Zweiteilige historische Zeichnung mit einer Frau in Uniform und Waffen links und einer Frau mit Dreispitz und Jacke rechts

Ist Krieg wirklich Männersache?

Nein, sagt die Historikerin Karen Hagemann. Frauen haben über alle Zeiten und Länder hinweg eine wichtige Rolle im Militär und in den Kriegen gespielt. Wie sah das aus, und warum ist ihr Einsatz weitgehend vergessen?

Interview: Victoria Porcu
27. Juli 2026

fluter.de: Sie haben ein Buch mit dem Titel „Vergessene Soldatinnen“ geschrieben. Was genau haben Sie erforscht?

Karen Hagemann: Ich habe untersucht, wie Frauen von 1600 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieg in verschiedenen europäischen Armeen einbezogen wurden. Dafür habe ich über 300 autobiografische Texte von Frauen analysiert, außerdem Gemälde, Plakate und Fotos. Meine Forschung zeigt: Frauen haben zu Kriegszeiten immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Aber die öffentliche Erinnerung und die Geschichtswissenschaft haben sie lange ignoriert.

Welche Aufgaben haben Frauen über die Zeit hinweg übernommen?

Während des 16. und 17. Jahrhunderts gab es vor allem Söldnerheere, in denen die Soldaten für die Dauer eines Feldzuges angeworben wurden. Diese Heere bestanden zur Hälfte aus einem Tross, der Transport und Versorgung diente. Dem gehörten auch die Frauen der Soldaten an. Sie waren für die Verpflegung, Wäsche und Krankenpflege zuständig. Außerdem mussten sie das schwere Gepäck der Soldaten tragen, Befestigungsanlagen und -gräben für das Heer ausheben, beim Auf- und Abbau des Lagers helfen und die Lagerplätze säubern. Mit ihrem Partner bildeten die Frauen eine Arbeits- und Beutegemeinschaft. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts setzten sich im Zuge der Staatenbildung immer mehr „stehende“ Heere durch, die auch in Friedenszeiten unterhalten wurden und aus langfristig angeworbenen Soldaten bestanden. Um die wachsenden Armen auf Feldzügen trotzdem einsatzfähig zu halten, versuchten die Heerführer, den Train, die Versorgungseinheit der Armeen, dramatisch zu reduzieren und hierfür auch die Zahl der mitziehenden Frauen zu senken – etwa durch Heiratsbeschränkungen für die Soldaten.

Eine Frau mit Mütze versorgt einen verletzten Soldaten auf einem Schlachtfeld, während weitere Soldaten im Hintergrund liegen

Zweiter Weltkrieg, 1942: Die Sanitäterin Nina Kuranowa bei der Versorgung eines verwundeten Soldaten unter Beschuss an der Leningrader Front

Abbildung: gemeinfrei

Wie ging es dann weiter?

Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war geprägt von den französischen Revolutions- und den napoleonischen Kriegen. Damals begannen Staaten wie Frankreich, Preußen und Österreich, mithilfe einer allgemeinen Wehrpflicht Soldaten zu rekrutieren, und in der Folge wurden die Armeen immer größer. Frauen wurden in diesen neuen Massenheeren auf Feldzügen gar nicht mehr oder nur in sehr geringer Zahl zugelassen. Erst jetzt entwickelte sich das Militär zu einem weitgehend „frauenfreien“ Raum, zu einer „Schule von Männlichkeit und Nation“. Zugleich wurde es immer schwieriger, die wachsende Zahl der kranken und verwundeten Soldaten zu versorgen. Deshalb halfen Frauen aus der Mittel- und Oberschicht zunächst freiwillig in der militärischen Krankenpflege. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Krankenpflege zunehmend zu einem Frauenberuf. Nun arbeiteten immer mehr ausgebildete Krankenschwestern im Militärsanitätswesen. Dieser Trend verstärkte sich im 20. Jahrhundert. Parallel wurden im Ersten und Zweiten Weltkrieg auch wieder Frauen in der Verwaltung und Versorgung sowie dem Transport- und Nachrichtenwesen des Militärs eingesetzt, um Soldaten für den Frontdienst „frei“zustellen.

„Der Begriff „Soldat“ wurde und wird also je nach Geschlecht unterschiedlich verwendet, was die Hierarchie zwischen den Geschlechtern aufrechterhält“

Karen Hagemann

Frauen haben also sehr unterschiedliche Rollen im Krieg gespielt. Trotzdem heißt Ihr Buch „Vergessene Soldatinnen“.

Ich wollte mit dem Titel deutlich machen: Frauen haben schon immer Aufgaben ausgeübt, die auch von Soldaten geleistet wurden. Während diese Männer dafür „Soldaten“ genannt wurden, galten Frauen immer nur als „Helferinnen“ – außer wenn sie mit der Waffe in der Hand gekämpft haben, dann bezeichnete man auch sie als „Soldatinnen“. Männer hingegen galten auch dann als „Soldaten“, wenn sie weit weg von der Front im Einsatz waren. Der Begriff „Soldat“ wurde und wird also je nach Geschlecht unterschiedlich verwendet, was die Hierarchie zwischen den Geschlechtern aufrechterhält. Die beruht auf der traditionsreichen Vorstellung, dass Männer „Krieger“ seien und Familie und Frauen zu beschützen hätten.

Warum wurde der Einsatz von Frauen im Krieg so oft so schnell vergessen?

Der Dienst von Frauen im Militär widerspricht diesem traditionellen Geschlechterbild. Das Phänomen des Vergessens und Verdrängens findet sich interessanterweise überall in Nachkriegszeiten. Es hilft dabei, die Geschlechterordnung der Vorkriegszeit wiederherzustellen, die der Krieg in Unordnung gebracht hat. Erinnert wurden nur die „heroischen Soldaten“ und bestenfalls noch die „fürsorglichen Krankenschwestern“. In Deutschland hatte dieses Vergessen nach 1945 außerdem die Funktion, die Nation von der Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes zu entlasten. Zumindest die weibliche Hälfte der Bevölkerung konnte so als „unschuldig“ beschrieben werden. Diese beschönigende Haltung spiegelte sich auch in einem erheblichen Teil der Erinnerungen von Wehrmachtshelferinnen und Rotkreuzschwestern, in denen diese sich häufig als „unschuldige“ und junge Opfer des Naziregimes darstellen.

Plakat mit einer Frau in langem Kleid, die einem Soldaten mit Helm und Uniform von hinten die Hände hält, daneben große Frakturschrift mit dem Text 'Deutsche Frauen arbeitet im Heimatheer!'

Das Bild der Frau in Deutschland während des Ersten Weltkriegs: Plakat der Kriegsamtstelle Magdeburg. Design: Gottfried Kirchbach, Berlin 1917

Abbildung: gemeinfrei

Sie sprechen von einer „traditionellen Geschlechterordnung der Vorkriegszeit“. Wie verändert sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern denn im Krieg?

Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert basiert die Geschlechterordnung auf der Vorstellung von „biologischen Unterschieden“ zwischen Mann und Frau. Daraus wurden unterschiedliche Charaktereigenschaften und damit gesellschaftliche Verantwortlichkeiten abgeleitet: Männer seien für Politik, Militär und Wirtschaft und Frauen für Haushalt und Familie zuständig. Kriege wurden zu einer nationalen „Ausnahmesituation“ erklärt, für die bei Bedarf die gesamte Bevölkerung für die Kriegsunterstützung an der „Heimatfront“ als auch für den Militärdienst selbst mobilisiert werden musste. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Helferinnen in den britischen Streitkräften und der deutschen Wehrmacht selbst in der Flugabwehr eingesetzt. Sie durften alles machen, nur nicht schießen. Nach dem Krieg wurden Frauen dann schnell wieder demobilisiert und zurück an Heim und Herd geschickt.

Wie steht es um die Gleichstellung von Frauen im Militär heute?

Bei der Bundeswehr beträgt der Frauenanteil 13,7 Prozent, was dem NATO-Durchschnitt entspricht. Mit einem so geringen Anteil haben Frauen wenig Chancen, die Militärkultur der NATO-Streitkräfte zu ändern. Dazu ist gemäß der Forschung eine deutliche Steigerung notwendig, die aber vermutlich nur erreicht werden kann, wenn eine geschlechtergerechte Dienstpflicht mit der Möglichkeit der Verweigerung für Frauen und Männer eingeführt wird. Zugleich müsste die Kultur in den Streitkräften frauenfreundlicher, sexuelle Diskriminierung und Gewalt müssen systematisch bekämpft werden. Das sind bisher die Gründe in der NATO, dass ein höherer Anteil von weiblichen Freiwilligen die Streitkräfte früher als ihre männlichen Kameraden wieder verlässt. Auch die Vereinbarkeit von Militärkarriere und Familie müsste weiter verbessert werden. Ob so eine Politik in den Streitkräften angestrebt wird und durchgesetzt werden kann, hängt von Gesellschaft und  Politik ab. Rechtspopulistische Parteien und Bewegungen wollen auch hier aktuell das Rad der Geschichte zurückdrehen.

 

Prof. Dr. Karen Hagemann ist Historikerin und Professorin an der University of North Carolina at Chapel Hill. Seit rund 30 Jahren forscht und publiziert sie unter anderem zur Geschichte von Militär und Krieg sowie zur Kultur-, Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

Titelbild links: „Gesche Meiburg. 34 Jahre alt“  Flugblatt von 1615. Titelbild rechts: Hannah Snell, die sich als Mann verkleidete, um im britischen Heer zu kämpfen, nach einem Gemälde von Richard Phelps, 1750. Abbildungen: gemeinfrei