Die Kurve kriegen
Mit 18 gibt Williane Hocq im Stadion von Royal Charleroi SC den Ton an: Sie ist eine der wenigen Vorsängerinnen
Drei Meter über dem Rasen sitzt Williane Hocq. Das rechte Bein angewinkelt, das linke auf einem schmalen Metallgeländer. Es sieht wackelig aus und alles andere als bequem. Aber das Podest vor T4, der Tribüne der Hardcorefans von Royal Charleroi, ist Hocqs Stammplatz. Seit bald vier Jahren ist Wiwi, wie sie hier alle nennen, die Capa.
Capos und Capas sind die Vorsänger und Vorsängerinnen der Ultrafans. Und viel mehr als das. Sie stimmen Sprüche und Gesänge an, bauen die Stimmung auf, viele koordinieren aber auch Choreografien und Zaunfahnen, schlichten Konflikte im Block und vertreten die Ultras gegenüber Verein, Liga und Behörden. Capos tauchen selten in den Medien auf, sie sind oft mythische Figuren. Und fast ausnahmslos Männer.
Nicht so im Stade du Pays, in dem der belgische Erstligist Royal Charleroi SC seine Heimspiele austrägt. Ein Auge aufs Spielfeld, eins auf T4, hebt Hocq ihr Megafon. Vor der 18-Jährigen Hunderte Fans, die verfolgen, wann sie schweigt oder die Arme hebt, die darauf warten, welchen Fangesang Hocq anstimmt.
"Eine Frau mit Megafon auf dem Zaun sollte keine Überraschung sein, sondern ganz normal“, sagt Williane Hocq
„Fils de Charleroi“ ist einer der bekanntesten Gesänge. Er beginnt und endet mit einem lang gezogenen „Lalalalala“, er handelt von der Stadt, ihren Menschen, der ehemaligen Kohleindustrie und ihrem Niedergang, den nur die „Söhne Charlerois“ verstehen können.
Hocq reißt die Arme hoch, sie haben gewonnen. Die Stimmung in der Kurve ist bestens, Siege sind nicht die Regel bei Royal Charleroi. Eine Vizemeisterschaft 1969, zwei verlorene Pokalendspiele, einige wenige und sehr kurze Europapokalteilnahmen. Heute steht der Club meist im unteren Mittelfeld, verpasst regelmäßig die Playoffs um die Meisterschaft.
Es wäre einfacher gewesen, den Topclubs aus Anderlecht, Brügge oder Saint-Gilles zuzujubeln. Aber für Hocq war Charleroi keine Entscheidung. Ihr Vater ist seit Jahrzehnten Fan, ihre Mutter einer der Köpfe der Wallon’s Girls, eines weiblichen Fanclubs. Beide lernten sich im Stadion kennen. Mit sieben nahmen sie Williane das erste Mal mit. Sie erinnere sich weder an den Gegner noch an das Ergebnis, sagt Hocq. Aber sehr genau an die Stimmung in T4, der Kurve der Ultras. „Ich hörte die Ultras singen und versuchte, mit meiner Kinderstimme mitzuhalten. Ich wollte unbedingt zu ihnen, in diesen Block.“
Seitdem hat Hocq kaum Heimspiele verpasst. Mit zehn Jahren schloss sie sich den Wallon’s Girls an, die auch in T4 stehen. Sie sei eigentlich immer eher schüchtern gewesen, sagt Hocq. Aber in der Kurve fiel sie mit ihrem Enthusiasmus auf. Mit 14 forderte sie ein Freund ihrer Eltern, selbst Capo, nach einem Spiel auf, auf das Podest vor der Kurve zu klettern. „Das war eigentlich zu viel der Ehre, ich hatte total Angst“, sagt Hocq. Aber sie rang sich durch, vor allem ihrem Vater zuliebe. „Heute bin ich stolz auf mich, dass ich meinen Mut zusammengenommen habe.“ Hocq stimmte einen Gesang an. Danach war sie glücklich und heiser. Als die Ultras ihr dauerhaft einen Platz auf dem Zaun anboten, sagte sie zu.
Auf ihre Karriere in der Kurve habe sie bislang nur positive Reaktionen bekommen. „Die Fans haben mich sehr gut aufgenommen, und der Verein unterstützt mich.“ Sie hofft, dass sie ein Vorbild sein kann für andere Frauen und Fankurven über Belgien hinaus. Sich auf einer Position durchzusetzen, die normalerweise Männer bekleiden, sei schon ein kleiner Sieg, sagt Hocq. „Aber ehrlich: Eine Frau mit Megafon auf dem Zaun sollte keine Überraschung sein, sondern ganz normal.“
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