Szene aus dem Film "Wohin mit mir?": Zwei junge Männer sitzen mit gesenktem Blick auf einer Wiese, im Hintergrund Bäume und Sträucher

Lost im Asylverfahren

Der Filmemacher Marvin Menné hat über Monate zwei minderjährige Geflüchtete begleitet. Seine Dokumentation „Wohin mit mir?“ erzählt ihre Geschichte auf Augenhöhe

Von Kathrin Hollmer
Thema: Kultur
1. Oktober 2026

Worum geht’s?

Um Majd und Shahfaisal, die in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen leben, die nicht konkret genannt wird. Shahfaisal, 16, ist aus Afghanistan geflohen. Majd, 17, aus Syrien. Die Doku begleitet die beiden 2024 ein halbes Jahr lang: auf dem Fußballplatz, beim Friseur und auf der Fahrt zum langersehnten Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Sie beobachtet die zwei in Momenten der Hoffnung, aber auch der Verzweiflung. Denn auf dem Weg zur Aufenthaltserlaubnis tun sich ständig neue Hindernisse auf, etwa weil Unterlagen fehlen oder aufgrund von Neuregelungen in der Migrationspolitik, zum Beispiel beim Thema Familiennachzug.

Worum geht’s eigentlich?

Ums Erwachsenwerden im Ausnahmezustand mit existenziellen Ängsten. Majd und Shahfaisal sind eigentlich einfach Teenager. Majd träumt davon, Fußballer zu werden, so berühmt, dass ihn in Syrien alle kennen. Shahfaisal engagiert sich im Jugendparlament und sagt: „Ich will etwas bewegen.“ Aber die drohende Abschiebung mit 18 Jahren begleitet sie jeden Tag. Während sie Deutsch oder für die Schule lernen und sich auf Ausbildungsplätze bewerben, wissen sie nicht, ob sie überhaupt eine Zukunftsperspektive in dem Land haben.

Junger Mensch mit Basecap und gemustertem T-Shirt sitzt an einem runden Tisch zwei Frauen gegenüber, die Unterlagen vor sich haben

Dem System ausgeliefert: Majd (links) weiß nicht, ob er mit 18 noch eine Perspektive in Deutschland haben wird

Wie wird es erzählt?

Die Doku konzentriert sich auf zwei persönliche Schicksale und macht dadurch das Thema Flucht und Migration greifbarer, als es anonyme Zahlen über Zuwanderung und Abschiebungen in der Berichterstattung schaffen können. „Wohin mit mir?“ ist eine intime Beobachtung, die ihren Protagonisten nahekommt, sie aber nicht ausstellt. Der zermürbende Prozess des Asylverfahrens wird deutlich, zum Beispiel wenn Majds BAMF-Bescheid auf dem Postweg verloren geht und er für die weitere Bearbeitung nicht nachweisen kann, dass er ihn rechtzeitig weitergeleitet hatte. Die Geschichten der beiden berühren, ganz ohne dramatische Musikuntermalung. Mennés Kamera lässt den Protagonisten Zeit und Raum, um ihre Gedanken zu formulieren. Dadurch transportiert sie eine große Empathie, und der Film entwickelt einen starken Sog.

Und was wird nicht erzählt?

Anstatt alles zu erzählen, stellt die Doku Fragen: Wie wird man erwachsen, wenn man keinen Raum hat, herauszufinden, was man mit seinem Leben anfangen will, sondern eine Ausbildung anfängt, um im Land bleiben zu dürfen? Wie gelingt Integration, die an vielen Stellen erschwert wird? Wie findet man seinen Platz in der Gesellschaft, wenn man mit „Ausländer raus“-Rufen konfrontiert ist? Als Zuschauer:in ist man selbst gefordert.

Gut zu wissen

„Wohin mit mir?“ war Marvin Mennés Abschlussfilm an der Hochschule Mainz. Er selbst hat keine Fluchterfahrung gemacht. In einem Interview zum Film thematisierte er das: „Ich bin überzeugt davon, dass Betroffene die Möglichkeit bekommen müssen, ihre Perspektiven selbst darzustellen, und wir in unserer Medienlandschaft dies fördern, anerkennen und sichtbar machen müssen.“ Gleichzeitig will er es nicht allein den Betroffenen überlassen, darüber aufzuklären. „Wir müssen uns dafür interessieren. Wir müssen hinschauen. Wir müssen Fragen stellen“, sagt er. Auch interessant: Majd und Shahfaisal hatten ein Vetorecht vor der Veröffentlichung. Bei schwierigen Szenen durften sie Einwände erheben, machten laut Menné davon aber nicht Gebrauch.

Drei junge Männer sitzen auf der Rückbank eines Fahrzeugs.

Immer auf Augenhöhe: Regisseur gibt den beiden Protagonisten (hier ist Shahfaisal in der Mitte) allen nötigen Raum

Stärkste Szenen

Wenn Majd erzählt, wie ihn der Druck seiner Familie belastet. Seine Eltern und sein älterer Bruder fordern ihn auf zu arbeiten, damit er Geld verdient. Dabei will er sich eigentlich auf die Schule konzentrieren. Majd formuliert, wie ihn das verletzt, wie verloren er sich fühlt. Solche Szenen zeigen das Vertrauen, das die Protagonisten zu Menné haben. Ein schöner Kontrast dazu sind Szenen, in denen sie ausgelassen sind, Autoscooter auf der Kirmes fahren oder im Wohnheim tanzen.

Lohnt sich das?

Absolut! Besonders bemerkenswert ist die Augenhöhe, auf der erzählt wird. Dafür verzichtete Menné auf ein großes Team, das den Protagonisten gegenübergestanden hätte. Stattdessen drehte er überwiegend allein – machte selbst Regie, Kamera und Ton. Sehr angenehm ist auch, dass Majd und Shahfaisal in Interviews oder etwa in Gesprächen mit Asylverfahrensberater:innen nur selbst sprechen. Es wird also nie über die beiden gesprochen, weder in Form von Voiceovern noch in Interviews mit anderen Personen.

„Wohin mit mir?“ läuft ab 1. Oktober im Kino.

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Fotos: Marvin Menné