Vienna Calling

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Vienna Calling

Düstere Wunderkinder, versoffene Helden und ein gescheiterter Boxer – der Wiener Musikkosmos ist reich an schillernden Gestalten. Schriftstellerin Stefanie Sargnagel hat ihre Top 10 für die fluter.de-Playlist ausgesucht

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Ob Bilderbuch, Wanda oder Der Nino aus Wien: Wiener Bands und Künstler haben den deutschsprachigen Pop in den letzten Monaten ganz schön durchgeschüttelt und ihm etwas gegeben, was ihm lange chronisch abging: ein bisschen Draufgängertum, eine lässige Portion Großmäuligkeit und nicht zuletzt: Humor. Aber Bilderbuch et al. sind nur die Spitze des Eisbergs. In Wien geht natürlich noch viel mehr. Wir haben eine gefragt, die sich auskennt. Die heiß gehandelte Wiener Schriftstellerin Stefanie Sargnagel. Hier ihre persönliche Wien-Top 10:

go die big city – go spiders go

Ich sah diese fruchtbare Formation zum ersten Mal im Wiener Flex, ein Haufen Freunde aus der Wiener Indieszene, manche machten zum ersten Mal Musik. Nach der Auflösung entstand ein Haufen erfolgreicher Soloprojekte wie Squalloscope, Monsterheart, UMA, Jools Hunter, A thousand fuegos, und einer von ihnen gründete den Verlag, bei dem ich meine beiden Bücher rausbrachte.

Kurt Razelli – Barbiepuppenblond

Niemand weiß, wer Kurt Razelli ist, aber alle kennen seine Remixe österreichischer Szenen, dem Trash-TV oder der Politik. Mein Lieblingsmix ist dieser. Ich halte es kaum aus, wie diese Frau „karamellblond“ sagt, die Lippenspannung, wenn die letzte Silbe des Wortes aus ihrem Mund flutscht wie ein feuchter Furz. Nach ein paar Tracks versteht man alles an Österreich.

Mäuse – Il Pullover

Ich habe dieses Lied mit dem österreichischen Alternativsender FM4 entdeckt, der in der internetlosen Zeit eine Offenbarung für viele war. Ich war etwa zwölf Jahre alt und hatte so etwas Seltsames und Absurdes noch nie gehört, nahm es sofort auf Kassette auf und spielte es begeistert meinen Klassenkameraden vor, die nichts damit anfangen konnten. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass es so was wie Mainstreamgeschmack gibt und mich.

Apparat feat. Soap & Skin – Goodbye

Anja Plaschg startete als 16-Jährige ihr Studium an der Kunstakademie (gleichzeitig mit mir) und ihre Musiklaufbahn. Ein düsteres Wunderkind, aufgewachsen in einem winzigen Dorf als Bauernkind neben einer riesigen Schweinezucht, tagtäglich umgeben von Tierlauten, die wie schreiende Kinder klingen, könnte man sich gar nicht ausdenken.

Hans Orsolics –¬ Mei potschertes Leb’n

Hans Orsolics war in den Sechzigern der damals jüngste Europameister im Boxen, ein Star. Durch Vertrauensseligkeit gegenüber den falschen Leuten verlor er sein gesamtes Vermögen, verfiel dem Alkohol und landete immer wieder im Gefängnis, ein tragischer Abstieg. Im Laufe einer Fernsehdokumentation nahm der Liedermacher Charly Kriechbaum mit ihm diesen Track auf, der ihn 1986 aus seinen Schulden rettete. Komplett falsch gesungen betrauert er sein ungeschicktes Leben. Wenn ich es auf der Kneipenjukebox finde, drehe ich auf volle Lautstärke.

Krixi Kraxi und die Kroxn – Hallo

Natalie Ofenböck und Nino aus Wien sind sicher das eigenartigste Paar, das die Wiener Musikszene je hervorgebracht hat. Zusammen kreieren sie surreale Tracks über Nintendo spielende Käfer und Lieder, die 1992 in Konditoreien spielen. Einmal saß ich zufällig neben ihnen und hörte, dass sie sich ausschließlich in einer Fantasiesprache unterhielten.

Yung Hurn – Opernsänger

Es gab vor kurzem einen Eklat in der Wiener Musikszene aufgrund eines sexistischen Cybermobbings gegen eine junge österreichische Journalistin, an dem auch Yung Hurn eifrig beteiligt war. Eigentlich wollte ich ihn deshalb boykottieren, aber seine Kunst ist für mich trotzdem momentan eines der besten Dinge in Wien. Sie ist so schön verzweifelt, und ich kippe stundenlang in diese melancholische Hipsterdrogenjugendpoesie rein.

Müde – Sekunale Drecksbanalitäten

Eines Abends hab ich einen Typen in meiner Stammkneipe kennengelernt, er wirkte ziemlich verrückt, sprach nur in Reimen und steckte mir nach vielen Bieren einen Link zu diesem Track zu. Ich war nach dem Hören dieses Wahnsinns sofort verknallt und bin jetzt schon länger mit ihm liiert.

Wolfgang Ambros – Heite drah i mi ham

Der versoffene Held des Wiener Austropop wurde meiner Generation von Kleinkindalter auf genetisch eingepflanzt. Hier ein besonders depressives Lied, mit dem ich mich nach dem Auflegen in der Kneipenjukebox immer besonders unbeliebt mache.

Mit ihren 30 Jahren eilt der Autorin Stefanie Sargnagel bereits ein fulminanter Ruf voraus. Sie gilt als lustigste Depressive Wiens, Meisterin des Facebook-Kurzkommentars und ausdauernde Wirtshaussitzerin mit großem Bierdurst. Damit steht sie in der langen Tradition Wiener Antihelden. Ihr erstes Buch „Binge Living“, erschienen 2013 im Kleinverlag Redelsteiner Dahimène Edition, ist eine Sammlung von Facebook-Posts, Tagebucheinträgen und Kundengesprächen, die sie im Callcenter mitgeschrieben hat, in dem sie arbeitete, um sich ihr Kunststudium zu finanzieren. Ihr zweites Buch „Fitness“ ist im Herbst 2015 erschienen und wurde von so ziemlich jeder namhaften Zeitung ausführlich gelobt.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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