Szene aus der ZDF-Serie "Phoenix - Change or Die": Nina (Alva Schäfer), eine junge Frau mit kinnlangen blau gefärbten Haaren und auffälligem Silberschmeck inklusive Nasenring, steht vor einer blau lackierten Holztüre

Kidnapping for Future

Die ZDF-Serie „Phoenix – Change or Die“ stellt die Frage: Wie weit darf man im Kampf gegen die Erderhitzung gehen? Und gehen die sechs Klimaaktivist:innen der Serie mit ihren Entführungen zu weit?

Von Freya Dieckmann
Thema: Kultur
10. April 2026

Worum geht’s?

Sechs junge Klimaaktivist:innen sehen ihre Zukunft durch die Folgen des Klimawandels bedroht. Schuld daran ist für sie vor allem das rücksichtslose, profitorientierte Handeln der „Schmutzigen Vier“ – vier Unternehmen, die zugleich die vier mächtigsten sowie umweltschädigendsten Konzerne Europas sind. Also entführen sie die Kinder der CEOs. Die Unternehmen der Serie sind zwar fiktiv, die steigenden CO2-Emissionen sind bezogen auf die ganze Welt aber sehr real. Durch die Entführungen wollen die Aktivist:innen die Firmen dazu bringen, endlich in den Umweltschutz zu investieren. 

Worum geht’s eigentlich?

Die Serie stellt die Frage: Wie weit darf man für den guten Zweck gehen? Rückblenden zeigen, dass die Aktivist:innen vor den Entführungen bereits versucht hatten, mit milderen Mitteln auf die Dringlichkeit des Klimawandels hinzuweisen. Doch über ihre Proteste, Fernsehauftritte und Graffiti-Aktionen lachte die Politik immer nur. Die Entführungen sind für die Gruppe, die sich „Phoenix“ nennt, also ein Akt der Verzweiflung – sie wollen die Welt retten. Dafür nehmen sie in Kauf, dass Menschen zu Schaden kommen. In diesem Fall sind es sogar Kinder, die entführt und mit Waffen bedroht werden. Das jüngste ist erst sechs Jahre alt.

Spannend ist, dass die Mitglieder von „Phoenix“ als verantwortungsvolle, sympathische junge Erwachsene auftreten: Nachdem sie die Kinder entführt haben, gehen sie gut mit ihnen um. Dadurch steigt das moralische Dilemma, das man als Zuschauer:in empfindet. Sind die Entführer:innen wirklich die Bösen? 

Szene aus der ZDF-Serie "Phoenix - Change or Die": Aktivistin Eloïse (Marie Colomb) steht in einer Straße, in der eine Demonstration stattfindet. Sie trägt einen Helm mit einem roten Kreuz darauf und ein weißes T-Shirt ebenfalls mit rotem Kreuz. Sie blickt sich hilfesuchend um, während hinter ihr Demonstranten und Polizisten aneinander geraten

Gesicht des Klimaaktivismus: Eloïse (Marie Colomb) studiert Medizin und beteiligt sich bei Demonstrationen als Sanitäterin

Wie wird’s erzählt?

Manchmal etwas unauthentisch. Einige Szenen wirken ungewollt komisch. Beispielsweise geben die Entführer:innen ihren Geiseln Unterricht in Klimafragen. Die sitzen dann auf kleinen Schulbänken und müssen Karten mit Ursachen und Folgen der Erderwärmung auf einer Tafel einander zuordnen. Oder wenn abends eine der Geiseln im Bett einen Bericht des Weltklimarates liest und vielsagend murmelt: „Ganz interessant.“ An diesen Stellen wirkt das Thema Klima eher lächerlich. Generell sind die Charaktere, sowohl die Entführer:innen als auch die Unternehmer:innen, sehr stereotyp gezeichnet. Die Unternehmer:innen sind die reichen, unreflektierten Klimasünder. Die Aktivist:innen sind eine junge, energische Gruppe, die Sprüche wie „Die Erde kocht vor Wut“ an Wände sprüht. Es ist auch schade, dass die Serie kaum von individuellen Schicksalen erzählt. Man erfährt zum Beispiel von einer Schwester eines „Phoenix“-Mitglieds, deren schwere Krankheit anscheinend mit den Machenschaften eines der Konzerne zusammenhängt. Einen eigenen Handlungsstrang bekommt sie aber nicht. Von anderen Mitgliedern erfährt man wenig über ihre Motivation, sich so radikal für das Klima einzusetzen. Es fällt dadurch schwer, mit ihnen mitzufühlen und sie zu verstehen. „Phoenix – Change or Die“ ist also eher ein Schlagabtausch von Argumenten zum Thema Klimakrise, verpackt in einer Fernsehserie. 

 

Welche realen Bezüge hat die Serie?

So einige. In der Geschichte sind Entführungen schon häufig ein politisches Druckmittel gewesen. Zu den bekanntesten Entführungsfällen in Deutschland gehören die der linksterroristischen „Roten Armee Fraktion“ (RAF). Sie entführten seit den 1970er-Jahren prominente Wirtschaftsvertreter und versuchten damit, inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen und Aufmerksamkeit für ihre Agenda zu generieren. Die RAF ermordete insgesamt 34 Menschen. Auch heute noch werden Entführungen von (terroristischen) Gruppen benutzt, um politische Forderungen durchzudrücken. 

Beim Klimaaktivismus geht es aber vor allem um sogenannten zivilen Ungehorsam. Darunter versteht man einen wissentlichen Gesetzesbruch für ein soziales Ziel. Wie zum Beispiel öffentliche Protestaktionen, die nicht direkte Gewalt an Menschen anwenden. In den vergangenen Jahren gab es in Europa einige dieser Aktionen, die von Klimaaktivist:innen durchgeführt wurden. Etwa Straßenblockaden, Besetzungen von Grundstücken und öffentlicher Infrastruktur, wie etwa Flughäfen. Oder Aktionen, bei denen Kunstwerke mit Lebensmitteln beworfen und Denkmäler mit Farbe beschmiert wurden. Auch dort diskutierte die Öffentlichkeit: Wie darf Aufmerksamkeit für ein drängendes Thema generiert werden? Und hilft es überhaupt, jahrhundertalte Kunstwerke zu attackieren, um das Klima zu retten? Mit diesen realen Bezügen spielt die Serie und denkt sie radikaler weiter – indem die Klimaaktivist:innen von „Phoenix“ zum Mittel der Entführung greifen. 

Szene aus der ZDF-Serie "Phoenix - Change or Die": Amaury de Montchanin (Arnaud Viard), Hans Frankenheimer (Benno Fürmann), Cassandra Sanchez (Jacqueline Corado) und William Barker (Jonathan Nyati) stehen in einem Fernsehstudio und blicken in die Kamera. Hinter Ihnen ist ein blendend weißes alpines Gletscherpanoramas auf einen Screen projiziert, darüber liegt der Schriftzug "Ice Back"

Gesichter des Kapitalismus: Die CEOs der „Schmutzigen Vier“, deren Kinder in der Serie entführt werden

Lohnt sich das?

Jein! Es ist das moralische Dilemma, das die Serie spannend macht. Allerdings ist die Umsetzung bedingt gelungen. An vielen Stellen wirkt die Serie zu einfach erzählt, um sich mit diesem vielschichtigen Thema auseinanderzusetzen. Die Charaktere haben zu wenig Tiefgang, die Storyline wirkt häufig konstruiert und von unrealistischen Zufällen gesteuert. Doch es gibt vereinzelt starke Szenen. Etwa dann, wenn die Unternehmensbosse vorrechnen, wie es überhaupt möglich wäre, CO2 einzusparen, ohne bankrottzugehen. Ab und zu blitzt auch etwas Spannung durch, und es gibt unerwartete Wendungen. Beispielsweise wenn ausgerechnet eine der Entführerinnen von ihrer Mutter als vermisst gemeldet und nun von der Polizei gesucht wird. Oder wenn der Anführer von „Phoenix“ ohne das Wissen der anderen noch eine weitere Geisel gefangen hält, die ihnen gefährlich werden könnte. Insgesamt hätte das Thema aber packender behandelt werden können. 

 

„Phoenix – Change or Die“ ist in der ZDF-Mediathek zu sehen.

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Fotos: ZDF / Nicolas Velter