Feueralarm aus dem All
Der Klimawandel begünstigt Waldbrände, die immer größer und gefährlicher werden. Satelliten sollen helfen, sie früher zu entdecken. Und besser zu bekämpfen
Glühende Feuerlinien ziehen sich wie Lava den dunklen Hang am östlichen Ufer des Lago Maggiore entlang. Dichter Rauch steigt aus dem bergigen Wald hinter dem kleinen Dorf Laveno-Mombello auf, starke Winde peitschen die Flammen durch das trockene Gelände. In Videos dieser Nacht sieht man, wie die brennenden Baumgruppen wie Nester aus Glut leuchten. Zwei Familien, berichtet die italienische Nachrichtenagentur ANSA, werden im letzten Augenblick von der italienischen Feuerwehr evakuiert.
Mehr als 80 Einsatzkräfte der Vigili del Fuoco, der italienischen Feuerwehr, sind im Einsatz, unterstützt von Drohnen und Löschflugzeugen, die immer wieder neues Wasser aus dem See aufnehmen. Trotzdem werden am Ende gut zehn Hektar Wald abgebrannt sein, schätzen die Behörden später.
Doch nicht nur direkt am Lago Maggiore und bei der örtlichen Feuerwehr sind in dieser Nacht Anfang April 2026 alle Augen auf den Brand gerichtet. Auch 550 Kilometer über der Erde, im niedrigen Erdorbit, wird das Feuer im Detail registriert. Von einem Satelliten, der gleich ein ganzes Lagebild erfasst.
Screenshot der Software: Er zeigt eine Satellitenkarte mit markiertem Brandgebiet, mehrere Brandhotspots und eine Infotafel mit Branddaten
ID #99143783 – First Hotspot: 2026-04-04 09:40 (CTD) – First detected by FOREST-9P – Location: 8.63018°, 45.92063°.
Die Satelliten sehen dabei weder Rauch noch Flammen, sondern messen bei Tag und Nacht die Wärme, die ein Feuer abstrahlt. Die Wärmebildkameras von OroraTech registrieren selbst wenige Meter große Feuer und Temperaturunterschiede von nur drei Grad. Was für die Feuerwehr am Boden ein Inferno ist, erscheint aus dem All als Muster aus roten, überlappenden Kreisen – die Wärmestrahlung.
Mehr als 20 eigene Satelliten und Sensoren hat OroraTech ins All gebracht. Hinzu kommen mehr als 25 öffentliche Thermal- und Wettersatelliten, deren Daten das Unternehmen ebenfalls für seine Analysen nutzt.
Für den Aufbau seiner Satellitenflotte hat OroraTech mehrere Finanzierungsrunden abgeschlossen und öffentliche Fördermittel eingeworben. Inzwischen kommen große staatliche Aufträge hinzu: Griechenland bestellte für 20 Millionen Euro vier eigene Satelliten zur Waldbrandbeobachtung.
Ihre Software „Wildfire Solution“ zeigt sehr schnell und sehr einfach, wo es in dieser Nacht wortwörtlich brennt: Kleinere und größere rote Kreise kennzeichnen die Feuerherde nordöstlich von Laveno, am Berg Monteggia, einem beliebten Aussichtspunkt über den See, aber auch im knapp 1.600 Hektar großen Naturschutzgebiet Monti della Valcuvia und am Sasso del Ferro, dem Hausberg der Gemeinde Laveno-Mombello.
Diese computergenerierte Darstellung zeigt einen Satelliten mit ausgebreiteten Solarpaneelen im Weltraum
Leonie Nazemi arbeitet bei OroraTech und schon viele Jahre an der Schnittstelle von internationalem Waldschutz, Klimaschutz und modernen Technologien. Der Blick auf Waldbrände aus dem Erdorbit, sagt sie, sei nicht bloß eine weitere Schicht an Daten, nicht schlicht ein Gadget oder ein informativer Blick von oben. Möglicherweise ist der Blick aus dem All eines der entscheidenden Puzzleteile, um die immer aggressiveren Waldbrände der Welt doch noch besser einzudämmen.
„Die Brände heute sind anders, als sie noch vor zehn oder 20 Jahren waren“, sagt Nazemi. Selbst in Ökosystemen, in denen Feuer zum natürlichen Kreislauf gehören, seien die Brände wegen des Klimawandels, der anhaltenden Dürren und der extremen Hitze inzwischen teilweise so intensiv und langwierig, dass sich die Wälder gar nicht mehr erholen können.
Dieser Wandel stellt auch diejenigen vor neue Herausforderungen, die Waldbrände seit Jahrzehnten beobachten und bekämpfen. „Feuerwehrleute, die das seit 30 oder 40 Jahren machen, haben ein krasses Erfahrungswissen“, sagt Nazemi. Doch dieses Wissen beruhe zwangsläufig auf den Bränden der Vergangenheit und sei deswegen genau das: Wissen aus der Vergangenheit. Die Herausforderung sei, dass Brände heute anders verlaufen, weil sich die klimatischen Bedingungen so stark verändert haben.
Genau da soll der Blick aus dem All helfen. Aus Wind, Vegetation und Topografie berechnet die Software auch, wie sich ein Brand wahrscheinlich weiter ausbreitet. Denn schon die Steigung eines Hangs kann entscheidend sein: Bergauf breitet sich ein Feuer schneller aus als in der Ebene.
Der Waldbrandexperte Alexander Held hält genau diesen Unterschied für den eigentlichen Fortschritt gegenüber bisherigen Informationsquellen. Öffentliche Satellitendaten hätten Feuer oft nur als Nebenprodukt anderer Erdbeobachtungsprogramme erfasst, klassische Waldbrandüberwachung mit Kameras sei im Aufbau und vor allem in der Wartung sogar noch teurer.
Held beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Waldbränden. Er arbeitete als Feuerökologe bei der Max-Planck-Gesellschaft, später für das Global Fire Monitoring Center, das südafrikanische Waldbrandprogramm und das European Forest Institute in Bonn. „Dieses neue System mit Satelliten ist nicht nur ein Feuerdetektor“, sagt Held. „Es kann Wetterdaten, Wind, Gefahrenindex und Ausbreitungsmodelle mit wenigen Klicks kombinieren.“
Die Europäische Union oder das Feuerschutzprogramm Griechenlands haben Lizenzen des Unternehmens gekauft, um auf die Satellitendaten zugreifen zu können. Die Software schickt dann eine Nachricht an die Feuerwehren, die zur Kundschaft von OroraTech gehören: Achtung, hier brennt es. Mit jedem Überflug lässt sich verfolgen, wie sich das Feuer entwickelt, in welche Richtung es wandert und wie gefährlich es noch werden könnte.
„Es kann sein, dass es wenig Brennstoff und Wind gibt, sodass das Feuer gar nicht groß wird. Und dann gibt es andere Bedingungen, unter denen klar ist: Das Feuer wird sich in kürzester Zeit massiv ausbreiten und an Intensität zunehmen“, erzählt Nazemi.
Satellitenbild von Hawaii mit dem Vulkan Mauna Loa (links) und eine Wärmebildaufnahme derselben Region (rechts), die unterschiedliche Temperaturbereiche zeigt
Die Software soll auch Risiken erkennen, Brände beobachten und anschließend die Schäden erfassen. Je nach Weltregion und Dichte der Besiedelung sind Prävention und Früherkennung noch deutlich wichtiger als das eigentliche Löschmanagement.
„2015 entstanden in Indonesien riesige Brände“, erzählt Nazemi. „Dabei sind zwischen Juni und Oktober circa zwei Millionen Hektar verloren gegangen. Danach war klar: NGOs müssen viel schneller wissen, was passiert und was sie tun müssen.“
Doch Informationen allein löschen keinen Waldbrand. „Erst wenn man aus den Erkenntnissen Konsequenzen zieht, verändert sich etwas“, sagt Alexander Held.
Regierungen müssten Gebiete gezielt beweiden, etwa mit Schafen, kontrollierte Feuer legen, die brennbare Äste und Wiesen schon unter Aufsicht vernichten, oder Waldpflege dort verstärken, wo die Analysen ein besonders hohes Risiko erkennen.
Doch erst einmal sollen Beobachtungslücken von OroraTech immer kleiner werden. Bis 2028 will das Unternehmen bis zu 96 Erdüberflüge am Tag ermöglichen, sodass im Idealfall etwa alle 15 Minuten ein neuer Blick auf einen Brand möglich sein wird. Je dichter das Netz der Satelliten wird, desto kürzer bleibt ein Feuer unbeobachtet.
Am Lago Maggiore war das Feuer nach zwei Tagen unter Kontrolle. Die Satelliten von OroraTech hatten da schon zigmal irgendwo auf der Erde nach Waldbränden geschaut.
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Fotos: OroraTech