Portraits von Katharina Reckers und Mariybu

„Wenn Frauen Wut zulassen, dann brennt die Luft“

Auf Demos und in Social-Media-Posts zeigt sich: Die Klage von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann hat viele Frauen aufgebracht. Rapperin Mariybu und Comedyautorin Katharina Reckers über ihre Wut – und wie die ihre Arbeit beeinflusst

Interview: Elena Tara Bavandpoori
Thema: Kultur
20. April 2026

fluter: Was bedeutet weibliche Wut für euch? 

Katharina Reckers: Für mich heißt weibliche Wut Gemeinschaft: Wenn Frauen, zum Beispiel auf Demos oder in Gruppen, Wut zulassen, dann brennt die Luft.

Mariybu: Weibliche Wut verbinde ich erst mal mit unterdrückter Wut. Ich habe Wut als Mädchen nicht gelernt oder ausdrücken können. Ich musste die erst mit Anfang 20 lernen. Mir hat eine Therapie sehr geholfen, Wut nicht mehr zurückzuhalten. Plötzlich war es mein Job, über Wut zu rappen und zu singen.

Katharina, hast du Wut auch erst später gelernt?

Katharina Reckers: Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen, und bei uns zu Hause gab es keinen Unterschied zwischen Jungs und Mädchen. Wut durfte ich rauslassen. Erst später habe ich gemerkt, in der Gesellschaft wird man als „vorlaute“, manchmal wütende Frau nicht gerne gesehen. Weder in der Schule noch in den krassen Männerdomänen, in denen ich heute arbeite – im Fußball-Journalismus und in der Comedy. Mein Gefühl ist: Wenn man als Frau Wut im Beruf rauslässt, dann verschließt es einem eher Türen, als dass es sie öffnet. 

Mariybu: Ja, meine Wut ist auch ein Grund dafür, dass ich nicht mehr bei einem Label bin. Die kam dort schlecht an. Ich habe mich aber damit abgefunden, nie übelst berühmt zu werden. Ich bleibe lieber meiner Linie treu.

„Humor schweißt uns Frauen auch zusammen. Man kennt das vielleicht von Beerdigungen, wo Lachen und Weinen nah beieinanderliegen“

Katharina Reckers

Eine neue Folge der Comedysendung „Die Carolin Kebekus Show“ beschäftigt sich mit dem Thema „weibliche Wut“. Ihr seid beide darin zu sehen. Mariybu als Musikerin, Katharina als Comedienne. Wie zeigt ihr Wut über eure jeweilige Kunstform? 

Mariybu: Zu Beginn meiner Karriere war ich in meinen Texten sehr direkt, klar und wütend, vor allem bei Themen wie Sexismus und Gewalt gegen Frauen. Aber ich habe gemerkt, dass es schwerer zu verdauen ist – besonders für Leute, die selbst davon betroffen sind. Heute nutze ich auch Satire in meinen Raps. Dann habe ich etwas zu lachen, wenn ich Texte schreibe oder auf der Bühne stehe. Es gibt in der aktuellen politischen Lage sowieso wenig zu lachen. Außerdem kommt das besser bei Männern an: Die lachen zunächst, denken danach über die Texte nach, und dann bleibt ihnen das Lachen oft im Hals stecken. 

Katharina Reckers: Total! Männer hören auch mir eher zu, wenn ich witzig und schlagfertig bin. Ich war schon an einer Folge beteiligt, als Trump erneut zum US-Präsidenten gewählt wurde, und konnte Stand-up als Ventil für meine Kritik nutzen. Humor schweißt uns Frauen auch zusammen. Man kennt das vielleicht von Beerdigungen, wo Lachen und Weinen nah beieinanderliegen. Die Situation ist traurig, aber der humorvolle Umgang hilft bei der Verarbeitung. 

Mariybu: In der Musik ist das dann eher die schöne Melodie. Manchmal singe ich mit einer ganz süßen, hauchigen Stimme, aber eigentlich gibt der Text auf die Fresse. Ich mag diesen Gegensatz.

Szene aus einer Folge der "Carolin Kebekus Show" über weibliche Wut: Eine große Gruppe von Frauen auf einer Bühne unter rotem Licht, viele tragen weiße T-Shirts mit roten Handabdrücken. In der Mitte halten Lady Bitch Ray, Ebow und Mariybu Mikrofone

Der Wut eine Bühne bieten – das macht Carolin Kebekus in einer aktuellen Folge ihrer Show

Foto: WDR

Mariybu, du performst in der Sendung unter anderem mit der Rapperin Ebow euren viralen Hit „Nicht alle Männer“. Darin geht es um Gewalt gegen Frauen und männliche Täter. War der Fall von Collien Fernandes und Christian Ulmen der Entstehungsgrund des Songs?

Mariybu: Nein, das war kompletter Zufall, total krass. Wir haben den Song bereits im vergangenen Jahr geschrieben, nach den veröffentlichten Epstein-Files und dem letzten Gerichtsprozess von Gisèle Pelicot. Frauen erfahren ja weltweit immer Gewalt, auch wenn nur ein Teil in den Nachrichten landet. Als der Fall Fernandes öffentlich wurde, hat das meine Wut nur noch unterstrichen. 

Wie habt ihr diesen Fall wahrgenommen? 

Mariybu: Mir ist schlecht geworden, als ich darüber gelesen habe. Auf der einen Seite ist es erschütternd, auf der anderen Seite nicht überraschend. Das ist das Schlimme! Aufgrund des Songs „Nicht alle Männer“ haben auch mir in der Zeit Männer online mit Gewalt gedroht. Da stand ich kurz zwischen zwei Emotionen: Ich will aufstehen und die Welt verändern oder mir die Decke über den Kopf ziehen, nichts mitbekommen.

Katharina Reckers: In mir hat der Fall die Angst hochgeholt, dass man als Frau nie sicher ist. Ich war selten so erschrocken und emotional berührt wie von dem „Spiegel“-Artikel dazu. Das war sehr außergewöhnlich, wie sich das verbreitet hat, wie wütend Frauen auf Social Media waren. Und auch unter Männern gab es eine Art „Mit-Wut“. Ich war auf der Demo gegen Gewalt an Frauen, die ausgelöst wurde durch den Collien-Fernandes-Fall. Dort hatte ich das Gefühl: Cool, Männer hören gerade zu. Mich haben auch viele Männer aus dem Freundeskreis angerufen und gefragt: Kathi, was machen wir denn jetzt? 

„Für mich war es befreiend, auf ‚Catcalls‘ wütend zu reagieren und die nicht mehr wegzulächeln. Ich habe richtig gesehen, wie sich die Männer erschrocken haben“

Mariybu

Was kann man als Junge oder Mann denn machen?

Mariybu: Ich finde, dass Jungs etwas sagen müssen, wenn sie einen unnötigen Witz oder sexistisches Verhalten mitbekommen. Das hätte ich mir früher richtig oft gewünscht. Erwachsene Männer müssen auf die Demos gehen, darüber posten, ihre Bros aufklären. Beide, Jungs und Männer, sollten erst mal feministisch handeln, bevor sie sagen: Ich bin Feminist. Sonst kaufe ich denen das nicht ab.

Katharina Reckers: Ich habe mich schon als Kind immer extrem für Fußball interessiert, aber wenn ich vor Männern etwas über Fußball gesagt habe oder mitkicken wollte, haben sie mich oft nicht ernst genommen oder abwertend reagiert. Ich habe mich dann sehr geschämt. Ich würde mir wünschen, dass Jungs in solchen Momenten achtsam auf Frauen und Mädchen reagieren. Das wäre auch damals ganz einfach gewesen, aber es ist nur selten passiert. 

Heute drückt ihr beide eure Wut in eurer Arbeit aus. Habt ihr Tipps für junge Frauen, wie auch sie ihrer Wut Ausdruck verleihen können? 

Mariybu: Für mich war es befreiend, auf „Catcalls“ wütend zu reagieren und die nicht mehr wegzulächeln. Ich habe richtig gesehen, wie sich die Männer erschrocken haben. Ich habe mich umgedreht, mich vor die gestellt und gesagt: „Halt die Fresse!“ Ich weiß, dazu gehört natürlich viel Mut, weil es auch nach hinten losgehen, gefährlich werden kann. Aber wenn ich Wut zeige, dann frisst sie sich nicht in mich hinein. Für mich war es gesund, sie da zu lassen, wo sie entsteht. 

Katharina Reckers: Es hilft, sich selbst dafür den Raum und die Erlaubnis zu geben, sich ganz bewusst zu sagen: Ich fühle mich gerade ungerecht behandelt. Ich glaube auch, dass sich junge Girls beim Wütendsein gegenseitig mehr dabei unterstützen müssen.

Was kommt nach der Wut?

Mariybu: Aufbau. Ich glaube, die Wut zerstört erst mal viel – was auch wichtig ist, damit man danach neu sortieren kann. Ich kann niemandem vergeben, wenn ich nicht erst mal wütend sein durfte. Im besten Fall folgen dann konstruktive Gespräche.

Katharina Reckers: Hoffentlich wurde mir in der Wut zugehört und daraufhin mit Respekt begegnet. Das wird aber viel länger dauern als die vergangenen paar Wochen. Noch müssen Frauen wütend bleiben und Kraft zeigen, bis sich die Strukturen verändern. 

Die Folge „Mut zur Wut“ der „Carolin Kebekus Show“ ist in der ARD-Mediathek abrufbar

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Titelbild: Christopher Glanzl – Liv Plotz