auch selbst besser zu. Wenn ich merke, dass ich gerade keine Kapazitäten für ein Gespräch habe, sage ich heute: Lass uns später eine Runde spazieren gehen, dann kann ich besser zuhören.

Gleichzeitig scheinen Angebote wie Zuhörbänke, -kioske und -räume zu boomen.

Einsamkeit ist sicher ein Grund dafür. Im Münchner Zuhörraum habe ich gemerkt, dass die Leute vor allem mit kleinen Sachen kommen, viel öfter als mit großen, schweren Themen. Eine ältere Frau hat zum Beispiel erzählt, dass sie sich freut, weil sie jetzt online selbst gehäkelte Sachen verkauft. Wir sind jeden Tag mit großen Themen konfrontiert: Gaza, Russland und die Ukraine, der Klimawandel. Da kann man schon das Gefühl haben, dass für die kleinen Themen kein Platz ist.

Du schreibst, Zuhören sei politisch, sogar Friedensarbeit. Warum ist das so wichtig?

Ich glaube, weil wir heute tendenziell mehr mit uns selbst beschäftigt sind, auf Social Media gewohnt sind, ständig zu senden, und durch den Zuspruch, den wir da finden, uns mehr zurückziehen und in unseren Bubbles bleiben. Während der Pandemie hat sich das verstärkt, nicht nur die Treffen mit Freunden und Kolleginnen haben plötzlich gefehlt, sondern auch der Kontakt zu fremden Menschen. Mir geht es ja auch so. Fremden Leuten zu begegnen, kostet mich als introvertiertem Menschen immer Überwindung, aber es schenkt auch Energie.

Was passiert, wenn eine Gesellschaft sich nicht mehr zuhören kann?

Die Menschen entfremden sich, und rechtsextreme Parteien profitieren von Spaltung und Isolation. Wobei man auch hinterfragen sollte, was jemand meint, wenn er sagt: Die da oben hören ja nicht zu. Eine Studie der University of Pennsylvania hat gezeigt, dass wir uns schlechter gehört fühlen, wenn andere nicht unserer Meinung sind.

 

„Es ist so wichtig, dass wir immer wieder raus aus unseren Bubbles treten, und gerade da bringt uns Zuhören weiter. Wenn man das einmal in der Woche oder im Monat schafft, hat man schon viel gewonnen“

Viele fühlen sich also nicht gehört, obwohl ihnen eigentlich zugehört wird?

Manche, ja. Anderen wird vielleicht wirklich nicht gut zugehört. Darum ist es so wichtig, dass wir immer wieder raus aus unseren Bubbles treten, und gerade da bringt uns Zuhören weiter. Wenn man das einmal in der Woche oder im Monat schafft, hat man schon viel gewonnen.

Wie machst du das?

Neulich saß ich in einem Taxi, und der Fahrer war so überrascht, dass ich mit ihm reden wollte. Es wäre einfacher gewesen, auf der Rückbank zu sitzen und in mein Handy zu gucken. Diese Chancen könnten wir im Alltag öfter wahrnehmen. Der Verein „Mehr Demokratie“ führt einmal im Monat fremde Menschen per Videokonferenz zusammen. In Vierergruppen erzählt man, wie es einem mit einem festgelegten politischen Thema geht. Als ich teilgenommen habe, ging es um die Debatte, wer in Deutschland zum „Stadtbild“ dazugehört. Meine Gedanken, meine Wut und Angst zu diesem Thema habe ich da zum ersten Mal laut ausgesprochen, und ich hatte das schöne Gefühl, dass sie wichtig sind, einfach weil mir zugehört wird. Ich streite regelmäßig mit einem Freund, der politisch ganz anders tickt als ich, das ist anstrengend, aber auch bereichernd.

Zu einem guten Streit gehört gutes Zuhören. Wann sollte man etwas erwidern und wie?

Zuerst einmal müssen wir besser darin werden, den anderen ausreden zu lassen, statt sofort etwas zu erwidern. Wie Claudine Nierth von „Mehr Demokratie“ sagt: Viele verwechseln Zuhören mit Zustimmen. Im zweiten Schritt finde ich es wichtig zu verstehen, wo der oder die andere herkommt: Wie kommt es zu der Meinung? Welches Gefühl steckt eigentlich dahinter? Ist es Angst, Sorge oder Traurigkeit? Denn Empathie verbindet uns auch im Streit. Wenn man zum eigenen Standpunkt kommt, ist es wichtig, bei sich zu bleiben, die andere Meinung nicht abzuwerten und ausreden zu dürfen. Mir hilft auch, nicht allzu emotional zu sein, denn aus der Wut heraus führe ich nie gute Diskussionen. Wenn man die spürt, darf man sich auch abgrenzen – den Raum verlassen, um den Block gehen und zurückkehren, wenn man sich beruhigt hat.

Aber schafft man es, jemandem wirklich zuzuhören, der ganz anders tickt?

In gewisser Weise ist es einfacher, einer Person mit einer gegensätzlichen Position zuzuhören, weil man automatisch aufmerksamer ist, wenn jemand nicht unserer Meinung ist. Und dann sage ich mir immer wieder bewusst, dass ich den anderen so sein lassen muss, wie er ist – und dass es der Austausch ist, um den es geht. Zuhören bringt uns immer weiter. Es gehört zur Demokratie, dass das, was ich denke und was mir wichtig ist, Platz findet. Wer gehört wird, fühlt sich zugehörig, und wer zuhört, stärkt das Gefühl der Zugehörigkeit.

Portrait von Anja Schauberger

Anja Schauberger, geboren 1990 in München, arbeitet als freie Journalistin und Autorin unter anderem für das „SZ-Magazin“ und die Münchner Straßenzeitung „Biss“. Ihr Buch „Besser zuhören – Warum eine scheinbar einfache Sache doch so schwer ist“ ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Foto: Flo Stiebing

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Titelbild: Ryan Brabazon/Kintzing/Connected Archives