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Und was feierst du so?

Als Jude feiert Daniel Alon Scheper Chanukka statt Weihnachten. Das ginge im deutschen Winter noch besser als in Israel, sagt er

Illustration: Bureau Chateau, Jannis Pätzold

Seit drei Monaten ist Daniel Alon Scheper (28) zurück in Deutschland. Vier Jahre lebte der gebürtige Kasseler in Israel, dem Land, in das er eigentlich für immer auswandern wollte. „Mir ist aber im Laufe der Zeit aufgefallen, dass ich doch sehr deutsch sozialisiert bin und in Israel nicht auf Dauer leben will.“

„Chanukka feiert sich in der kalten, dunklen Weihnachtszeit einfach besser“  

Ein Grund: die besondere Sicherheitslage, in der sich das Land befindet. Es ist umgeben von Ländern, die dem jüdischen Staat feindselig gesinnt sind, gestört vom andauernden Raketenalarm in den Grenzgebieten und der wiederkehrenden Angst vor einem neuen großen Krieg. Hätten israelische Soldaten nicht eingegriffen, wäre Scheper einmal Opfer einer Messerattacke durch einen militanten Palästinenser geworden.

Ein weiterer Grund für seine Rückkehr nach Deutschland war aber auch, dass seine Religion in Israel immer nebensächlicher wurde: „Hört sich erst mal absurd an, weil es dort ja keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt und die jüdische Religion in der Organisation des Landes sehr stark zu spüren ist.“

Ein Großteil der Restaurants im Land ist koscher (Anm. d. Red.: erlaubt nach jüdischen Speiseregeln), öffentliche Verkehrsmittel ruhen am Schabbat (Anm. d. Red.: Ruhetag am Samstag), und die Woche fängt am Sonntag an. „Aber in meinem persönlichen Alltag war der Glaube überhaupt nicht präsent“, erklärt Scheper. „Ich war zum Beispiel in der gesamten Zeit nicht ein Mal in der Synagoge. In Israel hatte ich das Gefühl, nichts extra machen zu müssen, um meine jüdische Identität auszuleben, dabei gab ich Rituale auf, die mir vorher eigentlich wichtig waren.“

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Daniel Alon Scheper  (Foto: privat)

Daniel Alon Scheper

(Foto: privat)

Chanukka, einer der wichtigsten jüdischen Feiertage, ergänzt Scheper schmunzelnd, feiere sich in der kalten, dunklen Weihnachtszeit in Deutschland ohnehin besser. In Israel komme mit dem warmen Klima nicht so richtig Stimmung auf. 

Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 164/165 v. Chr. In den Jahren davor war der jüdische Glaube durch die hellenisch-syrischen Besatzer verboten. Die jüdische Bevölkerung revoltierte und eroberte Jerusalem zurück.

„Gerade für das Selbstbewusstsein junger Juden ist das ein wichtiger Feiertag“, erklärt Scheper. „Auch weil es eine positive historische Erzählung über uns ist – hier sind wir mal keine Opfer, sondern haben selbst Geschichte geschrieben.“

Der Geschichte nach fand sich in dem zurückeroberten Tempel nur ein kleines Fläschchen Lampenöl für die siebenarmige Menora (das ewige Licht), das normalerweise nur für einen Tag gereicht hätte. Am Ende brannte die Lampe aber acht Tage lang – so lange, wie es damals dauerte, koscheres Öl herzustellen. Aufgrund dieses Wunders wird Chanukka bis heute jedes Jahr acht Tage lang gefeiert und auch als Lichterfest bezeichnet.

Der genaue Zeitraum von Chanukka variiert, da die Feiertage nach dem jüdischen Kalender berechnet werden, einem Lunisolarkalender, der sich vor allem nach den Mondphasen richtet. Immer aber fallen die Chanukka-Festtage in die Weihnachtszeit. Scheper feiert Chanukka in Deutschland im Kreis der Familie und mit Freunden: Jeden Abend wird an dem Chanukka-Leuchter eine weitere Kerze entzündet, es wird gemeinsam gesungen und gebetet. Der Chanukka-Leuchter besitzt acht Kerzenhalter und zusätzlich einen neunten, der täglich zum Anzünden der anderen Lichter dient. Gegessen werden, in Erinnerung an das Ölwunder, vor allem ölige Speisen: Latkes (frittierte Kartoffelpuffer) oder Sufganijot (Pfannkuchen).

„Ich fände einen Diversity-Feiertag gut, an dem man gemeinsam unterschiedliche Kulturen feiert“

Wenn Chanukka nicht auf die Weihnachtsfeiertage fällt, geht Alon Scheper am Heiligabend meistens zu jüdischen Freunden oder verbringt die Zeit mit seiner Familie. Dass Weihnachten in Deutschland jedes Jahr für ein paar Tage alles dominiert, hat ihn nie gestört. „Ich finde es schön, dass man in Berlin heute auf fast jedem Weihnachtsmarkt auch Chanukka-Leuchter findet. Das zeugt auch von einer gewissen Anerkennung unseres Festes.“

Neue religiöse Feiertage, findet Scheper, braucht es aber nicht. Die würden die Gesellschaft nur noch stärker spalten. „Es gibt ja eher einen Trend, der Religion den Rücken zu kehren. Und ich denke, das wird insgesamt zunehmen. Ich fände es besser, wenn so was eingeführt würde wie ein Diversity-Feiertag, an dem verschiedene Gruppen zusammenkommen und man gemeinsam unterschiedliche Kulturen feiert.“

Collage: Bureau Chateau / Jannis Pätzold

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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