Tangerine

Tanger ist ein Sehnsuchtsort, schon vor rund 50 Jahren war die Hafenstadt im Norden Marokkos ein beliebtes Ziel von Hippies, Beatniks und Literaten wie William S. Burroughs oder Truman Capote. Und auch ein junges Berliner Pärchen aus der Jetztzeit ist in Tanger auf der Suche: Tom nach musikalischen Impulsen für seine Band, Pia nach der Antwort auf die Frage, ob die Beziehung noch eine Zukunft hat. In einem Nachtclub begegnen die beiden der jungen Einheimischen Amira. Für sie ist Tanger kein Sehnsuchtsort, sondern harte Realität. Eine Realität, in der Frauen nur dann ein selbstbestimmtes Leben führen können, wenn sie sich den patriarchalen Strukturen ihrer Familien verweigern, mit allen negativen Folgen. Tom ist für sie ein möglicher Ausweg aus ihrem Leben, und so beginnt eine Dreiecksgeschichte, die viel über den Alltag von jungen Frauen im modernen Marokko erzählt.

„Tangerine“, D/MA 2008, Regie: Irene von Alberti, mit Sabrina Ouazani, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Naima Bouzid, Nohad Sabri, 95 Minuten, ab 6 Jahren

Bombay Beach

Auch Urlaubsparadiese leben nicht ewig. In den 1950ern war der Salton-See ein boomendes Erholungsgebiet für die Los-Angeles-Metropolregion. Heute ist der See übersalzen, und im einstigen Touristenort Bombay Beach leben nur noch rund 300 Menschen, die meisten von ihnen gehören zum Bodensatz der US-amerikanischen Gesellschaft. Für einen Musikvideo-Dreh kam die israelische Filmemacherin Alma Har’el an diesen gottverlassenen Ort. Sie blieb mehrere Monate und schuf ein surreal anmutendes Porträt von Bombay Beach und seinen Bewohnern – unter ihnen der achtjährige Benny, der unter einer bipolaren Störung leidet, und der fast 80-jährige Red, der die letzten Jahre seines langen Lebens damit bestreitet, steuerfrei in einem nahen Indianerreservat gekaufte Zigaretten weiterzuverkaufen.

„Bombay Beach“, Dokumentarfilm, USA 2011, Regie: Alma Har’el, mit Benny Parrish, Dorran „Red“ Forgy, Cedric Thompson u.a., 80 Minuten, ab 6 Jahren

Dr. Alemán

Der 26-jährige Marc verbringt das Praktische Jahr seines Medizinstudiums in Calí, der drittgrößten Stadt Kolumbiens. Der sozialen Realität der Metropole kann er sich nicht entziehen, schnell ist Marc fasziniert vom flirrenden, authentischen Leben in den Favelas. Er beginnt eine Affäre mit der Kioskbesitzerin Wanda und freundet sich mit einigen Jugendlichen an, was ihn schnell auch in die Nähe von Drogen und Bandenkriminalität bringt und für zahlreiche Konflikte sorgt – mit Marcs Gastfamilie, den Doktoren in seinem Krankenhaus und mit einem der Bandenbosse. August Diehl füllt die ambivalente Rolle des Marc mit der ihm eigenen Intensität aus, das Ende des so mitreißenden wie ernüchternden Sozialdramas ist allerdings eine Spur zu reißerisch geraten. 

„Dr. Alemán“, D 2008, Regie: Tom Schreiber, mit August Diehl, Marleyda Soto, Victor Villegas, Hernán Méndez, Andrés Parra, David Steven Bravo, 106 Minuten, ab 16 Jahren

Henners Traum

Nordhessen gehört bislang nicht zu den beliebtesten zehn Reisezielen der Deutschen. Das soll sich ändern, denn rund um das klassizistische Schloss Beberbeck soll ein einzigartiges Urlaubsresort entstehen, mit Golfplätzen, fünf Luxushotels und allem Komfort. Mit einem Investitionsvolumen von 420 Millionen Euro wäre es ein Segen für die strukturschwache Region. All diese Verheißungen treiben Henner Sattler, den so hemdsärmeligen wie optimistischen Bürgermeister der Kleinstadt Hofgeismar, in eine hoffnungslose Jagd nach Investorengeldern und Baugenehmigungen. Zweieinhalb Jahre lang wurde er dabei vom Dokumentarfilmer Klaus Stern begleitet, der Sattler auch in weniger vorteilhaften Situationen zeigen darf. Das Ergebnis ist ein Lehrstück über politischen Größenwahn und Steuergeldvernichtung: Eigentlich sehr komisch, wenn es nicht so traurig wäre. 

„Henners Traum“, Dokumentarfilm, D 2008, Regie: Klaus Stern, mit Henner Sattler, Tom Krause, Bernd Köhling, Astrid Bohne, Roland Koch, 93 Minuten, ab 0 Jahren

Wir verlosen fünf DVDs von „Henners Traum“ – zum Gewinnspiel.

Paradies: Liebe

Bei „Sextourismus“ denken die meisten Leute an weiße Männer, die in südostasiatische Länder fliegen. Doch auch Frauen suchen die Erotik der Exotik, wie die einsame 50-jährige Wienerin Teresa. Am Strand von Kenia wird sie von jungen, attraktiven „Beach Boys“ umgarnt, in einen von ihnen, Munga, verliebt sie sich. Er befriedigt ihre sexuellen Bedürfnisse, sie seine finanziellen. Und so dauert es lange, bis Teresa versteht, dass das alles sehr wenig mit Liebe zu tun hat und dafür umso mehr mit dem ökonomischen Gefälle zwischen dem reichen Österreich und Kenia. Regisseur Ulrich Seidl präsentiert diese Geschichte einer Enttäuschung schonungslos: Menschen, Körper, Wünsche, Handlungen, nichts ist geschönt, alles ist in dieser tragikomischen Gesellschaftskritik so realistisch, dass es mitunter wehtut.

„Paradies: Liebe“, A/D/F 2012, Regie: Ulrich Seidl, mit Maria Hofstätter, Margarete Tiesel, Inge Maux, Peter Kazungu, Carlos Mkutano, 121 Minuten, ab 16 Jahren

In den Süden

Den gleichen Themenkomplex behandelt auch „In den Süden“, wobei Ellen, eine Professorin aus Boston, wesentlich abgeklärter mit dem Tauschhandel von Sex gegen Geld umgeht. Ende der 1970er verbringt sie mit zwei weiteren Frauen ihren Sommerurlaub auf Haiti, alle drei treiben unerfüllte Sehnsüchte. Dass sie diese mit einer latent rassistischen Ausbeutung der Haitianer zu befriedigen versuchen, übersehen sie geflissentlich. Eine zusätzliche Dimension erhält der Film durch die Thematisierung der brutalen Diktatur Jean-Claude Duvaliers, wenngleich dies nur am Rande geschieht.

„In den Süden“, F/CAN 2005, Regie: Laurent Cantet, mit Charlotte Rampling, Karen Young, Louise Portal, Ménothy Cesar, Lys Ambroise, Jackenson Pierre Olmo Diaz, Wilfried Paul, 105 Minuten, ab 12 Jahren