Sollten Zoos verboten werden?
Tiere in Gefangenschaft halten, damit wir Menschen sie uns angucken können – dient das der Wissenschaft und dem Artenschutz? Oder nur unserem Vergnügen? Wir streiten
Ja! Mit dem Geld ließen sich die Tiere besser da schützen, wo sie in Freiheit leben
sagt Julia Lauter
Als ich ein Kind war, besuchte ich regelmäßig den Zoo, die Wilhelma in Stuttgart. An ein Tier erinnere ich mich besonders: See-Elefant Charly. Auf dem Schild am Beckenrand stand, dass Südliche See-Elefantenbullen bis zu sechs Meter lang werden und bis zu vier Tonnen wiegen. In Freiheit wandern Charly und seine Artgenoss*innen an den Küsten Südafrikas, Australiens, Neuseelands, Patagoniens und der Antarktika entlang, legen dabei Strecken von bis zu 4.800 Kilometern zurück und können bis zu zwei Kilometer tief tauchen. Das Becken, in dem Charly lebte, sah nicht tiefer als zehn Meter aus.
Irgendwie ahnte man schon als Schulkind, dass da etwas nicht stimmt.
Später las ich, dass Charly mit etwa 23 Jahren eingeschläfert werden musste. In seinem Magen wurden Münzen und Stofftiere gefunden, die vermutlich zu seinem Tod geführt hatten. Und er war bei weitem nicht der Einzige: Verschluckte Jacken, Rucksäcke, Bälle und Kleingeld lassen Zootiere qualvoll sterben. In allen Zoos der Welt müssen die Tiere aufwendig vor der Gedankenlosigkeit der Besucher*innen geschützt werden.
Bei der Haltung wilder Tiere ging es schon immer um Unterhaltung
Wahrscheinlich wäre Charlys Leben in Freiheit deutlich kürzer gewesen, im Zoo war er besser versorgt als in den Weiten des Ozeans. Doch deshalb war er nicht in Stuttgart. See-Elefanten galten auch in den 90er-Jahren als nicht gefährdet. Charly war ein Publikumsmagnet, weil er bei den Fütterungen einen rhythmischen Grunzgesang anstimmte und dafür mit Heringen belohnt wurde.
Bei der Haltung wilder Tiere im Zoo ging es schon immer um Unterhaltung. Die Wilhelma ist mit 1,8 Millionen Besucher*innen pro Jahr eine der beliebtesten Freizeiteinrichtungen Baden-Württembergs neben dem Europa-Park und dem Mercedes-Benz-Museum.
Zoobefürworter*innen sagen, dass die Tiere heutzutage besser gehalten werden und dass Zoos heute wichtige Institutionen für die Umweltbildung sind. Aber lernen Kinder wirklich mehr über einen See-Elefanten, wenn sie ihn in einem Becken liegen sehen, statt mit zwei Klicks eine Tierdokumentation über sein Leben in freier Wildbahn anzuschauen? Als der erste Zoo Deutschlands 1844 eröffnet wurde, gab es diese Option nicht. Heute macht sie das Tier-Ausstellen überflüssig. Die Zoo-Industrie, die 2017 in Deutschland bereits 300 Millionen Euro pro Jahr umsetzte, ist damit jedenfalls nicht mehr zu rechtfertigen.
Dass Arten in Zoos „erhalten“ werden, bleibt ein Scheinargument. Denn lebende Arten sind keine Briefmarken
Ja, seit den 90ern hat sich zwar einiges getan: Viele Zoos setzen sich heute für den Artenschutz ein. Die Stuttgarter Wilhelma gibt etwa über eine Million Euro jährlich für Projekte zum Schutz und für die Wiederansiedlung von bedrohten Magnolienarten, Harlekinfröschen und Capybaras aus, setzt sich für bedrohte Reptilienarten in deren Lebensräumen ein und vermehrt Orchideen, die durch den Klimawandel bedroht sind. Aber könnte man das Geld nicht andernorts sinnvoller nutzen? Die Zoos in unseren Städten erhalten jährlich Zuschüsse aus öffentlichen Haushalten in Millionenhöhe, die baden-württembergische Landesregierung sicherte der Wilhelma über 50 Millionen Euro für eine neue „Elefantenwelt“ zu. Für diese Summe könnte kann man viele Asiatische Elefanten auf Borneo vor Wilderei oder der Abholzung ihres Lebensraumes schützen.
Dass Arten in Zoos „erhalten“ werden, bleibt ein Scheinargument. Denn lebende Arten sind keine Briefmarken. Wenn ihr Lebensraum verschwindet, sollten wir sie nicht fern der Heimat „sammeln“, sondern alle finanziellen Mittel für den Schutz ihrer Habitate einsetzen.
Wer wilde Tiere sehen will, der gehe in den Wald. Er ist voller Amphibien, Schmetterlinge, Vögel, Rehe und Wildschweine. Man muss ihnen keine künstlichen Welten bauen, um zu begreifen, dass Naturschutz vor unserer Haustür anfängt und unser aller Verantwortung ist.
Nein! Zoos sind wie ein Spiegel – sie zeigen uns, was wir zerstören
findet Lea Ernst
Ich weiß noch, wie ich es zum ersten Mal sah. Dieses fantastische Tier, wie eine zum Leben erweckte Kinderzeichnung. Bei dem absolut nichts zusammenpassen wollte, vom borstigen Schwanz über die abgefahrene Musterung bis zum Rüssel, mit dem es winzige Insekten verschlingt. Was zur Hölle, dachte ich, so ein Fabelwesen existiert wirklich? „Vielleicht nicht mehr lange“, erklärte mir der beflissene Rentner mit Zoo-Cap. Einer von zahlreichen Freiwilligen.
Der Große Ameisenbär stehe auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten. Vielerorts gelte er bereits als ausgestorben. Der Rentner lief gerade erst warm: „Schritt für Schritt zerstören wir seine Welt, Pestizide und Wilderer tun ihr Übriges.“ Ich guckte zur Glasscheibe und dem Schnitzelboden dahinter. Groß kam mir dieses Gehege nicht vor. Im Vergleich zu der Welt da draußen trotzdem seltsam behütet. Abgeschirmt von uns Menschen.
Statt Tiere nur zur Schau zu stellen, erklären moderne Zoos zunehmend Zusammenhänge, Ökosysteme und deren Zerstörung
Im Moment lebt der Ameisenbär nicht im Zoo Zürich. Sein Gehege wird zu einer 11.000 Quadratmeter großen Anlage ausgebaut, die ein riesiges brasilianisches Feuchtgebiet nachbilden soll, das Pantanal. Dort wird er mit Flachlandtapiren und anderen bedrohten Arten zusammenleben. Denn zum Glück haben sich unsere Ansprüche verändert. Moderne Zoos kommen langsam von dem weg, was sie lange waren: Schaufenster mit Gitterstäben und Beton, gebaut für den Blick der Besucher. Statt nur Tiere zur Schau zu stellen, erklären sie zunehmend Zusammenhänge, Ökosysteme und deren Zerstörung. Vielleicht nach wie vor kein idealer Ort für ein Tier. Kein Ersatz fürs echte Pantanal. Aber ein Ort, der uns an unseren Wohnorten ins Gesicht presst, was draußen längst verschwindet.
Als Kind wollte ich Zoowärterin werden. Erst hielt ich meine Pläne auf Papier fest: Gehege, Kletterbäume, Wasserstellen. Später trieb ich meine Karriere im Computerspiel „Zoo Tycoon“ voran. Jedes Mal war ich aufgeregt, wenn in der Schule ein Zoobesuch anstand. Dann tauchte ich ein in diese Welt, von den bunten Aquarien bis in die Dschungelhalle, auf deren Aussichtsplattformen ich klettern und weit über das Blätterdach gucken konnte. Noch heute überkommt mich dieses Staunen, wenn ich den horrenden Eintrittspreis bezahle und an einem verkaterten Sonntag meinem Patenkind nacheile, das zu den Kängurus rennt.
Ein wissenschaftlicher Zoo ist einer der wenigen Orte ist, an denen sichtbar wird, was auf dem Spiel steht
Dabei muss ich betonen: Der Zoo Zürich ist der einzige Zoo, in den ich gehe, auch wenn ich oft in anderen Städten unterwegs bin. Er taucht regelmäßig in europäischen Rankings weit oben auf. Besucher:innen erfahren auf Tafeln, interaktiv oder vom Personal, was die Tiere gefährdet und inwiefern wir dafür verantwortlich sind. Was es braucht, sind solche wissenschaftlich, nicht nur wirtschaftlich geführten Zoos: Orte, zu denen man ohne zu starke Gewissensbisse hingehen kann, weil sie Zuchtprogramme organisieren, an Verhalten und Gesundheit forschen und ausgewählte Arten wieder auswildern.
Ich bin nicht grundsätzlich der Meinung, dass wir Tiere einsperren sollten. Nur dass ich Zoos für folgerichtig halte inmitten unserer menschlichen Spezies, die durch Nadelwälder spaziert und denkt: „Lass so einen Baum abholzen und für eine Woche ins Wohnzimmer stellen“ oder einen flauschigen Chinchilla sieht und sagt: „Das macht doch einen tollen Mantel.“
Sobald der Ameisenbär sein neues Zuhause bezieht, werde ich ihn besuchen. Weil er dort überhaupt noch existieren kann. Weil ein wissenschaftlicher Zoo einer der wenigen Orte ist, an denen sichtbar wird, was auf dem Spiel steht. Und der mich zwingt, über diesen Widerspruch und die Absurdität des Ganzen nachzudenken.
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Collage: Renke Brandt