Mann im Trainingsanzug steht seitlich an einem offenen Fenster und blickt auf eine Siedlung mit Häusern und Bäumen

„Fick dich, Majestät!“

Der Aktivist John Davidson hat Tourette und beleidigt unkontrolliert – ob Mitschülerinnen, einen Richter oder eben die Queen. Das Biopic „Verflucht normal“ folgt ihm durch ein Leben voller Missverständnisse

Von Luca Klander
Thema: Kultur
28. Mai 2026

Worum geht’s?

Der Aktivist John Davidson (Robert Aramayo) kommt aus dem schottischen Galashiels und hat das Tourettesyndrom, eine Erkrankung des Nervensystems. Für ihn bedeutet das: unwillkürliche Tics, Zuckungen und vulgäre Ausrufe, die in seinem Fall besonders ausgeprägt sind. Der Film begleitet ihn ab seiner Jugend in den 1980er-Jahren, als die Symptome erstmals auftreten. Aus dem Kind, das von einer Karriere als Fußballtorwart träumt, wird plötzlich ein Schüler, der es im Unterricht kaum schafft, ein Gedicht vorzulesen. Sein gesamter Alltag ist davon geprägt, dass seine Erkrankung ihn behindert. Dabei begreifen weder seine Familie noch seine Mitschüler*innen, dass er keine Kontrolle über seine beleidigenden Worte und Taten hat. 

Er wird verspottet und geschlagen, gibt aber nicht auf. Schließlich nimmt ihn die immerzu lächelnde Dottie (Maxine Peake), die Mutter eines ehemaligen Mitschülers, unter ihre Fittiche. Außerdem bekommt er einen Job in einem Gemeindezentrum, wo der schroffe, aber gutmütige Hausmeister Tommy (Peter Mullan) zu seinem Mentor wird. Mit der Unterstützung der beiden schöpft er allmählich neues Selbstvertrauen und beginnt, die starren Vorurteile über ihn Stück für Stück aufzubrechen. 

 

Zwei Personen sitzen auf einer Parkbank und essen belegte Brote aus Alufolie

Mit vollem Mund flucht man nicht! John und Dottie beim Lunch

Worum geht’s eigentlich?

John Davidson ist eine reale Person. Der Film zeichnet seinen Lebensweg nach, vom Beginn seiner Tics als Teenager bis hin zu dem Moment, als ihn die Queen für sein jahrzehntelanges Engagement als Tourette-Aktivist mit einem Orden auszeichnet. Kleiner Spoiler: Er ruft dabei „Fuck the Queen!“. Diese Szene offenbart sogleich die schlechte als auch die gute Nachricht des Films. Die schlechte: Menschen mit Tourette können ihre Tics nicht kontrollieren – und noch weniger, wie andere auf sie reagieren. Der Umgang damit bleibt eine lebenslange Herausforderung. Die gute: Wenn selbst die Queen dieser Erkrankung mit Geduld und Verständnis begegnen kann, sollten alle anderen Menschen auch in der Lage dazu sein. 

Gut zu wissen

John Davidson war selbst als Produzent an dem Film beteiligt. Bereits 1989 porträtierte ihn die viel gesehene BBC-Dokumentation „John’s Not Mad“. Sie bot Einblicke in das Leben des Teenagers mit der damals kaum bekannten Erkrankung. In „Verflucht normal“ wird sein Auftritt in jener Dokumentation allerdings ausgeklammert.

 

Zwei Polizisten führen einen Mann im Trainingsanzug ab

Sein Tourettesyndrom bringt John in Schwierigkeiten mit der Polizei …

Wie wird das erzählt?

Der Film beginnt am triumphalen Ende der Ordensverleihung, springt dann zurück in die Vergangenheit und arbeitet sich chronologisch vor. Das erzählerische Rezept besteht aus dem ständigen Pendeln zwischen kurzen Momenten der Selbstermächtigung und anschließenden sozialen Fehltritten oder Demütigungen. Das ist leider schnell so absehbar, dass selbst drastische Momente an Wucht verlieren. Dazu kommt, dass der Film Davidsons Innenleben selten ausleuchtet und Konflikte fast immer über äußere Eskalation vermittelt. Dadurch bleibt seine Gedankenwelt erstaunlich verschlossen. Man hofft und leidet zwar mit ihm, aber versteht ihn nicht ganz.

Was wird nicht erzählt? 

Neben all den Reaktionen der Mitmenschen und dem mühsamen Erklären seiner Tics bleibt kaum noch Raum für Johns tieferes psychologisches Leiden. Wie geht es ihm eigentlich? Damit, dass sein Vater die Familie verlassen hat? Oder damit, dass seine alleinerziehende Mutter sich aus Überlastung von ihm distanziert? Wie steht es um seine Sehnsucht nach langfristigen Beziehungen oder nach der Intimität einer Partnerschaft? Diesen komplexeren Fragen weicht „Verflucht normal“ einfach aus. 

Ein Mann im dunklen Anzug mit Fliege und Kilt steht einer älteren Frau mit weißem Haar und hellem Kostüm gegenüber, beide reichen sich die Hand in einem festlichen Saal mit sitzendem Publikum im Hintergrund

… aber auch zu einer Ordensverleihung durch die Queen

Eindrücklichste Szene

John ist im Gericht. Er hat versehentlich eine Kneipenschlägerei ausgelöst. Als er vor seiner Aussage vereidigt werden soll, entgleist ihm eine Beleidigung gegen den Richter. Auf diese schwer auszuhaltende Szene spielt auch der Originaltitel des Films „I Swear“ an, der im Englischen sowohl „ich schwöre“ als auch „ich fluche“ bedeutet. In dieser Szene trifft der Film einen differenzierteren Ton für die eigentliche Tragik in Johns Leben: die ständigen Missverständnisse. 

Lohnt sich das?

Kommt darauf an, was man sucht. Als Aufklärungsfilm funktioniert er gut. Man weiß nach zwei Stunden deutlich mehr über Tourette als vorher. Als Drama ist er oft zu glatt und zu brav. Wer ihn rettet, ist Hauptdarsteller Robert Aramayo. Seine feinsinnige Performance belebt das gut gemeinte, zuweilen aber didaktische Drehbuch. Kurz: Wer britische Underdog-Geschichten mag und kein Problem mit sentimentaler Klaviermusik hat, wird solide unterhalten. Wer Vielschichtigkeit erwartet, schaut besser die BBC-Doku.

 

„Verflucht normal“ läuft ab dem 28. Mai im Kino.

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Fotos: Wild Bunch Germany